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Alstom will Bahnsparte von Bombardier übernehmen

In der Bahnindustrie verbreiteten sich die Nachrichten vor knapp zwei Wochen wie ein Lauffeuer. Schon seit längerer Zeit gab es immer wieder Gerüchte über eine neue Konsolidierung in der Bahnindustrie, u.a. zwischen Bombardier und seinen Wettbewerbern. Nach der erfolglosen Fusion von Alstom und Siemens suchte Alstom nun nach einer neuen Allianz. Der französische Schienenfahrzeug- und Verkehrstechnikhersteller gab am 17. Februar 2020 bekannt, dass er plant, die kanadisch-deutsche Bombardier Transportation zu übernehmen. Als erster Schritt wurde ein Memorandum of Understanding mit Bombardier Inc. und Caisse de Dépôt et Placement du Québec („CDPQ“) unterzeichnet hat. CDPQ ist einer der Hauptaktionäre von Bombardier Transportation.

Der französische Alstom Konzern plant, die Bahnsparte des angeschlagenen deutsch-kanadischen Bombardier Konzerns zu übernehmen. Sowohl die Flugzeug- als auch die Transportbranche von Bombardier stecken seit Jahren in finanzielle Schwierigkeiten und befinden sich in einer Krise. Nicht nur in Deutschland kam es zu verspäteten Fahrzeuglieferungen und Qualitätsmängeln. Um die finanzielle Situation von Bombardier zu verbessern, wurde bereits vor mehreren Jahren ein Teil der Flugzeugproduktion und -entwicklung des Regionalflugzeugs C-Serie an Airbus veräußert, die es seit dem unter dem Markennamen „A220“ weiterführt.

Nach der chinesischen CRRC wäre Alstom nach dem Kauf von Bombardier zweigrößter Player in der globalen Bahnbranche I Quelle: SCI Verkehr/ Frankfurter Allgemeine

Die Verkehrssparten von Alstom und Bombardier sind in etwa gleich groß. Die Akquisition wird Alstom somit zu einem starken Akteur auf dem weltweiten Bahnbranche machen. Beide Unternehmen würden sich ergänzen, so die Einschätzung. Nach der Transaktion erwartet Alstom einen Auftragsbestand von rund 75 Milliarden Euro und einen Umsatz von rund 15,5 Milliarden Euro. Auf diese Weise wird Alstom nach dem chinesischen Riesen CRRC mit einem Umsatz von rd. 30 Milliarden Euro die „globale Nummer zwei“ auf dem weltweiten Bahnmarkt.

Der von Alstom genannte Kaufpreis für den Erwerb von 100% der Bombardier Transportation-Aktien beträgt 5,8 bis 6,2 Mrd. Euro, die über einen Mix aus Cash und neuen Alstom-Aktien gezahlt werden. CDPQ wird ca. 2 Mrd. EUR entsprechend 100% des Barerlöses aus dem Verkauf seiner Beteiligung an Bombardier Transportation erhalten und weitere 0,7 Mrd. EUR in Alstom reinvestieren.

Bombardier – ein Konglomerat aus verschiedenen Herstellern weltweit

Bombardier selbst hatte selbst zwischen den 1970er und 2000er Jahren eine Reihe weltweiter Schienenfahrzeughersteller zusammengekauft, darunter die Lohner Werke in Wien (1970) und die Montreal Locomotive Works (MLW) im Jahr 1975, die US-Amerikanischen Hersteller Budd und Pullman-Standard, in den 1980ern die BN Constructions Ferroviaires et Métalliques in Brügge, Belgien, sowie die ANF-Industrie in Crespin, Frankreich, 1992 den bis dahin staatlichen Mexikanischen Hersteller Concarril, 1995 die Waggonfabrik Talbot KG in Aachen, 1998 die Deutsche Waggonbau AG (DWA) mit den Werken in Bautzen und Görlitz und den Hersteller Vevey aus der Schweiz. Im Jahr 2001 erfolgte die Übernahme von DaimlerChrysler Rail Systems/ Adtranz mit der Zentrale nahe dem Flughafen Berlin Tegel und den Standorten Hennigsdorf (bei Berlin), Mannheim, Kassel, Nürnberg, Dreis-Tiefenbach sowie Braunschweig. In der Schweiz waren die Standorte Zürich, Turgi sowie Pratterln betroffen. Auch die Adtranz Standort in Großbritannien, Dänemark (Früher Scandia A/S in Randers), Schweden, Norwegen, Portugal, Italien und Polen sowie das Joint Venture in China waren nunmehr Teil von Bombardier Transportation.

