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Botosani legt die Straßenbahn still

Botosani, Endschleife S.A. Mobila, mit Tw BT-342 ex Dresden 224 210 | © Bernhard Kußmagk

Im Zeichen der weltweiten Begeisterung für elektrische Verkehrsmittel kann eine solche Nachricht nur überraschen: Am 31.07.2020 wird der Straßenbahnbetrieb in der rumänischen Stadt Botoșani aufgegeben. Ab dem 01.08.2020 fahren mit EU-Mittel neu beschaffte, türkische Dieselbusse durch die Stadt und ersetzen die Bahnen. Da lohnt sich doch ein Blick hinter die Kulissen.

Als Maßnahme zur Verringerung von importiertem Erdöl fand seit den achtziger Jahren eine regelrechte Renaissance elektrischer Verkehrsmittel im den früheren Ostblockstaaten statt – und das auch in Rumänien. Allein 7 neue Straßenbahnbetriebe kamen zu den vorhandenen 8 Betrieben seit 1984 hinzu, daneben 14 neue Trolleybusbetriebe zu den vorhandenen 5 Unternehmen im Zeitraum von 1983 bis 1997. Allerdings reichten die Mittel für den Aufbau einer modernen, stabilen Infrastruktur und die Unterhaltung der Anlagen in vielen Fällen nicht aus, die Anlagen zeigten sich schon bald heruntergekommen und vernachlässigt. An etlichen Orten konnten Gebrauchtfahrzeuge aus dem Westen für eine zeitweise „Auffrischung“ des Fuhrparks sorgen – so auch in Botosani.

Der Fall Botosani

Botoșani liegt ganz im Nordosten des Landes nahe der Grenze zu Moldawien und hat rund 105.000 Einwohner. Als letzte der neuen Betriebe im Land nahm die Tram hier schließlich am 6. September 1991 Fahrt auf, nach etlichen Jahren Bauverzögerung und ausbleibender Lieferung von Neuwagen. Die in Teilen angelieferten Fahrzeuge blieben hier zum Teil mehrere Jahre im Freien ungeschützt abgestellt, und auch für eine cvollstándige Depot- und Werkstattausstattung fehlte lange Zeit das Geld. Entsprechend schleppend begann der Betrieb.

Noch nicht montierte Teile für den künftigen Neuwagen 04 im Depot am 16.9.1992 | © Axel Reuther

Tw 03, aufgenommen an der stadtseitigen Endstation Luceafărul am 16.9.1992 | © Axel Reuther

Tw 09 machte nach einem Jahr Betriebszeit im September 1992 schon ein arg ramponierten Eindruck | © Axel Reuther

Zwei zusammen acht Kilomter lange Linien, als 101 und 102 bezeichnet, machen das ganze Netz aus. Die anfangs gelieferten Gelenktriebwagen der Bauart V2A und V3A aus einheimischer Produktion konnten unter den geschilderten Umständen nur mühsam betriebsbereit gehalten werden, erst die Lieferung von gebrauchten Tatra T4D Triebwagen der Baujahre 1972-83 aus Dresden und Magdeburg (zwischenzeitlich in Oradea im Einsatz) brachten Abhilfe. Allerdings sind diese Wagen nach nunmehr rund 20 Jahren hartem Betriebsalltag in Botoșani auch definitiv am Ende ihrer sinnvollen Einsatzdauer angekommen.

Bildergalerie (klicken zum vergrößern):

Die Stilllegungskampagne

Während anderorts eine vorhandene, wenn auch erneuerungsbedürftige Straßenbahninfrastruktur sicherlich als gute Basis für künftigen modernen, elektrischen Nahverkehr angesehen worden wäre, entschieden die Stadtväter in Botoșani anders. In erster Linie aus Gründen der geringeren Betriebskosten plädierten sie für die Ablösung durch „moderne Niederflurbusse“ – neun solcher 10-Meter-Dieselbusse wurden nun nach längerer Diskussion geliefert. Kampagnen in der örtlichen Presse und die jahrelange Vernachlässigung der Tram machten es den lokalen Politikern leicht, diese Umstellung als Fortschritt zu verkaufen. Warum für die Beschaffung von Dieselbussen EU-Fördermittel bereitgestellt wurden, kann den Beobachter der Szene dann allerdings doch nur verwundern. Allerdings sind aktuell ebenfalls EU-Gelder für den Schienenverkehr angefragt worden, es bleibt also interessant.

