
Mit der Stilllegung der traditionsreichen Ramleh-Straßenbahn vollzieht Alexandria derzeit einen der radikalsten Systemumbauten im städtischen Schienenverkehr Nordafrikas. Das Projekt steht exemplarisch für den globalen Trend, historisch gewachsene Straßenbahnsysteme durch leistungsfähigere Stadtbahninfrastrukturen zu ersetzen – und die damit verbundenen Zielkonflikte.
Historisches System mit strukturellen Defiziten
Das Straßenbahnnetz von Alexandria zählt zu den ältesten weltweit: Bereits 1863 eröffnet und ab 1902 elektrifiziert, entwickelte sich insbesondere die Ramleh-Linie zu einer der wichtigsten Ost-West-Achsen der Stadt. Mit zuletzt rund 80.000 Fahrgästen täglich und einer Streckenlänge von etwa 32 km war sie ein zentraler Bestandteil des urbanen Verkehrs.
Gleichzeitig litt das System unter jahrzehntelangem Investitionsstau. Niedrige Durchschnittsgeschwindigkeiten von rund 11 km/h, veraltete Infrastruktur und eingeschränkte Zuverlässigkeit begrenzten die Leistungsfähigkeit erheblich. Vor dem Hintergrund zunehmender Verkehrsüberlastung und Urbanisierung geriet eine grundlegende Modernisierung zunehmend in den Fokus der Verkehrspolitik.

Vollständige Betriebseinstellung 2026
Der Übergang in das neue System begann Anfang 2026 mit einer schrittweisen Stilllegung. Nach ersten Einschränkungen im Februar wurde der Betrieb am 1. April 2026 vollständig eingestellt. Seither erfolgt der umfassende Rückbau der bestehenden Infrastruktur, einschließlich Gleisen, Energieversorgung und Haltestellenanlagen.
Die vollständige Unterbrechung des Betriebs stellt dabei einen bewussten Bruch mit der historischen Kontinuität dar – im Gegensatz zu vielen europäischen Modernisierungsprojekten, bei denen Umbauten häufig unter rollendem Rad erfolgen.
Neubau als beschleunigtes Stadtbahnsystem
Anstelle der klassischen Straßenbahn entsteht ein modernes Light-Rail-System mit deutlich veränderten Parametern. Die künftige Strecke wird auf rund 13 km grundlegend erneuert und teilweise neu trassiert.
Zentrale Elemente sind:
- Erhöhung der Durchschnittsgeschwindigkeit von 11 auf etwa 21 km/h
- Reduzierte Haltestellendichte (ca. 500 m Abstand)
- Moderne Leit- und Sicherungstechnik
- Einsatz von 30 langen Neubaufahrzeugen (Hyundai Rotem), vermutlich Niederflur
Das Projekt zielt damit klar auf eine Kapazitäts- und Effizienzsteigerung ab und orientiert sich konzeptionell stärker an Stadtbahn- bzw. Metrosystemen als an klassischen Straßenbahnen.

