Eine neue Straßenbahn für Turku in Finnland

von Erik Buch
© Turku Tramway Alliance

Die finnische Stadt Turku steht vor einem der größten Infrastrukturprojekte ihrer modernen Geschichte: dem Bau einer neuen Straßenbahnlinie. Nach jahrelanger Planung und intensiven politischen Debatten hat der Stadtrat am 18. Mai 2026 beschlossen, das Projekt umzusetzen. Die erste Tram soll ab 2033 fahren. Ziel des Projekts ist nicht nur die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, sondern auch die langfristige Stadtentwicklung und die Förderung nachhaltiger Mobilität.

Hintergrund des Projekts

Turku besitzt eine historische Verbindung zur Straßenbahn. Bereits zwischen 1890er Jahren und 1972 existierte ein meterspuriges Straßenbahnnetz in der Stadt. Danach wurde der Verkehr vollständig auf Busse umgestellt. Mit dem starken Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Urbanisierung gewann die Idee einer modernen Tram jedoch wieder an Bedeutung.

Tw 43 mit Bw 102 der alten Tram in Turku am 5. April 1972 an der Endstation Nummenmäki | © Ronald Copson / VDVA Sammlung
Moderner Nachkriegs-Vierachser der früheren Strassenbahn Turku am 5. April 1972 im Depot | © Ronald Copson / VDVA Sammlung

Die neue, regelspurige Straßenbahn soll als Rückgrat des öffentlichen Verkehrs dienen und gleichzeitig die Entwicklung neuer Wohn- und Arbeitsgebiete unterstützen. Besonders entlang der geplanten Strecke entstehen bereits heute neue Stadtviertel und Büroflächen.

Die geplante Strecke

Die erste Linie wird rund 12 Kilometer lang sein und vom Hafen über das Stadtzentrum sowie Kupittaa bis nach Varissuo führen. Insgesamt sind 20 barrierefreie Haltestellen vorgesehen. Die Strecke verbindet wichtige Wohngebiete, Universitäten, Arbeitsplätze und Freizeiteinrichtungen miteinander.

© Turku Tramway Alliance

Die Fahrzeiten sollen deutlich kürzer und zuverlässiger werden:

  • Marktplatz – Hafen: etwa 13 Minuten
  • Marktplatz – Kupittaa: etwa 10 Minuten
  • Gesamte Strecke: rund 37 Minuten

Die Trams sollen tagsüber alle 7,5 Minuten verkehren.

Technische und städtebauliche Merkmale

Die Fahrzeuge werden modern, vollständig barrierefrei und für hohe Fahrgastzahlen ausgelegt sein. Jede Tram kann etwa 220 bis 260 Fahrgäste transportieren – ungefähr dreimal so viele wie ein Bus. Insgesamt sollen zunächst 14 Fahrzeuge beschafft werden.

Das Projekt umfasst weit mehr als nur Gleise: Entlang der Strecke werden Straßen komplett erneuert, neue Fahrradwege gebaut, Gehwege modernisiert und Grünflächen geschaffen. Etwa 40 Prozent der Gesamtkosten entfallen auf die Neugestaltung des öffentlichen Raums. Dadurch soll die Tram nicht nur ein Verkehrsmittel sein, sondern auch zur Aufwertung ganzer Stadtteile beitragen.

Kosten und Finanzierung

Die geschätzten Gesamtkosten liegen derzeit bei rund 465 Millionen Euro. Darin enthalten sind:

  • Bau der Strecke
  • neue Straßen und Infrastruktur
  • archäologische Untersuchungen
  • Fahrzeugbeschaffung
  • Depotanlagen und technische Systeme

Die Finanzierung hängt teilweise von staatlicher Unterstützung im Rahmen finnischer Infrastrukturprogramme ab.

© Turku Tramway Alliance

Vorteile des Projekts

Befürworter sehen in der Tram zahlreiche Vorteile:

  • bessere und schnellere Mobilität
  • geringere Abhängigkeit vom Auto
  • weniger Emissionen
  • attraktivere Stadtentwicklung
  • höhere Kapazität im öffentlichen Verkehr

Laut Prognosen wird bis 2050 etwa ein Drittel der Einwohner Turkus entlang der Tramstrecke leben. Fast die Hälfte aller Arbeitsplätze soll sich ebenfalls in diesem Korridor befinden. Die Straßenbahn wird zudem natürlich vollständig in das regionale Verkehrssystem Föli integriert. Fahrgäste können also mit denselben Tickets Bus und Tram nutzen.

Kritik und Diskussionen

Trotz der Zustimmung blieb das Projekt politisch umstritten. Kritiker bemängeln vor allem die hohen Kosten und befürchten lange Bauzeiten sowie Verkehrsprobleme während der Bauphase. In sozialen Medien und Diskussionsforen wird außerdem häufig kritisiert, dass Turku bei großen Infrastrukturprojekten in der Vergangenheit Verzögerungen erlebt habe.

Dagegen argumentieren Unterstützer, dass moderne Straßenbahnen in anderen finnischen Städten – in Tampere und in der Hauptstadtregion Helsinkis – bereits große Erfolge gezeigt haben. Dort habe die Tram den öffentlichen Verkehr attraktiver gemacht und die Stadtentwicklung positiv beeinflusst.

Ausblick

Wenn die Finanzierung gesichert bleibt, beginnen die größeren Bauarbeiten in den kommenden Jahren. Die Fertigstellung ist für 2032 geplant, der reguläre Betrieb soll im Herbst 2033 starten.

Die neue Tram könnte Turku langfristig grundlegend verändern. Das Projekt zeigt, wie europäische Städte zunehmend auf nachhaltige Mobilität, moderne Stadtplanung und leistungsfähigen öffentlichen Verkehr setzen. Für Turku bedeutet die Straßenbahn nicht nur ein neues Verkehrsmittel, sondern auch ein Symbol für die zukünftige Entwicklung der Stadt.

20.05.2026