Bildergalerie (klicken zum Vergrößern):

Botoșani ist damit der fünfte der seit 2006 im Land stillgelegten Trambetriebe, allerdings wird in Resita der Wiederaufbau der Bahn aktuell ernsthaft angegangen. Aber vielleicht besteht ja auch für Botoșani Hoffnung, denn noch sind die Pläne zur Rekonstruktion der Tram in moderner Form nicht ganz vom Tisch – für die Modernisierung der Infrastruktur kommen EU-Gelder in Frage – ebenso wie der damit verbundene Kauf von Niederflurtrams als Gemeinschaftsbestellung mit anderen Betrieben. Ob ein Bietungsprozess aber dann auch eine feste Bestellung zur Folge hat, wird sich zeigen – die Betriebe im Land sind immer wieder für eine Überraschung gut. Insgesamt wurden 49 Einrichtungsstraßenbahnen mit einer Länge von 18 m für die Städte Botosani (9 Fahrzeuge), Braila (10 Fahrzeuge), Galati (10 Fahrzeuge) und Ploiesti (20 Fahrzeuge) ausgeschrieben.

10 aktive Straßenbahnbetriebe bestehen aktuell in Rumänien.

Ein Streckenplan der Tram Botosani findet sich unter:
http://www.urbanrail.net/eu/ro/botosani/botosani.htm

Botosani, Endschleife Luceafarul, Tw BT-330 ex Dresden
224 587 | © Bernhard Kußmagk (2012)

Botosani, Calea Nationala, nahe Gara CFR, Tw BT-1201 ex Dresden 224 235
| © Bernhard Kußmagk (2012)

Botosani, Endschleife Eminescu, Tw BT-322 ex Dresden
224 502 | © Bernhard Kußmagk (2012)

Aktualisiert am 3.8.2020 nach lokalen Informationen

30.07.2020

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Christian Maibaum
Gast

Vor dem geschilderten Hintergrund ist es um so erstaunlicher, dass sich Botosani an einer am 07.07. veröffentlichten gemeinsamen europaweiten Ausschreibung zur Beschaffung von Niederflurstraßenbahnen zusammen mit den Städten Galati, Ploiesti und einer vierten beteiligt. Wozu das ganze, wenn der Betrieb abgeschrieben und eingestellt ist? Vielleicht doch nur vorübergehend, um wie in Ploiesti die Gleisanlagen zu sanieren und den Betrieb in ein paar Jahren mit neuen Wagen wieder in Betrieb zu nehmen?

Beniamin Petrovai
Gast
Beniamin Petrovai

Die Linie wurde nur vorübergehend geschlossen, um rekonstruiert zu werden. Die Arbeiten werden mit einem EU-Zuschuss von 19 Millionen Euro finanziert. Bitte lesen Sie selbst mit Google Translate: https://www.monitorulbt.ro/local/2020/07/23/catalin-flutur-am-semnat-contractul-de-finantare-pentru-reabilitarea-caii-de-rulare-pe-traseul-102/

Tom Anger
Gast
Tom Anger

aber was passiert dann mit denn fahrzeugen ?

Reinhold
Gast

Rumänien, Land der Karpaten, hätte nicht in die Europäische Union gehört. Jedenfalls noch nicht.
Korruption, Vetternwirtschaft und herunter Wirtschaften ging auch im Sozialismus hervorragend.
Die Bilder sprechen dafür. Es geht um Foerdermittel der EU, auch diese werden vermutlich versickert.
Hoffnungslos, da kann man das Geld verbrennen oder sogenannte Wirtschaftshilfe in Afrika leisten.

Peter Söffner
Gast
Peter Söffner

„Alte“ Bahn vs. „moderne“ Busse, und diese per Kredit oder Förderung – es riecht ganz nach West-Berlin 1954 !