• de
  • en

Aerosolstudie von BVG, TU Berlin und Charité belegt: Gute Luft im ÖPNV trotz Corona

Die BVG und TU Berlin haben in Zusammenarbeit mit dem Charité haben gemeinsam eine Aerosol-Studie für den ÖPNV durchgeführt I © BVG/ Oliver Lang

Die Fahrt mit den Öffentlichen in Berlin bleibt auch während der Corona-Pandemie sicher – für Fahrgäste und Fahrpersonal. Das belegt eine aktuelle Studie des Fachgebiets Experimentelle Strömungsmechanik der Technische Universität Berlin sowie des Labors für Biofluidmechanik der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Ein Team von Wissenschaftler*innen um Prof. Dr.-Ing. Christian Oliver Paschereit und PD Dr.-Ing. Ulrich Kertzscher hatten im Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) experimentell die Ausbreitung von Aerosolen in verschiedenen Berliner U-Bahnen, Trams und Bussen untersucht.

Mit Hilfe von Dummies wurde die Verbreitung des Nebels gemessen I © BVG/ Oliver Lang

Hierfür nutzten die Forscher*innen künstlichen Theaternebel sowie Aerosolmessungen, bei denen virenbehaftete Atemluft simuliert und von menschenähnlichen Puppen eingeatmet wird. So konnten sie feststellen, dass die Fahrzeuglüftung sowie das gezielte Öffnen von Fenstern und Türen für eine effektive Reduktion der Aerosolkonzentration um bis zu 80 Prozent sorgen. Bei der Untersuchung nicht einbezogen wurde der zusätzliche, positive Einfluss von medizinischen Masken, wie sie derzeit von den Fahrgästen getragen werden. Das Volumen eines Busses zum Beispiel entspricht in etwa dem eines mittelgroßen Konferenzraumes. Das Öffnen der Türen an jeder Haltestelle wäre damit vergleichbar, während einer Besprechung etwa alle eineinhalb Minuten die Fenster zu öffnen. Zusätzlich sind die Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr oft nur wenige Minuten in den Fahrzeugen unterwegs.

Blick in den Innenraum des U-Bahnwagens während des Aerosol Tests I © BVG/ Oliver Lang

Prof. Dr.-Ing. Christian Oliver Paschereit, Leiter des Fachgebiets Experimentelle Strömungsmechanik an der TU Berlin: „Es hat uns sehr gefreut, dass unsere neu entwickelte Messtechnik dazu beitragen konnte, die Ausbreitung von Aerosolen im öffentlichen Nahverkehr und damit das Ansteckungsrisiko mit SARS-CoV-2 zu beurteilen. Wir konnten hier zeigen, dass die Belüftungsanlagen als auch das Öffnen der Fenster und Türen die Aerosolkonzentration in den betrachteten Verkehrsmitteln sehr deutlich reduzieren.“

PD Dr.-Ing. Ulrich Kertzscher, Leiter des Labors für Biofluidmechanik an der Charité: „Es war eine spannende Herausforderung, unser Messsystem in den verschiedenen Fahrzeugtypen im Fahrbetrieb einzusetzen. Dass die Messergebnisse so positiv ausgefallen sind, hat uns tatsächlich überrascht, aber natürlich auch sehr gefreut. Wie erwartet müssen Maßnahmen ergriffen werden, aber das Öffnen der Fenster und Türen in Kombination mit den Belüftungsanlagen in den Bussen und Zügen reduzieren die Aerosolausbreitung deutlich.“

Eva Kreienkamp, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG): „Es freut mich sehr, dass diese Studie nun allen unseren Fahrgästen und Mitarbeiter*innen bestätigt: die Nutzung von Bussen und Bahnen stellt kein erhöhtes Ansteckungsrisiko dar. Mit Maske, Abstand und guter Lüftung sind wir weiterhin gemeinsam sicher unterwegs.“

Temperaturmessung während des Tests I © BVG/ Oliver Lang

Dr. Manuela Huetten, leitende Betriebsärztin und Pandemiebeauftragte der BVG: „Es war uns ein besonderes Anliegen, dass auch die Wirksamkeit der Trennscheiben in unseren Bussen unter Corona-Aspekten wissenschaftlich überprüft wird. Anders als bei U-Bahn und Tram sitzen unsere Fahrpersonale in unseren Bussen nicht in einer Kabine. Die Studie zeigt, dass die neu eingebauten Trennscheiben effektiv die Ausbreitung von Aerosolen aus dem Fahrgastraum zum Fahrpersonal verhindern und dieses gut abschirmen. In Kombination mit der Fahrerraumlüftung ergibt sich so aus arbeitsmedizinischer Sicht ein Höchstmaß an Sicherheit am Arbeitsplatz.

“Trotz einer Nachfrage von aktuell nur rund 45 Prozent der vergleichbaren Vor-Corona-Zeiträume fahren Busse und Bahnen der BVG weiterhin das volle Angebot, im Schülerverkehr und auf einer Reihe von Buslinien sogar mit zusätzlichen Leistungen. So ist besonders viel Platz in den Fahrzeugen. Dort, wo technisch möglich, öffnen die Türen der Züge und Busse an allen Haltestellen automatisch. Die Erkenntnisse aus der Studie werden nun genutzt, um Lüftung und Fensteröffnung in den einzelnen Fahrzeugen noch gezielter zur Reduktion von möglichen Aerosolkonzentrationen einzusetzen.

