Bluebus: Das Ende eines französischen Pioniers bei Elektrobussen

Der allereste Gelenk-Bluebus fuhr in Rennes | © David Le Pautremat

Nach rund 15 Jahren und fast 700 ausgelieferten Elektrobussen steht die Produktion von Bluebus vor dem Aus. Bolloré war einer der frühen europäischen Pioniere bei batterieelektrischen Stadtbussen. Doch die für einen wirtschaftlichen Betrieb notwendige Größenordnung wurde nicht erreicht.

Das Ende von Bluebus rückt näher. Der französische Bolloré-Konzern hat am 8. September 2026 angekündigt, die Produktion von Elektrobussen bei seiner Tochtergesellschaft Bluebus dauerhaft einstellen zu wollen. Gleichzeitig prüft ein europäisches Industrieunternehmen aus dem öffentlichen Verkehrssektor die Übernahme bestimmter Bluebus-Aktivitäten, darunter auch Entwicklungsarbeiten. Die Pläne befinden sich noch im Konsultationsverfahren mit den Arbeitnehmervertretern und sind daher noch nicht endgültig umgesetzt. Von den geplanten Restrukturierungsmaßnahmen könnten über einen Zeitraum von drei Jahren 74 Arbeitsplätze betroffen sein.

Damit geht möglicherweise ein ungewöhnliches Kapitel in der Entwicklung des europäischen Elektrobusses zu Ende. Bluebus war 2011 in der Bretagne mit dem Anspruch gegründet worden, einen vollständig elektrisch betriebenen Stadtbus in Frankreich zu entwickeln und zu fertigen. Eine Besonderheit des Konzepts war die enge Verbindung zum Batteriegeschäft des Bolloré-Konzerns: Die von der Schwesterfirma Blue Solutions entwickelte Lithium-Metall-Polymer-Technologie (LMP) kam auch in den Bluebus-Fahrzeugen zum Einsatz.

Nach Angaben von Bolloré wurden seit der Gründung fast 700 Bluebus-Fahrzeuge der sechs- und zwölf-Meter-Klasse an rund 60 Verkehrsbetriebe in Frankreich und anderen europäischen Ländern ausgeliefert. Zu den bekanntesten Kunden gehörten die Pariser RATP und die STIB in Brüssel.

Ein früher Vorstoß in die Elektromobilität

Bluebus trat zu einer Zeit in den Markt ein, als batterieelektrische Busse im europäischen ÖPNV noch weit davon entfernt waren, ein Massenprodukt zu sein. Das Unternehmen verfolgte dabei einen eigenen Ansatz: Fahrzeugbau und Batterietechnik waren innerhalb des Bolloré-Konzerns eng miteinander verbunden.

Die Busse wurden in Ergué-Gabéric in der Bretagne gefertigt, wo auch die Batterieaktivitäten von Blue Solutions angesiedelt waren. Damit konnte Bolloré eine weitgehend französische industrielle Wertschöpfungskette vom Batteriesystem bis zum fertigen Bus anbieten. Die Fahrzeuge erhielten zudem das französische Herkunftssiegel Origine France Garantie.

Seit dem Jahr 2016 kommen kamen Bolloré Bluebusse bei den Pariser Vekehrsbetrieben RATP zum Einsatz I © Bolloré

Das Programm umfasste schließlich Busse mit sechs und zwölf Metern Länge. Die modernisierte sechs Meter lange Version wurde 2021 vorgestellt und war als kompakter Stadtbus konzipiert. Die zwölf Meter lange Variante richtete sich dagegen an klassische städtische Einsatzgebiete.

Zeitweise entwickelte sich das Geschäft durchaus positiv. 2024 lieferte Bluebus beispielsweise 39 Fahrzeuge der sechs Meter langen Variante aus, gegenüber 26 im Jahr zuvor. Ende 2024 lag der Auftragsbestand für diese Baureihe bei 70 Fahrzeugen. Gleichzeitig meldete Bolloré die erfolgreiche Auslieferung und Inbetriebnahme von insgesamt 232 Bluebus-Bussen für RATP und die Stadt Paris.

Auch 2025 stieg die Zahl der ausgelieferten sechs Meter langen Fahrzeuge auf 65. Dennoch blieb das Produktionsvolumen aus Sicht des Konzerns zu gering, um dauerhaft wirtschaftlich arbeiten zu können.

Der Rückschlag in Paris

Zur Geschichte von Bluebus gehört allerdings auch ein schwerer Rückschlag.

Im April 2022 gerieten innerhalb weniger Wochen zwei zwölf Meter lange Bluebus-Fahrzeuge der RATP in Paris in Brand. Bei beiden Vorfällen wurde niemand verletzt, die Fahrzeuge wurden jedoch zerstört. Nach dem zweiten Brand nahm die RATP vorsorglich insgesamt 149 Bluebus-Elektrobusse aus dem Betrieb.

Die französische Untersuchungsstelle BEA-TT kam später zu dem Ergebnis, dass als wahrscheinlichste Ursache ein Kurzschluss innerhalb der Hochvoltbatterie mit anschließendem thermischem Durchgehen der Zellen anzusehen war. Als möglicher begünstigender Faktor wurden fehlerhaft positionierte Isolierfolien im Herstellungsprozess der Batterien identifiziert. Für die betroffenen Batterien wurde anschließend eine Rückrufaktion eingeleitet.