Durch sich überlagernde Entwicklungs- und Produktionskapazitäten strukturierte Bombardier seine Aktivitäten ab 2001 um. Vor allem in Deutschland mussten kartellrechtliche Randbedingungen berücksichtigt werden, die dazu führen, dass das erst im Jahr 2000 zwischen Stadler und Adtranz gegründete Joint Venture Stadler Pankow GmbH im Jahr 2001 vollständig in den Besitz von Stadler überging. Stadler war somit im Besitz der Lizenzen für die Produktion des Regionaldieselzuges Regioshuttle und der Niederflurstraßenbahn Variobahn.

Aufgrund der Rezession in der Bahnbranche wurden ab 2004 mehrere Werke in Europa geschlossen. Insgesamt wurden sieben Produktionsstandorte in fünf Ländern geschlossen und weltweit 6600 Stellen abgebaut. Dazu gehört auch die Schließung des Standortes Nürnberg (ehemals MAN), der Produktionsstätte Amadora in Portugal sowie drei Werke in Großbritannien, eines in Kalmar, Schweden. Darüber hinaus wurden 2005 auch die Werke in Ammendorf in Halle (Saale) und das Werk Pratteln in der Schweiz geschlossen. Seit dem Jahr 2006 war das ehemalige Gebäude der Königlichen Eisenbahndirektion in Berlin am Schöneberger Ufer 1 das Hauptquartier von Bombardier. Nach Stellenstreichungen in den Jahren 2016 – 2017 wurden die Büros in ein Bürogebäude in der Nähe des Potsdamer Platzes verlegt.

Die Reaktionen

Weltweit würde die gemeinsame Belegschaft von Alstom und Bombardier über 70.000 Mitarbeiter betragen. Dementsprechend beunruhigt sind die lokalen Betriebsräte an vielen Standorten. An einigen Standorten wurden bereits politische Ankündigungen durch Betriebsräte und Politiker getätigt, so zum Beispiel in Deutschland. Wie der Werkverbund und die damit zusammenhängende Produkt- und Entwicklungsstrategie eines großen Alstom Konzerns mit Bombardier Aktivitäten aussehen wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Aus heutiger Sicht kann zunächst davon ausgegangen werden, dass nach dem Zusammenschluss viele Standorte weiter betrieben werden. Zudem befindet sich die Bahnbranche im Wachstum. Im Zeitraum 2015-2025 wächst die Branche „Personenzüge“ voraussichtlich jährlich um 3% bis 5%. Die Dynamik wird durch den Urbanisierungstrend und die Dekarbonisierung des Verkehrs zusätzlich beschleunigt. In Europa hat die Europäische Kommission für die kommenden Jahre sehr ehrgeizige Ziele in Bezug auf die CO2-Reduzierung festgelegt und mehrere Länder haben große Investitionen in die Schiene angekündigt. Darüber hinaus plant Alstom, die bestehenden Engineering Kapazitäten für Forschung und Entwicklung neuer Produkte zu nutzen. Wie sich die Werke in Zukunft die Arbeit teilen würden, ist noch nicht bekannt. Es bleibt aber zu hoffen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und es nicht zur Schließung von Standorten und Kündigungen kommt wie in den Jahren 2004 – 2005 bei der Übernahme zahlreicher Hersteller durch Bombardier (siehe oben).

Eine schrittweise Übernahme

Alstom hat vergangenes Jahr einen Branchenrekord von 40 Mrd. EUR und einem Jahresumsatz von 8,1 Mrd. EUR zum 31. März 2019 erreicht. Im Zeitraum 2016-2019 erzielte Alstom eine starke Umsatzentwicklung mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 5,5%. Dies übertraf den Markt und führte zu einer deutlich verbesserten Rentabilität (bis zu 7,5% bereinigte EBIT-Marge).

