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Das Obus-Museum Solingen präsentiert sich – 40 Jahre Trolleybuslinie 684 zur Hasselstraße

Uerdingen/Henschel ÜH IIIs Nr. 59, Baujahr 1959, auf sonderfahrt des Obus-Museums | © Christian Marquordt

In Solingen, Großstadt am westlichen Rand des Bergischen Lands zur Rheinebene und aufgrund seiner Industrie für Messer und Scheren bekannt als „Klingenstadt“, gibt es einen der drei deutschen Trolleybusbetriebe, die bis heute überlebt haben. Ursprünglich waren es einmal deutlich über 70, übriggeblieben sind (in alphabetischer Reihenfolge) Eberswalde, Esslingen und Solingen – wobei die alphabetische Reihenfolge auch mit der Reihenfolge der Betriebseröffnungen übereinstimmt. Solingen ist mit derzeit 54 Gelenkwagen der Größte der drei.

Die Fahrzeuggenerationen

Im Juni 1952 fuhr der erste Trolleybus in der Klingenstadt. Zur Eröffnung des Betriebs kam es, weil Solingens Straßenbahn im Krieg schwere Schäden erlitten hatte und ein Wiederaufbau als zu teuer und (deshalb) als nicht sinnvoll erschien. Man begann mit selbsttragenden Wagen des legendären Typs ÜH III s des Herstellers Uerdingen. Sie werden auch gerne als „Henschel/Uerdingen ÜH III s“ bezeichnet, aber das ist eigentlich falsch. Jedenfalls nach deutschem Zulassungsrecht gilt der Hersteller des Fahrgestells auch als der Hersteller des gesamten Fahrzeugs. Die ÜH III s hatten aber mitnichten ein Fahrgestell von Henschel, sondern sie waren eben selbsttragende Uerdingen – wenn auch solche, zu denen Henschel Komponenten wie zum Beispiel die Achsen zugeliefert hatte. Die Typenbezeichnung „ÜH III s“ erklärt sich wie folgt:

Ü = Uerdingen (steht bezeichnenderweise an erster Stelle)
H = Komponentenlieferant Henschel
III = Normgröße 3
s = selbsttragend.

Vom ÜH III s beschafften die Stadtwerke Solingen (SWS) fabrikneu bis 1959 insgesamt 62 Wagen, von den stillgelegten Betrieben in Bochum und Minden-Ravensberg kamen noch fünf gebraucht übernommene Wagen dieses Typs dazu (Wagen 63 ex Bochum 5, Wagen 01 bis 04 ex Minden-Ravensberg 101, 105, 103 und 104). 1962 kamen je sechs Henschel HS 160 OSL und HS 160 OSL-G (Gelenkwagen) zur Flotte hinzu. Gegen Ende ihres Einsatzes wurden einige ÜH III s zum Teil sogar mehrfach umgenummert – der Grund war, dass die Nachfolgegeneration neuer Obusse nach und nach angeliefert wurde und wieder fortlaufend die Betriebsnummern ab 1 bekam – wenn da ein alter Wagen mit der fraglichen Nummer noch im Betrieb war, musste der eben weichen.

Hasselstr. Schleife mit Wg. 59 | © Franz Grantl
Krupp/Ludewig TS 3 Nr. 65 erhielt elektronische Zielanzeige und Choppersteuerung montiert | © Christian Marquordt

Mit der nächsten Generation ging Solingen sehr ungewöhnliche Wege. Der damalige Chef der SWS, Dipl. Ing. Meis, war der Meinung, dass die dreiachsigen italienischen „Filobusse“ (wörtlich übersetzt „Drahtbusse“) der dreißiger bis fünfziger Jahre eine sehr sinnvolle Lösung seien. Und so entwarf er einen dreiachsigen Obus, bei dem der Fahrer weitgehend vom Fahrgastraum abgeschirmt über der Vorderachse saß. Die erforderlichen Fahrgestelle lieferte Krupp – obwohl dort der Bau von Nutzfahrzeugen eigentlich schon seit einiger Zeit eingestellt war. Die Aufbauten kamen von der Essener Karosseriefabrik Ludewig, und die elektrischen Ausrüstungen stammten aus den ÜH III s der ersten Generation. Recycling altbrauchbarer Teile zu einer Zeit, als noch niemand das Wort „Recycling“ kannte.

Diese Trolleybusse der zweiten Generation hießen „TS“ für „Trolleybus Solingen“. Es gab drei Serien von ihnen:

  • TS 1, Wagen 1 bis 14, aus 1968 (Prototyp 1) und 1969
  • TS 2, Wagen 15 bis 45, aus den Jahren 1970 bis 1972
  • TS 3, Wagen 46 bis 80, aus den Jahren 1972 bis 1974.

Ja, Solingen hat tatsächlich einmal 80 Trolleybusse gehabt. Ob die Wagen für die Fahrgäste so richtig angenehm waren, mag man etwas bezweifeln: sie konnten für 12-Meter-Wagen enorm viele Fahrgäste mitnehmen, und das bedeutete, dass sie „Stehplatzriesen“ waren, insbesondere auf der großen Niederflurplattform an der vorderen Tür unmittelbar hinter der Vorderachse.

Als Prototyp der MAN-Standard-I Gelenkwagen war dieser Wagen unter der Nr. 81 im Testeinsatz in Solingen, hier am 17.6.1980 im Depot. Er endete später als Dieselbus | © Christian Marquordt
Der heutige Museumswagen 5 der MAN SG 200 HO Gelenkwagen hier am 29. Mai 1985 in der Schleife Hästen | © Christian Marquordt

Ab 1982 wurde die dritte Generation Solinger Obusse in Dienst gestellt. Nach verschiedenen Prototypeinsätzen war als Lieferant dieses Mal MAN ausgewählt worden, und es wurden erstmals in größerer Zahl Gelenkbusse in Dienst gestellt (21 Wagen), vor allem für die Linien 681 und 682. Zwar hatten die SWS schon einmal sechs Gelenk-Obusse des Typs Henschel HS 160 OSL(-G) vom Jahrgang 1962 (Wagen 70 – 75), aber 21 Wagen sind eben doch eine andere Größenordnung. Die 21 Gelenkwagen waren vom Typ „MAN SG 200 HO“ und gehörten zur ersten Standardbus-Generation. Ihnen folgten 46 dreiachsige, 12 Meter lange Solo-Trolleybusse vom Typ MAN SL 172 HO, die schon zur zweiten Standardgeneration gehörten. Solingen hielt mit diesen Wagen an der mit den TS eingeführten dreiachsigen Bauart für seine Solotrolleybusse fest, denn man sagte, bei winterlichen Straßenverhältnissen in einer Stadt mit viel bergauf / bergab wie Solingen sei die bessere Traktion aufgrund von zwei angetriebenen Achsen sehr sinnvoll. Die MAN firmierten offiziell als „MAN“, gebaut allerdings wurden sie bei der MAN-Tochter Gräf & Stift im Werk in Wien-Liesing.

Ende 2000 folgten die ersten beiden Wagen von Solingens vierter Trolleybus-Generation. Es handelte sich um Gelenkwagen des niederländischen Herstellers Berkhof vom Typ „Premier AT 18“ (Premier war der Typenname für die Stadtlinienbusse von Berkhof, „AT“ stand für „articulated Trolleybus“, und die 18 gab die Länge in Metern an. Es gab die fünfzehn Wagen 171 bis 185, von denen 14 im Alter von unterdessen 20 Jahren nach wie vor im Einsatz stehen. (Berkhof übrigens ist mittlerweile in der niederländischen VDL-Gruppe aufgegangen.)

Ein Jahr später folgten 20 Gelenktrolleybusse (Wagen 251 – 270) des belgischen Herstellers Van Hool vom Typ AG 300 T. Und den Abschluss von Solingens vierter Obusgeneration bildeten 2009 fünfzehn Gelenkwagen des Schweizer Herstellers Hess vom Typ „BGT-N 2 C“ (Bus-Gelenk-Trolley, Niederflur, auf zwei Achsen angetrieben). Ihre Besonderheit sind Generator-Aggregate des Trierer Herstellers Kirsch, die die Wagen in die Lage versetzen, auch auf längeren Abschnitten ohne Fahrleitung elektrisch mit normaler Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Die Wagen wurden vor allem für Linie 683 benötigt, die mit der Anschaffung der neuen Hess an beiden Seiten um Abschnitte ohne Fahrleitung verlängert wurde. Zum einen fährt sie im Stadtteil Burg seither von der legendären Drehscheibe weiter bis zum ehemaligen Burger Bahnhof, zum anderen geht es jetzt im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel weiter vom Endbahnhof der Schwebebahn bis zum Bahnhof der DB.

Und die neuesten Zugänge sind vier Solaris Trollino 18,75 „BOB“ (Batterie-Oberleitungs-Busse). Sie fahren da, wo eine Obusfahrleitung hängt, mit dem Strom aus der Fahrleitung und laden hier auch ihre Batterien auf, und dort, wo es keine Fahrleitung gibt, mit dem Strom aus ihren Batterien. In dieser Technik sehen die Stadtwerke Solingen die Zukunft ihres Busverkehrs. In der Bestell-Pipeline sind weitere 32 BOB, je 16 Solo- und Gelenkwagen, die nach und nach in Dienst gehen werden. Die ersten der Gelenkwagen sind schon jetzt auf dem Solinger Betriebsgelände, aber noch nicht im Fahrgastbetrieb.

Die Generation BOB: Solaris Trollino Batterie-Gelenk-Trolleybusse noch vor Aufnahme des Fahrgastbetriebs auf dem Depotgelände an der Weidenstr. | © Franz Grantl
Das Jubiläum Hasselstraße

So weit also ein kleiner Überblick über die Fahrzeuge des Solinger Trolleybusbetriebs. Am 30. Mai 2021 wurde die das 40-jährige Bestehen der Verlängerung der Linie 684 zur Hasselstraße mit Fahrten mit den historischen Bussen des Vereins „Obus-Museum Solingen“ begangen. Am 31. Mai 1981 hatte hier die Eröffnung stattgefunden.