Die Auswirkungen auf den Pariser Betrieb waren erheblich. Die Fahrzeuge kehrten erst ab April 2024 schrittweise in den Einsatz zurück, nachdem zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und technische Änderungen umgesetzt worden waren. RATP, Île-de-France Mobilités und Bluebus hatten sich Anfang 2024 zudem auf eine Vereinbarung über die Rückkehr der Fahrzeuge und eine Entschädigung verständigt.

Bolloré nennt die Brandereignisse nicht als unmittelbaren Grund für die nun geplante Einstellung der Produktion. Als entscheidende Faktoren führt der Konzern vielmehr das langsamere Wachstum des französischen Marktes, den intensiven Wettbewerb und den anhaltenden Preisdruck an. Die Pariser Zwischenfälle waren jedoch zweifellos eine der schwierigsten Phasen in der Geschichte von Bluebus.

Zu klein für einen zunehmend umkämpften Markt

Das Kernproblem von Bluebus scheint letztlich die fehlende Größenordnung gewesen zu sein.

Elektrobusse haben sich in den vergangenen Jahren von einem Nischenprodukt zu einem wichtigen Segment des europäischen Busmarktes entwickelt. Neben den etablierten europäischen Herstellern konkurrieren zunehmend auch Anbieter mit sehr großen Produktionskapazitäten um die Aufträge der Verkehrsbetriebe. Gleichzeitig stehen die Betreiber und Aufgabenträger unter erheblichem Kostendruck.

Bolloré zufolge erreichte Bluebus nie die notwendige Größenordnung, um dauerhaft mit den etablierten Herstellern konkurrieren zu können. Trotz fast 700 ausgelieferter Fahrzeuge blieben die Produktionszahlen im Vergleich zu den großen europäischen Busherstellern gering. Der Konzern hatte zudem über längere Zeit nach strategischen Partnern und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells gesucht, ohne eine nachhaltige Lösung für die wirtschaftliche Situation zu finden.

Bolloré stattete seine 12-Meter-E-Bus auch mit solid-state Batterien und 50% höherer Energiedichte als Li-Ion Batterien aus | © Stefan Vogel

Gerade darin liegt die vielleicht interessanteste Erkenntnis aus der Geschichte von Bluebus. Das Projekt war nicht deshalb erfolglos, weil sich Elektrobusse nicht verkaufen ließen. Bluebus gewann Ausschreibungen, entwickelte unterschiedliche Fahrzeuggrößen, exportierte Fahrzeuge und demonstrierte, dass batterieelektrische Busse in Frankreich industriell gefertigt werden können.

Was jedoch nicht gelang, war der Aufbau eines ausreichend großen und profitablen Geschäfts.

Vom Elektrobus zurück zur Batterietechnik

Die geplante Neuordnung zeigt gleichzeitig, wohin sich die Prioritäten des Bolloré-Konzerns verschieben.

Während die Fertigung kompletter Busse vor dem Aus steht, soll Blue Solutions seine Arbeiten an der nächsten Generation der Batterietechnik fortsetzen. Bolloré will die Strategie für die sogenannte vierte Generation seiner Festkörperbatterien neu ausrichten.

Der Konzern arbeitet an einer neuen Batteriegeneration, die eine deutlich höhere Energiedichte als heutige Lithium-Ionen-Technologien erreichen soll. Der Schwerpunkt liegt dabei zunehmend auf der Weiterentwicklung und Industrialisierung der Batteriezellen, statt auf der Fertigung kompletter Fahrzeuge.

Damit bedeutet das mögliche Ende von Bluebus nicht zwangsläufig das Ende der Elektromobilitätsaktivitäten von Bolloré. Vielmehr zeichnet sich eine Konzentration auf das Kerngeschäft mit Batterietechnologien ab.

Was von Bluebus bleibt

Bluebus hinterlässt eine Flotte von fast 700 Elektrobussen und umfangreiche Erfahrungen aus einer Phase, in der der batterieelektrische ÖPNV noch am Anfang seiner Entwicklung stand.

Das Unternehmen demonstrierte die Möglichkeiten eines integrierten Ansatzes, bei dem Fahrzeugbau und Batterietechnik unter einem Konzerndach zusammengeführt wurden. Zugleich zeigte sich aber auch, wie schwierig es für einen vergleichsweise kleinen Hersteller ist, in einem Markt zu bestehen, in dem hohe Stückzahlen erforderlich sind, um Entwicklungs-, Produktions- und Beschaffungskosten auf eine ausreichende Zahl von Fahrzeugen zu verteilen.

Ebenfalls im Portfolio: Der 6 Meter Bluebus | © UTM/b

Das geplante Ende von Bluebus ist deshalb mehr als das Verschwinden eines kleinen französischen Busherstellers. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie schnell sich der europäische Markt für Elektrobusse verändert hat. Die Pioniere der ersten Generation batterieelektrischer Busse konkurrieren heute mit etablierten europäischen Herstellern ebenso wie mit Anbietern, die über enorme Produktionskapazitäten und entsprechend aggressive Preise verfügen.

Ob ein europäischer Industriepartner tatsächlich Teile der Bluebus-Aktivitäten übernehmen wird, bleibt abzuwarten. Für den Moment deutet jedoch vieles darauf hin, dass eines der markantesten französischen Elektrobusexperimente zu Ende geht – rund 15 Jahre nachdem Bluebus in der Bretagne angetreten war, den elektrischen Stadtbus in Frankreich zu etablieren.

14.09.2026