Bombardier Transportation hat derzeit einen Auftragsbestand von 32 Mrd. EUR und einem Umsatz von 7,4 Mrd. EUR (Stand Dezember 2019). Das Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin verfügt über eine langjährige Marktführerschaft, ein starkes Know-how und bietet ein breites Produktportfolio in allen Marktsegmenten. Dabei beinhaltet Bombardiers industrieller Fußabdruck sowohl Best-Cost- und High-Tech-Ländern. Bombardier verfügt über Fertigungsstandorte u.a. in Brasilien, China (über Joint Ventures), Deutschland, Frankreich, Groß Britannien, Indien, Italien, Kanada, Mexiko, Österreich, Polen, Spanien, Schweden, Tschechien und den USA.

Nach der Transaktion wird Alstom von bedeutenden zusätzlichen Technologien und zusätzliche Ressourcen für Forschung & Entwicklung profitieren, um seine Innovationsführerschaft im Bereich der nachhaltigen Mobilität zu festigen.

Alstom mit neuem Amerika Headquarter in Québec

Die neue Alstom würde somit auch die Präsenz in Québec, Kanada, weiter ausbauen. Nach der Transaktion würde Montréal den Hauptsitz von Alstom auf dem amerikanischen Kontinent und alle Alstom-Operationen und -Expansionen in diesen Regionen leiten. Bislang war Montréal der „historische“ Hauptsitz von Bombardier, die im französischen Québec im Jahr 1942 gegründet wurde (damals noch für den Bau von Snow Mobilen). Darüber hinaus wird Alstom in Québec ein Kompetenzzentrum für die Bereiche Innovation und nachhaltige Mobilität einrichten.

Was bringt Alstom der Kauf von Bombardier?

Die Akquisition von Bombardier Transportation ist nach Aussagen von Alstom eine einmalige Gelegenheit, das Produktportfolio zu erweitern und geographisch zu expandieren. In den letzten vier Jahren hat Alstom sein operatives und finanzielles Profil erheblich gestärkt, um sich strategisch besser aufzustellen und neue Produkte zu entwickeln. Dabei wird Bombardier Alstom folgende Vorteile bringen:

• Ergänzende geografische Präsenz in wichtigen Wachstumsmärkten, basierend auf Bombardiers erfolgreicher historischer Erfolgsbilanz in Deutschland, Großbritannien, Nordamerika und einer einzigartigen Präsenz in China

• Attraktive Erweiterung des Alstom Produktportfolios um weitere Mobilitätslösungen, insbesondere in Nischenmärkten wie Monorails und People Mover (automatische Metros)

• bedeutende Vermögenswerte für das Alstom-Dienstleistungsgeschäft mit Zugang zu einer weltweit großen Zugflotte und einem breiten Netzwerk von Wartungseinrichtungen und Erschließung neuer Möglichkeiten durch eine verstärkte Marktabdeckung und ein verstärktes Serviceangebot

• ergänzende und neue Geschäftsregionen im Signalgeschäft

• Komplettes Innovationsportfolio und bedeutende Engineering- und F & E-Ressourcen, um intelligente und umweltfreundliche Mobilitätsinnovationen voranzutreiben

• industrieller Fußabdruck zu den besten Kosten, einschließlich in Osteuropa, Mexiko und China, und ergänzender Fußabdruck in reifen Märkten, z.B. Deutschland & Großbritannien

Eine lohnende Investition für alle Stakeholder

Alstom ist nach eigenen Aussagen bestrebt, das volle Betriebs- und Rentabilitätspotenzial von Bombardier Transportation wiederherzustellen. Das bedeutet, dass die seit Jahren schwächelnden Performance von Bombardier in seinen Projekten und auch finanziell wieder hergestellt werden soll. Es sei darauf hingewiesen, dass Bombardier Transportation für das Jahr 2019 einen Verlust angemeldet hat und sowohl in Europa als auch Nordeuropa die Auslieferung von Bahnprojekten teilweise stark verspätet sind. Alstom möchte dies mit den folgenden Mitteln ändern:

• Konzentration auf den „Turnaround“ und die Abarbeitung des Rückstands auf der Grundlage der systematischen Einführung von Alstom „Best Practices“

• Strukturierter Aktionsplan zur Sicherstellung einer erfolgreichen Integration und Bereitstellung von Best Practices und Technologien von Alstom weltweit

• Einführung von Alstoms Finanzdisziplin und erfolgreiche Erfolgsbilanz bei der Steigerung der Rentabilität

• Die starken kulturellen Ähnlichkeiten und das Verständnis von Alstom und Bombardier Transportation konnten in zahlreichen gemeinsam geführten Konsortialprojekten und Kooperationen bereits unter Beweis gestellt werden  (zum Beispiel lieferte Bombardier in der Vergangenheit Wagenkästen für die TGV Duplex in Frankreich, gemeinsame Entwicklung von Fahrzeugen für die RATP Paris sowie für die DT5 der Hamburger Hochbahn).

Darüber hinaus wurden zahlreiche Synergien identifiziert. Alstom plant, in den Jahren 4 bis 5 nach dem Kauf sogenannte Run-Rate-Cost-Synergien in Höhe von 400 Mio. EUR zu erzielen. Aufgrund der höheren Effizienz wird erwartet, dass die Transaktion ab dem zweiten Jahr nach Abschluss für die Alstom-Aktionäre einen zweistelligen Gewinn je Aktie erzielt. Kunden werden auch von dem umfassenden Fachwissen und dem breiten Portfolio eines gemeinsamen Konzerns profitieren.

CDPQ wird neuer langfristiger Aktionär von Alstom

Gemäß den Bedingungen der Akquisition wird CDPQ (derzeit 32,5% Anteil an Bombardier Transportation) mit rund 18% des Kapitals der größte Anteilseigner von Alstom. CDPQ ist ein hoch angesehener strategischer Investor mit einem langfristigen Investitionsansatz und verfügt über eine bedeutende und erfolgreiche Erfolgsbilanz in der Bahnindustrie. CDPQ unterstützt die Transaktion und die Strategie von Alstom. CDPQ wird seinen Erlös in Höhe von ca. 2,0 Mrd. € reinvestieren und eine zusätzliche Investition von 0,7 Mrd. € in Alstom durchführen.

Bouygues bleibt mit rund 10% des Kapitals ein wichtiger Anteilseigner von Alstom. Das französische Unternehmen unterstützt die Transaktion und hat sich verpflichtet, auf der Hauptversammlung für die dementsprechende Beschlüsse zu stimmen.

Für bestehende Alstom-Aktionäre wird erwartet, dass die Transaktion einen erheblichen Mehrwert liefert und ihnen wird die Möglichkeit geboten, Alstom bei der Finanzierung dieser strategischen Akquisition durch eine Bezugsrechtsemission zu begleiten, sofern dies von der Hauptversammlung genehmigt wird.

Indikativer Zeitplan und die nächsten Schritte

Die Unterzeichnung der Absichtserklärung wurde von den jeweiligen Verwaltungsräten von Alstom und Bombardier Inc. einstimmig genehmigt und die geplante Transaktion wird von CDPQ unterstützt. Das „Memorandum of Understanding“ organisiert den Informations- und Konsultationsprozess von Alstom und Bombardier ihrer jeweiligen Betriebsräte und enthält ausschließliche Zusagen beider Parteien.

Eine außerordentliche Hauptversammlung, bei der über die Kapitalerhöhungen und die Bezugsrechtsemission abgestimmt wird, wird spätestens zum 31. Oktober 2020 stattfinden. Bouygues verpflichtete sich, bei dieser Hauptversammlung für die Transkation zu stimmen. Vorbehaltlich der Hauptversammlung wird die Bezugsrechtsemission zwischen Ende 2020 und dem ersten Halbjahr 2021 stattfinden und die reservierten Kapitalerhöhungen dementsprechend zum Abschluss erfolgen. Der Kauf von Bombardier durch Alstom muss auch von den zuständigen Aufsichtsbehörden und Kartellbehörden genehmigt werden. Die Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2021 erwartet. Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten berichten.

02.03.2020

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