Infrastrukturwandel: Vom Bahnkörper zum Viadukt
Besonders prägend ist der infrastrukturelle Paradigmenwechsel: Während die historische Ramleh-Tram überwiegend auf eigenem, ebenerdigem Bahnkörper verlief, wird künftig ein erheblicher Teil der Strecke aufgeständert geführt. Schätzungen zufolge soll mehr als die Hälfte der Linie auf Viadukten verlaufen.
Dieser Ansatz folgt internationalen Beispielen kapazitätsorientierter Systeme, etwa in Teilen Asiens, steht jedoch im deutlichen Kontrast zu europäischen Strategien, die eher auf Integration in den Stadtraum setzen.
Stilllegung und Rückbau ab 2026
Seit Anfang 2026 wurde der Betrieb der Ramleh-Straßenbahn schrittweise heruntergefahren: Nach ersten Testsperrungen im Februar folgte ab dem 11. Februar eine teilweise Einstellung, bevor der Betrieb am 1. April 2026 vollständig eingestellt wurde.
In den Wochen zuvor kam es zu regelrechten „Abschiedsfahrten“, ehe die letzten Züge Anfang April den Betrieb endgültig einstellten.
Parallel zur Stilllegung begann der umfassende Rückbau der Infrastruktur, einschließlich Gleisen, Oberleitungen und teilweise auch begleitender Stadträume.
Kritik und Kontroversen
Der Umbau stößt in Alexandria auf erhebliche Kritik und wird gesellschaftlich kontrovers diskutiert. Während die Regierung das Projekt als notwendigen Modernisierungsschritt zur Erhöhung von Kapazität und Geschwindigkeit darstellt, sehen viele Bewohner darin einen tiefen Eingriff in das historische Stadtbild.
Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass die Strecke zukünftig aufgeständert wird. Mehr als die Hälfte der künftig rund 13 km langen Linie soll auf Viadukten geführt werden. Kritiker befürchten, dass der bisherige, von Bäumen gesäumte Bahnkörper durch „Betonstelzen“ ersetzt wird und damit das charakteristische Stadtbild verloren geht.
Darüber hinaus wird argumentiert, dass die Umstellung auf ein schnelleres, stärker vom Individualverkehr entkoppeltes System zwar betriebliche Vorteile bringt, jedoch die stadträumliche Integration verschlechtert. Stadtplaner warnen, dass die neue Infrastruktur stärker auf Durchsatz und Geschwindigkeit ausgelegt sei und weniger auf Aufenthaltsqualität und lokale Erschließung.

Auch verkehrliche Effekte werden kritisch gesehen: Bereits während der Bauphase hat die Stilllegung zu einer Verschärfung der Verkehrsprobleme geführt, da Ersatzverkehre die Nachfrage nur teilweise kompensieren können. Einige Stimmen sehen darin ein Indiz, dass der Umbau kurzfristig sogar zu einer stärkeren Nutzung des motorisierten Individualverkehrs führen könnte.
Schließlich spielt der Verlust des kulturellen Erbes eine zentrale Rolle in der öffentlichen Debatte. Für viele Einwohner ist die Straßenbahn nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern ein identitätsstiftendes Element der Stadt. Kritiker sprechen daher von einem Spannungsfeld zwischen Modernisierung und „kultureller Entwurzelung“.

Im Kontext der Entwicklungen in Alexandria lohnt sich auch ein Blick nach Kairo: Dort wurde die traditionsreiche Heliopolis-Bahn vollständig stillgelegt und durch eine Metro ersetzt. Anders als in Alexandria, wo zumindest Teile der bestehenden Trasse weiter genutzt und in eine aufgeständerte Stadtbahn überführt werden sollen, bedeutete die Umstellung in Kairo einen vollständigen Systemwechsel. Zudem entstanden entlang der ehemaligen Straßenbahntrasse breite Schnellstraßen und Viadukte für den Autoverkehr, was den Wandel der verkehrspolitischen Prioritäten zusätzlich unterstreicht. Beide Beispiele verdeutlichen damit einen klaren Trend: Historische Straßenbahnsysteme werden zunehmend durch leistungsfähigere, vom Straßenverkehr getrennte Verkehrsmittel ersetzt – oftmals auf Kosten ihres kulturellen und stadtbildprägenden Erbes.
Einordnung im internationalen Kontext
Der Umbau in Alexandria steht exemplarisch für eine Entwicklung, die auch in anderen Regionen zu beobachten ist: Während Städte in Europa ihre Straßenbahnsysteme modernisieren und ausbauen, erfolgt in vielen Schwellenländern ein Systemwechsel hin zu stärker segregierten, metroähnlichen Lösungen.

Im Vergleich zu Projekten wie in Casablanca oder Rabat, die bewusst auf moderne Straßenbahnsysteme mit hoher stadträumlicher Integration setzen, geht Alexandria einen anderen Weg – hin zu höherer Geschwindigkeit und Kapazität, jedoch mit geringerer Einbindung in den öffentlichen Raum.
Ausblick
Die Wiederinbetriebnahme ist für Ende 2027 vorgesehen. Ob das neue System die Erwartungen hinsichtlich Leistungsfähigkeit und Attraktivität erfüllt, wird maßgeblich davon abhängen, wie gut es gelingt, betriebliche Effizienz mit städtischer Integration zu verbinden.
Weitere Informationen über den ÖPNV Ausbau und den Bau der Metro in Alexandria finden sich hier:

