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Auslieferung der Bombardier Flexity Wien – Ende der klassischen E1?

Sie prägen das Wiener Stadtbild wie wahrscheinlich kein anderes Wiener Verkehrsmittel mit Ausnahme der Fiaker. Es gibt kaum einen Spielfilm oder eine Reportage, in der die klassischen rot-weißen Trams der Wiener Linien nicht zu den Darstellern gehören. Die Rede ist von den sogenannten Wiener E1 Straßenbahnen und den dazugehörigen c4 Beiwagen, die in den Jahren 1966 – 1977 gebaut wurden und seit jeher bei der Wiener Straßenbahn zum Einsatz kommen.

Zwar sind noch 21 Züge in Wien im Einsatz, jedoch nimmt die Wahrscheinlichkeit, die formschönen Straßenbahnen auf dem Wiener Straßenbahnnetz anzutreffen, mit der Auslieferung der neuen Bombardier Flexity Wien Straßenbahnen nun deutlich ab. Nach dem Ersteinsatz der Flexity, Typ D der Wiener Linien vor über einem Jahr, am 6. Dezember 2018 auf der Straßenbahnlinie 67 (Otto-Probst-Platz – Reumannplatz), sind die neuen Flexitys seit September 2019 nunmehr auf der Linie 6 (Burggasse-Stadthalle – Geiereckstraße) anzutreffen.

Parallel geht auch der Einsatz der klassischen E1 Straßenbahngarnituren mit c4 Beiwagen zurück. Ende Oktober endete der Einsatz auf der Linie 49, so dass sie nur noch auf den Linien 25, 26, 30 und der Vienna Ring Tramway zum Einsatz kommen.

Wie kam es zu der Bestellung? 

Lange Zeit war klar: Wenn es um Niederflurstraßenbahnen geht, ist Wien ULF Stadt. ULF steht für Ultra Low Floor. Es handelt sich dabei um Straßenbahnen mit besonders niedriger Einstiegshöhe, und zwar auf 220 mm im Gegensatz zu den 300 – 350 mm bei herkömmlichen Niederflurstraßenbahnen. Die Denkmalschutzbehörde untersagte seinerzeit den Bau von Bahnsteigen, die höher als der Bordstein sind. Dies führte zur Entwicklung des ULF und hat den Vorteil, dass quasi auch vom Bürgersteig stufenlos in die ULF Straßenbahnen eingestiegen werden kann. Wien war dabei die einzige Stadt weltweit, die auf die von Siemens in Wien-Simmering entwickelten und gebauten ULF Straßenbahnen setzte. Siemens lieferte in den Jahren 1998 – 2017 insgesamt 332 ULF (Ultra Low Floor) Straßenbahnen in verschiedenen Bauserien, die allesamt im Wiener Siemens Werk Simmering gefertigt wurden.

Die ULF zeichnen sich durch einachsige Fahrwerkportale mit darin untergebrachten Fahrmotoren aus. Durch die nicht vorhandenen Drehgestelle und Achsen konnte die Einstiegshöhe von 220 mm erreicht werden. Zu dem ersehnten Erfolg außerhalb Wiens kam es aber nicht. In den Jahren 2008/09 wurden lediglich 10 ULF der Type A1 nach Oradea, Rumänien verkauft wurden.

Heute besteht der Wiener ULF Wagenpark aus folgenden Fahrzeugen:

  • 51 ULF A, Länge: 24,2 m, Baujahre 1998 – 2007
  • 101 ULF B, Länge: 35,5 m, Baujahre 1998 – 2005
  • 80 ULF A1, Länge: 24,2 m, Baujahre 2006 – 2012
  • 100 ULF B1, Länge: 35,5 m, Baujahre 2008 – 2017

Der Liefervertrag zwischen Siemens und den Wiener Linien beinhaltete außerdem eine Option für weitere 150 Züge. Die Wiener Linien verzichteten allerdings darauf und entschieden sich für die Neuausschreibung des Auftrags. Im Herbst 2013 schrieben die Wiener Linien somit die Beschaffung der nächsten Straßenbahngeneration neu aus. Nachdem Ende 2014 die Bestellung von 119 Fahrzeugen der Bombardier Flexity Reihe bekannt gegeben wurde, fand Mitte 2015 nach einer erfolglosen Beschwerde von Siemens die offizielle Vertragsunterschrift statt. Der Auftrag beläuft sich auf 562 Mio. Euro und umfasst auch einen Wartungsvertrag und eine Option auf weitere 37 Einheiten. 

Flexity Wien / Typ D/ ELF

Im Jargon der Wiener Linien heißen die im Bombardier Herstellerwerk in der Donaustadt hergestellten Züge Type D. Anfangs wurde auch die Typenbezeichnung ELF für „Extra Low Floor“ verwendet. Die Bezeichnung Flexity Wien ist die Markenbezeichnung des Herstellers Bombardier.

Beim Flexity Wien handelt es sich wie beim um eine maßgeschneiderte Spezialanfertigung mit 215 mm Einstiegshöhe, wobei sowohl in Punkto Komponenten als auch der Wagenkasten Ähnlichkeiten zur bestehenden Flexity Reihe in Berlin und der Flexity 2 Plattform aufweisen. Das Design wurde durch die Döllmann-Design Agentur (Döllmann Design + Architektur ZR GmbH) erarbeitet und am Fahrzeug umgesetzt.

Das Fahrzeug wurde als fünfteiliger Multigelenkwagen mit drei Drehgestellen konzipiert mit einer Länge von 33,81 m und einer Breite von 2,38 m. Im Innenraum befinden sich 62 Sitzplätze und Stehfläche für bis zu 211 Fahrgäste. Während alle sechs Türen eine Einstiegshöhe von 215 mm aufweisen, beträgt die Bodenhöhe im Innenraum 280 mm und ca. 350 mm über den Fahrwerken. Der Höhenunterschied wird mittels Rampen überwunden und ist für den Fahrgast somit kaum spürbar.

Der Einsatz bei den Wiener Linien

Anfang 2020 waren mittlerweile acht Einheiten unterwegs. Bis Jahresende 2020 sollen es insgesamt 17 Züge sein. Die im September 2019 in Betrieb genommene Linie 11 (Otto-Probst-Platz – Kaiserebersdorf in Simmering) wird als nächstes bestückt. Wann genau das erfolgen wird, ist nach Auskunft der Wiener Linien noch nicht klar.

Vertraglich ist die Lieferung von 119 Flexitys bis 2025 vereinbart, mit der Möglichkeit die Flottengröße bis 2026 auf 156 Stück zu erhöhen. Ob diese Option gezogen wird, hängt insbesondere vom weiteren Ausbau des Wiener Straßenbahnnetzes ab.

Von Dezember 2018 an bis September 2019 waren die Flexity Züge auf der Linie 67 im Einsatz. Die Fahrzeuge sind aber im gesamten Streckennetz einsetzbar. Aus diesem Grund entschieden sich die Wiener Linien im Herbst dazu, den Einsatz auf die Linie 6 auszuweiten. Schon jetzt sind die Flexity Bahnen ein voller Erfolg: Sowohl Fahrgäste als auch FahrerInnen zeigen sich begeistert von der neuen Straßenbahn. Dazu gehört sicherlich die Tatsache, dass die Bahnen mit Klimaanlagen ausgestattet sind und darüber hinaus über einen ansprechenden und geräumigen Innenraum verfügen. Hervorzuheben ist der im Vergleich zu den ULF’s freie Durchblick dank breiter Übergänge und die LED Scheinwerfer.

Ersatz der E1 Straßenbahnflotte

Mit der fortschreitenden Auslieferung der Bombardier Flexity Bahnen wird der Einsatz der klassischen E1 Sechsachserzüge mit Beiwagen schrittweise zurückgehen.

