Europas unabhängige Busindustrie fordert faire Wettbewerbsbedingungen

Angesichts der Sorge vor Wettbewerbsverzerrungen haben unabhängige europäische Bushersteller eine Petition an die EU-Kommission gerichtet I © Solaris Bus & Coach

Hersteller warnen vor wachsendem Druck durch außereuropäische Anbieter und fordern eine strategische Industriepolitik der EU

Die unabhängigen europäischen Bus- und Reisebushersteller schlagen Alarm: In einem offenen Brief an die Europäische Kommission und die Regierungen der EU- und EFTA-Staaten warnen sie vor einem zunehmenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Herstellern aus Drittstaaten. Die Unternehmen sehen insbesondere durch den rasanten Marktzuwachs chinesischer Anbieter die technologische Kompetenz, industrielle Wertschöpfung und zahlreiche hochqualifizierte Arbeitsplätze in Europa gefährdet.

Zu den Unterzeichnern gehören mehrere traditionsreiche europäische Hersteller wie Beulas, Hess, Solaris Bus & Coach und VDL Bus Group. Sie repräsentieren einen Sektor, der von kleinen und mittelständischen Unternehmen bis hin zu international tätigen Konzernen reicht und häufig noch immer durch Familienunternehmen geprägt ist.

Nach Ansicht der Hersteller ist eine leistungsfähige europäische Busindustrie eine Grundvoraussetzung für die strategischen Ziele der Europäischen Union: eine widerstandsfähige, nachhaltige und technologisch führende Wirtschaft.

Europa als Vorreiter bei emissionsfreien Bussen

In den vergangenen Jahren haben europäische Städte und Verkehrsunternehmen weltweit eine Vorreiterrolle bei der Einführung emissionsfreier Busse übernommen. Batteriebusse, Wasserstofffahrzeuge und Oberleitungsbusse prägen zunehmend den öffentlichen Verkehr. Möglich wurde diese Entwicklung durch ambitionierte europäische Klimaziele, regulatorische Vorgaben wie die Clean Vehicles Directive sowie umfangreiche Förderprogramme der EU.

Nach Angaben der Hersteller waren Ende 2025 bereits mehr als 60 Prozent der neu zugelassenen Stadtbusse in EU- und EFTA-Staaten emissionsfrei. Ursprünglich stammten diese Fahrzeuge überwiegend von europäischen Unternehmen, die Forschung, Entwicklung, Produktion und Wartung innerhalb Europas konzentrieren.

Hess Doppelgelenk-Obus LighTram in Produktion für Lausanne I © Lionel Breitmeyer

Doch dieses Bild verändert sich. Seit einigen Jahren drängen außereuropäische Anbieter – insbesondere aus China – zunehmend in den europäischen Markt. Ihr Anteil am Markt für emissionsfreie Stadtbusse sei inzwischen auf mehr als 30 Prozent gestiegen und könnte weiter wachsen.

Sorge vor Wettbewerbsverzerrungen

Die europäischen Hersteller kritisieren, dass außereuropäische Unternehmen Fahrzeuge anbieten, die vollständig außerhalb der EU und des EFTA-Raums entwickelt und gefertigt werden, gleichzeitig aber an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen, die mit europäischen Steuermitteln finanziert werden.

Dadurch bestehe die Gefahr, dass öffentliche Gelder aus Europa abfließen und nicht zur Stärkung der eigenen industriellen Basis beitragen. Gleichzeitig könnten Hersteller aus Drittstaaten von staatlichen Exportförderungen profitieren und dadurch niedrigere Preise anbieten als europäische Unternehmen.

Neben Beulas, Hess und VDL hat auch Solaris die Petition unterschrieben I © Solaris Bus & Coach

Die Folge sei ein zunehmend unausgewogenes Wettbewerbsumfeld. Europäische Hersteller verlieren nach eigener Einschätzung wichtige Aufträge, die notwendig sind, um Investitionen in Forschung, neue Technologien und Produktionskapazitäten zu finanzieren.

Auswirkungen auch auf Reisebusse und Fernverkehr

Während der Wettbewerb bei Stadtbussen bereits deutlich spürbar ist, erwarten die Hersteller ähnliche Entwicklungen in anderen Segmenten. Mit der Einführung neuer Anforderungen zur Reduzierung von CO₂-Emissionen werden auch Intercitybusse, Fernbusse und Reisebusse zunehmend auf alternative Antriebe umgestellt.

VDL hat insbesondere in Belgien in den vergangenen wichtige Marktanteile an die chinesische Konkurrenz verloren – VDL Citea auf der UITP 2025 – I © UTM

Damit könnten die gleichen Herausforderungen entstehen wie im städtischen Verkehr: Neue Anbieter mit außerhalb Europas entwickelten Fahrzeugen könnten Marktanteile gewinnen, während europäische Unternehmen hohe Investitionen in neue Technologien stemmen müssen.

Forderung nach europäischer Industriepolitik

Die Unterzeichner fordern deshalb konkrete Maßnahmen von der Europäischen Kommission. Eine zentrale Forderung ist die Einführung von „Made in Europe“-Kriterien bei öffentlichen Beschaffungen, insbesondere wenn diese mit EU-Mitteln finanziert werden. Dabei soll der gesamte Wertschöpfungsprozess berücksichtigt werden – einschließlich Forschung und Entwicklung innerhalb Europas.

Außerdem müsse die Busproduktion als strategischer Industriezweig anerkannt werden. Öffentliche Vergabeverfahren sollten so angepasst werden, dass europäische Hersteller stärker berücksichtigt werden – sowohl beim direkten Kauf von Fahrzeugen als auch bei Ausschreibungen für Verkehrsleistungen, bei denen Betreiber später Fahrzeuge beschaffen müssen.

Weitere Forderungen betreffen die Einhaltung internationaler Beschaffungsregeln durch Anbieter aus Drittstaaten, eine frühzeitige Einbindung unabhängiger Hersteller bei neuen technischen Vorschriften sowie eine Überprüfung kommender CO₂-Regelungen und der Euro-7-Anforderungen für Busse und Reisebusse.

Auf dem Schweizerischen Busmarkt konnten sich chinesische Produkte bislang kaum durchsetzen – zwei LighTram O-Busse für die tpg Genf in der Endfertigung bei Hess I © Lionel Breitmeyer

Die Unternehmen betonen, dass sie bereit seien, weiterhin in emissionsfreie Technologien zu investieren. Dafür benötigten sie jedoch ausreichende Entwicklungszeiten und verlässliche Rahmenbedingungen.

Industrielle Souveränität als strategisches Ziel

Die europäische Busindustrie sieht ihre Zukunft nicht allein als Frage des wirtschaftlichen Erfolgs einzelner Unternehmen. Sie betrachtet den Erhalt einer starken Fahrzeugproduktion als Bestandteil der europäischen Resilienzstrategie.

Eine Fertigung moderner Busse innerhalb Europas sichere nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch technisches Know-how, Lieferketten und Innovationsfähigkeit. Gerade im Bereich nachhaltiger Mobilität sei es entscheidend, dass Europa seine technologische Führungsrolle nicht verliere.

Die Hersteller appellieren daher an EU-Institutionen und Mitgliedstaaten, kurzfristig Maßnahmen für faire Wettbewerbsbedingungen einzuleiten. Nur mit einer starken europäischen Industrie könne der Kontinent seine Ziele einer nachhaltigen, unabhängigen und wettbewerbsfähigen Mobilitätspolitik erreichen.

15.06.2026