Die Fahrgäste in Bus und Bahn sind durch medizinische Masken und regelmäßigen Luftaustausch geschützt I © BVG/ Oliver Lang

Die Fahrgäste in Bus und Bahn sind durch medizinische Masken und regelmäßigen Luftaustausch geschützt. Als erstes Bundesland hatte Berlin im April 2020 zur Eindämmung der Corona-Pandemie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im öffentlichen Nahverkehr verpflichtend gemacht. Seit Januar 2021 ist eine medizinische Maske vorgeschrieben, etwa OP-Masken oder Masken nach dem FFP2- oder KN95-Standard.Im Juli 2020 führte die BVG als erstes Nahverkehrsunternehmen Deutschlands eine von behördlichen Bußgeldern unabhängige Vertragsstrafe in Höhe von 50 Euro bei Verstößen gegen die Maskenpflicht ein. Mit täglich zwischen rund 97 und 99 Prozent ist die „Maskendisziplin“ der Berliner Fahrgäste bereits seit Monaten erfreulich hoch.

30.04.2021
4 1 Stimme
Artikelbewertung
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste Meiste Stimmen
Inline Feedbacks
View all comments
Ronald Kretzschmar
Ronald Kretzschmar
6 Monate zuvor

Frische Luft ist immer gut. Auch abseits von Corona existieren Krankheitserreger wie z.B. Grippeviren. Nicht umsonst nehmen Infektionskrankheiten im Sommer stark ab: hierbei spielt nicht nur das virentötende UV-Licht eine Rolle sondern auch häufiges oder ständiges Lüften außerhalb der Heizperiode. Diese Chance darf man nicht verbauen, der nächste Winter kommt bestimmt.
Umso bedauerlicher ist es, daß man in den letzten dreißig Jahren in Ostdeutschland effektive Schiebe- oder Übersetzfenster ausgerottet hat zugunsten wenig wirksamer Miniklappfenster ohne Umklappfunktion oder zugunsten von Klimaanlagen. Zu Klimaanlagen ist der obige Beitrag auch wenig aussagekräftig: filtern Klimaanlagen Viren heraus und wie hängt das von der Außentemperatur ab, Stichwort Frischluftanteil?
Warum erweckt die Politik mit der Forderung nach FFP2-Masken speziell im ÖPNV (nicht aber z.B. in Ladengeschäften) den Eindruck, dieser sein besonders gefährlich? Warum fahren bei niederschlagsfreiem Wetter und Plustemperaturen Busse und Bahnen, so sie denn überhaupt noch zu öffnende Fenster haben, an den Endstellen ab, ohne das der Fahrer mindestens jedes zweite Fenster geöffnet hat. Die Fahrgäste können dann durchaus bedarfsweise Fenster wieder schließen („weil es zieht“, „weil es frisch ist“), aber die ersten Haltestellenabschnitte mit vielen offenen Fenstern in Kombination mit dem Fahrtwind würden schon für einen effektiven Luftaustausch sorgen. Erst langsam würden sich während der Fahrt einige Viren ansammeln, aber nur bis zur nächsten Endstellenabfahrt. Sind solche Maßnahmen zu einfach? Ohne Fahrtwind und bei Windstille dürfte der Gasaustausch durch das alleinige Öffnen gerade auch von kaum luftbewegenden Schwenkschiebetüren erheblich geringer sein. Man kennt das aus der Wohnung: effektives Lüften erfolgt nicht durch offene Fester/Türen auf nur einer Wohnungseite. Man benötigt „Durchzug“. Im ÖPNV hilft hier der Fahrtwind.
Klimaanlagen sind Energiefresser und die bisweilen durch sie verbreiteten Gerüche lassen keinen Optimismus bezüglich besonders gesunder Luft aufkommen. Ist diesbezüglich in den gemäßigten Breiten Mitteleuropas nicht ein Umdenken angesagt, das die Nutzer des ÖPNV durch ihre Verkehrsmittelwahl schon vorweggenommen haben und das durch die Ausstattung von Bussen und Bahnen mit SUV-Merkmalen nicht eher konterkariert wird?
Auch in der EU gibt es Beispiele, wo problemlos auch neue ÖPNV-Fahrzeuge mit großzügig bemessenen wegschiebbaren Fensterflächen versehen werden, in Krakau ist mir das aufgefallen oder in Ungarn. Geht doch!
In den vielen Monaten seit Beginn der Pandemie hätte es möglich sein müssen, technische Änderungen an Fahrzeugen vorzunehmen oder administrative Maßnahmen zu ergreifen, die ein dauerhaftes Öffnen der Türen während der Wendezeiten sicherstellen. Stattdessen schließen noch immer viele Türen nach jedem zusteigenden Fahrgast automatisch, obwohl noch viele Minuten bis zur Abfahrt hätte gelüftet werden können (gesehen z.B. im Triebwagen der MRB in Königsbrück). Warum stehen Personenaufzüge in Parkposition immernoch mit geschlossenen Türen?
Wenn klimatisierte Fahrzeuge bei mittleren Temperaturen ausnahmsweise mit den verfügbaren Klappfenstern unter Mithilfe des Fahrtwindes belüftet werden (hoffentlich bei ausgeschalteter Klimatisierung), geht das nicht auf wissenschaftlich fundierte Vorschriften zurück, sondern erfolgt auf Initiative von Personalen unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes (gesehen im Regionalexpreß zwischen Leipzig und Dresden).
Stattdessen haben die Fahrgäste in den offenen (!) Wagen der Nahverkehrszüge zwischen Radebeul und Radeburg und zwischen Freital und Kipsdorf unter Strafandrohung FFP2-Maske zu tragen.

Mit nachdenklichen Grüßen,

Ronald Kretzschmar