Antalya: Nostalgiestraßenbahnlinie (vorerst) eingestellt

In der Altstadt | © Bernhard Kußmagk

In der Türkei fand in den vergangenen drei Jahrzehnten ein regelrechter Boom bei der Einführung neuer Straßen- und Stadtbahnsysteme statt. Zu den ersten Städten, die (wieder) auf den städtischen Schienenverkehr setzten, gehört Antalya, mit heute rund 1,3 Mio. Einwohnern am Mittelmeer gelegen.

Während seit 2009 ein modernes Netz mit Niederflurzügen im Auf- und Ausbau ist, war schon 10 Jahre früher, am 27. März 1999, eine 4,4 km lange, eingleisige Strecke zwischen Müze und Zerdalilik eröffnet worden. Die Bahn verbindet das Archäologische Museum (Müze) im Westen mit dem östlichen Stadtteil Zerdalilik. Sie führt dabei direkt am historischen Stadtzentrum Kaleiçi, dem Hadrianstor und dem Karaalioğlu-Park vorbei.

Streckenplan der Linie T2, entnommen aus: TRAM ATLAS TÜRKEI | © Robert Schwandl
Berührungspunkt mit den Linien T1a und T1b nahe der Altstadt | © Bernhard Kußmagk

Hier kamen ausschließlich vierachsige Großraumzüge, bestehend aus Trieb- und Beiwagen, zum Einsatz, die aus Nürnberg übernommen worden waren. MAN und Düwag hatten die Wagen 1959-64 gebaut – in Nürnberg wurden sie durch die ersten Serien von Niederflurwagen abgelöst worden. Im Zuge einer Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Antalya kamen sie Ende der 1990er Jahre als Geschenk in die türkische Metropole.

Die historischen Straßenbahnwagen in Antalya erhielten vor Ort einfache Nummern von 1 bis 6 – die ungeraden Nummern stehen für die Triebwagen und die geraden für die Beiwagen.  Da die Beiwagen im laufenden Betrieb in der Regel fest einem Triebwagen zugeordnet blieben, bildeten sich folgende drei feste Paare:

  • Zug 1: Triebwagen 1 (ex Nbg 213) + Beiwagen 2 (ex Nbg 1553)
  • Zug 2: Triebwagen 3 (ex Nbg 255) + Beiwagen 4 (ex Nbg 1534)
  • Zug 3: Triebwagen 5 (ex Nbg 212) + Beiwagen 6 (ex Nbg 1586)

Jeweils zwei Züge fuhren im angenäherten 30-Minuten-Takt, der dritte Zug blieb als Reserve. Die Bahn etablierte sich nicht nur als Stadtverkehrsmittel auf der bedienten Strecke, sondern entwickelte sich schon bald zu einer Touristenattraktion, nicht zuletzt durch ihr altertümliches Erscheinungsbild besonders im Vergleich zu den modernen Niederflurwagen, die auf den inzwischen drei weiteren Stadtbahnlinien in Antalya fahren.

Endstelle Müze, links ex-Nürnberger Tw 5 + Bw 6, rechts CAF-Niederflurtram auf Linie T3 | © Bernhard Kußmagk
© Bernhard Kußmagk
Vorübergehende Stilllegung der Linie

Am 17. Juli 2026 wurde der Betrieb der Nostalgiestraßenbahn Linie T2 zwischen Müze und Zerdalilik vorübergehend eingestellt. Anlass waren mehrere technische Defekte sowie Zwischenfälle mit den über 65 Jahre alten ehemaligen Nürnberger Straßenbahnwagen. Nach Angaben der Stadtverwaltung diente die Betriebseinstellung ausschließlich der Gewährleistung der Fahrgastsicherheit und sollte eine umfassende technische Überprüfung der Fahrzeuge ermöglichen. Während der Unterbrechung wurde mit der Buslinie NT07 ein Ersatzverkehr eingerichtet.

Die Betriebseinstellung löste in Antalya erhebliche öffentliche Diskussionen aus. Medien berichteten zunächst über eine endgültige Stilllegung der traditionsreichen Strecke – u.a. bedingt durch angebliche Erschütterungen an  Gebäuden entlang der Strecke – woraufhin zahlreiche Bürger und Stadtteilvertreter gegen den Verlust eines Wahrzeichens der Innenstadt protestierten. Die Stadtverwaltung widersprach diesen Berichten jedoch ausdrücklich und erklärte, dass weder die Strecke noch die Gleisanlagen aufgegeben werden sollten. Vielmehr sei lediglich eine zeitweilige Aussetzung des Betriebs bis zum Abschluss der technischen Untersuchungen vorgesehen, außerdem sollen Teile der Infrastruktur erneuert werden. Dafür wurde inzwischen ein Zeitrahmen von etwa zwei Jahren genannt. Das Argument der Erschütterungen an Gebäuden ist beim halbstündlichen Straßenbahnverkehr ohnehin nur wenig glaubwürdig, fahren doch in wesentlich größerer Zahl schwere Lastwagen und Omnibusse nahe daran vorbei.

Ob die Linie nach Abschluss der Arbeiten tatsächlich wieder in Betrieb geht, hängt von der Finanzierung und den Entscheidungen der Stadtverwaltung ab. Bislang gibt es aber definitiv keinen offiziellen Beschluss, die Strecke dauerhaft aufzugeben.

Zerdalilik | © Bernhard Kußmagk
01.08.2026