Krupp/Ludewig TS 3, Baujahr 1973, Wg. 62, im Jahre 1981 an der Endstelle Hasselstr. | © Christian Marquordt

Der Verein hat drei für den Personenverkehr zugelassene, fahrbereite Wagen, nämlich:

  • einen Uerdingen ÜH III s vom Jahrgang 1959 (Wagen 59)
  • einen MAN (-Gräf & Stift) SL 172 HO vom Jahrgang 1986 (Wagen 42)
  • einen Mercedes-Benz O 305 vom Jahrgang 1982 (Wagen 151).

Mit diesen Wagen gab es Sonderfahrten auf Linie 684 (Schule Widdert – Stadtmitte – Hasselstraße und zurück). Leider durften auf diesen Fahrten wegen Corona keine Fahrgäste mitgenommen werden. Aber an den Straßenrändern am Linienweg standen nicht wenige Menschen, die ihre Fotos machten…

Die SWS haben sich sichtlich bemüht, beim Jubiläum auf den Plankursen von Linie 684 einen Querschnitt des augenblicklichen Obusparks einzusetzen. So waren unterwegs:

  • der Berkhof Premier AT 18 Wagen 171
  • der Van Hool AG 300 T Wagen 257
  • der Hess BGT-N 2 C Wagen 956
  • und der Solaris Trollino 18,75 BOB Wagen 862.
Museums-Trolleybus Nr. 42 der Bauart MAN SL 172 HO, Baujahr 1986 | © Christian Marquordt
Mercedes-Benz O 305, ein deutscher Standardbus der ersten Generation. Er gehört ebenfalls dem Obus-Museum | © Christian Marquordt
„BOB“ Batterie-Obus Solaris Trollino 18 an der Hasselstr. auf Linie 684 am Jubiläumstag | © Franz Grantl
HESS Gelenk-Trolleybus auf Linie 684 am Jubiläumstag | © Franz Grantl

Neben den historischen Wagen, die beim Jubiläum im Sondereinsatz waren, hat das Obus-Museum noch drei weitere historische Trolleybusse: Dazu gehört einer der MAN (Gräf&Stift) SG 200 HO Gelenkbusse mit der Nummer 5, der aktuell nicht fahrbereit ist. Außerdem sind darunter der ehemalige Solinger Wagen 10, ein Krupp/Ludewig TS 1 vom Jahrgang 1969, und der TS 3 Wagen 68 von 1974. Beide waren nach ihrer Ausmusterung in Solingen ins argentinische Mendoza verkauft worden, wo sie im dortigen Trolleybusbetrieb „El Trole“ (der Trolley) zum Einsatz kamen. Wagen 68 wird zurzeit wieder einsatzfähig aufgearbeitet, im kommenden Jahr soll er nach seiner Wiedergeburt feierlich präsentiert werden. Wagen 10 hingegen war nach seiner Ausmusterung in Mendoza so heruntergewirtschaftet, dass man sich beim Obusmuseum „nur“ vorgenommen hat, ihn optisch wieder herzurichten. Dass er wieder auf Solingens Straßen fahren sollte, ist bislang nicht vorgesehen. Zum Museumsbestand gehören außerdem ein Personenanhänger und einige ältere Dieselbusse.

Krupp/Ludewig TS 3 (links) Wg. 68 und TS 1 (rechts) Wg. 10 (in Mendoza Nr. 80) auf dem Betriebsgelände des Obus-Museums im Depot Weidenstr. der Stadtwerke Solingen | © Franz Grantl
Orion Personenanhänger hinter dem Trolleybus 59 | © Franz Grantl
Dieser seltene Mercedes-Benz O 322 wird in den kommenden Jahren restauriert werden | © Franz Grantl

Ein Überblick über alle Fahrzeuge und die Aktivitäten des Obus-Museums, insbesondere die beliebten Sonderfahrten unter dem Titel „Ritter-Tour“, findet sich hier:

https://www.obus-museum-solingen.de/

Der Verein freut sich über jede Art der Unterstützung bei der Aufarbeitung und dem Unterhalt der Fahrzeuge. Sobald möglich werden auch wieder Publikumsfahrten zur Mitfahrt angeboten.

Rückansicht des ÜH IIIs Nr. 59 in der Schleife Hasselstr. am Jubiläumstag | © Franz Grantl

07.06.2021
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2 Kommentare
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Dirk Sommerfeld
Dirk Sommerfeld
14 Tage zuvor

Ich würde mich freuen wenn ihr eine Adresse vom O-Bus Museum veröffentlicht und wann man das Museum besuchen kann.

Dirk Budach
Editor
13 Tage zuvor

Hier die Internetseite des Museums mit allen Daten:
https://www.obus-museum-solingen.de/