Die Straßenbahnen der Type E, E1 und E2 sind die größte Serie Lizenzbauten der Düwag (Duewag) GT6 Straßenbahnen. Die sechsachsigen Gelenkwagen, die den in Deutschland produzierten GT6 sehr ähnlich sehen, wurden zwischen 1959 und 1990 in verschiedenen Varianten von Simmering-Graz-Pauker (SGP) sowie Lohner gebaut. Während es sich bei den E und E1 um den klassischen GT6 Triebwagen handelt, entsprechen die E2 den sogenannten „Mannheimer“ GT6 mit hochgezogenen Fenstern und moderner Fahrzeugsteuerung.

Mit Status Februar 2020 befanden sich noch insgesamt 21 E1-Triebwagen und entsprechende c4 Beiwagen im Einsatz. Wann die E1 Fahrzeuge endgültig aus dem Einsatz der Wiener Linien verschwinden werden, lässt sich heute noch nicht mit Genauigkeit sagen. Der Einsatz der Fahrzeuge hängt von unterschiedlichen Faktoren wie Streckenausbau oder Intervallverdichtungen ab. Nach Aussagen der Wiener Linien gilt: Der Fahrgast darf keine Verschlechterung erfahren. Deshalb sind die Garnituren so lange im Einsatz bis sie von neuen Flexity Garnituren ersetzt werden können. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass dies im Jahr 2022 oder 2023 der Fall sein wird.

Die ältesten Fahrzeuge der Reihe E1 sind jetzt 50 Jahre alt und haben das Ende ihrer Lebensdauer somit erreicht. Materialien, die für andere Baureihen, z.B. die E2, verwendet werden können, werden ausgebaut und wiederverwendet. Das restliche Fahrzeug wird verschrottet. Ein Weiterverkauf ist aufgrund des fortgeschrittenen Alters und des nicht vorhandenen Niederflureinstiegs nicht mehr sinnvoll.

Von den ursprünglich 122 E2 Triebwagen und 117 c5 Beiwagen der Baujahre 1978 – 1990 befinden sich heute noch 119 Triebwagen und 116 Beiwagen im Einsatz. Ihr Ersatz ist mit der Auslieferung der gesamten Flexity Serie geplant.

Heute können finden sich noch zahlreiche E1 Triebwagen in anderen Städten Europas im täglichen Einsatz. Zwischen 2001 gelangten Wiener E- und E1-Straßenbahnen nach Braila (Rumänien), Craiova (Rumänien), Graz (Österreich), Katowice/ Schlesien (Polen), Kraków (Polen), Miskolc (Ungarn), Rotterdam (Niederlande), Sarajevo (Bosnien & Herzegowina). Im täglichen Einsatz befinden sich die E1 Straßenbahnen heute noch in Braila, Craiova, Katowice/ Schlesien, Kraków und Sarajevo.

E/ E1 Straßenbahnen im Museum

In verschiedenen Museen und Sammlungen befinden sich heute folgende Fahrzeuge. (Quelle: https://www.strassenbahnjournal.at/wiki/index.php/Type_E1)

  • 4513 Dog Lodge Allgäu, D
  • 4528 MA 48 Wien Rautenweg
  • 4707 Miskolci Közlekedési Vállalat, HU (als 185)
  • 4722 Miskolci Közlekedési Vállalat, HU (als 182)
  • 4755 Feuerwehr der Stadt Wien, Leopoldau
  • 4773 Fa. BZS, Kreiensen, D
  • 4783 Hannoversches Straßenbahn-Museum, Wehmingen, D
  • 4786 Münchner Trambahn-Gesellschaft Blindheim e.V., D
  • 4868 WTM (ab 2008 4814)
26.02.2020

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Kleine Anmerkung: Die Fuhrwerke heißen nicht Vieracker, sondern Fiaker und die Mehrzahl von Flexity schreibt sich ohne Apostroph (Flexitys). Ansonsten danke ich für den schönen und informativen Bericht.