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Großbritannien: Coventry testet revolutionäre Leichtbaustadtbahn

Die Testfahrten des Prototyp des Coventry VLR haben im Mai 2025 begonnen I © UK Tram Ltd

Im Vereinigten Königreich hat sich die Stadt Coventry mit einem einzigartigen Verkehrsprojekt in den Fokus der internationalen Fachwelt gerückt: Der Bau der Very Light Rail (VLR) – einer neuartigen, besonders leichten und autonomen Stadtbahn – ist weit fortgeschritten. Dieses Jahr sollen erste Testfahrten auf dem neu errichteten Demonstrationsgleis erfolgen. Ziel ist ein revolutionäres städtisches Transportsystem, das die Vorteile klassischer Straßenbahnen mit innovativer Fahrzeug- und Infrastrukturtechnologie verbindet – bei einem Bruchteil der üblichen Kosten.

Ein neuer Ansatz für kleinere Städte

Coventry, mit rund 370.000 Einwohnern eine Mittelstadt im West Midlands County, hat keine klassische Straßenbahn – und genau das soll sich jetzt ändern. Doch statt auf konventionelle Systeme wie in Birmingham oder Manchester zu setzen, verfolgt Coventry einen eigenen, maßgeschneiderten Ansatz: eine ultraleichte, modular aufgebaute Stadtbahn, die kostengünstig, emissionsfrei und weitgehend autonom betrieben werden kann.

Der Innenraum des VLR bietet ein offenes Design mit großen Panoramafenstern – die Fahrerkabine ist nicht vom Innenraum getrennt I © Coventry VLR

Das Projekt wird unter der Federführung der Coventry City Council, in Zusammenarbeit mit Transport for West Midlands (TfWM) und der University of Warwick, entwickelt. Auch das britische Verkehrsministerium (DfT) fördert das Projekt mit mehreren Millionen Pfund.

Technische Merkmale: Leicht, autonom, kostengünstig

Das Fahrzeug – entwickelt vom Very Light Rail Innovation Centre – wiegt rund 12 Tonnen und ist damit erheblich leichter als herkömmliche Straßenbahnen. Es basiert auf einem modularen Kohlefaserrahmen und ist vollelektrisch unterwegs. Es kann etwa 50 Fahrgäste befördern, mit der Option, mehrere Einheiten zu koppeln. Die Fahrzeuge sind für den automatisierten Betrieb ausgelegt, jedoch zunächst noch mit Fahrer*innen unterwegs.

Die Energieversorgung erfolgt nicht über klassische Oberleitungen, sondern über eine induktive Ladetechnologie oder Bodenstromschienen an den Haltestellen. Das spart Infrastrukturkosten und bewahrt das Stadtbild.

Infrastrukturinnovation: Schienen mit Asphaltfundament

Ein zentrales Element des VLR-Konzepts ist auch die Gleisbauweise: Anstelle aufwendiger Betonfundamente kommt ein asphaltiertes Gleisbett mit modularen Schienenelementen zum Einsatz, das schneller verlegt und günstiger gewartet werden kann. Laut Projektträgern sollen die Infrastrukturkosten bei nur 10 Millionen Pfund pro Kilometer liegen – ein Bruchteil klassischer Straßenbahnsysteme.

2022: Der Oberleitungsspezialist Firma Furrer+Frey eine Ladestation mit umgekehrtem Stromabnehmer für den Coventry VLR I © F+F

Der erste Streckenabschnitt soll rund 4,5 Kilometer lang sein und das Stadtzentrum von Coventry mit dem Bahnhof und dem Universitätsgelände verbinden. Eine Netzerweiterung auf bis zu 20 Kilometer ist langfristig vorgesehen.

Wichtigste Merkmale und Vorteile des Gleissystems sind:

  • Erhalt vorhandener Versorgungsleitungen:
    Anders als herkömmliche Straßenbahntrassen, die tiefe Betonfundamente (rund 60 cm) und teure Umverlegungen von Wasser-, Strom- und Telekomleitungen erfordern, ermöglicht das CVLR-Gleis den Verbleib vieler Leitungen im Boden.
  • Dünne, stabile Gleisplatte:
    Die Trasse besteht aus ultrahochfestem Beton (UHPC), wodurch sie dünner und dennoch stabil genug für Trams und schwere Lkw ist. Auch Aussparungen für Revisionsschächte können integriert werden, ohne die Stabilität zu gefährden.
  • Einfache Fertigung und Verlegung:
    Durch das geringere Gewicht und die kompakte Bauweise lässt sich das CVLR-Gleis schneller und einfacher installieren. Es kann sogar schräg geschnitten werden, um Kurven ohne Spezialanfertigungen zu realisieren – ein weiterer Kosten- und Zeitvorteil.
  • Lokal entwickelt und getestet:
    Das System wurde gemeinsam von der University of Warwick, dem Ingenieurbüro Ingerop und der Stadt Coventry entwickelt und am städtischen Whitley Depot unter realistischen Bedingungen (inkl. Lkw-Belastung) getestet. Die Produktion erfolgt in Großbritannien.
  • Standardisierte Komponenten:
    Obwohl das Tragelement innovativ ist, werden die Schienen und Befestigungselemente aus dem bestehenden Bahnzuliefermarkt bezogen. Dadurch ist das System auch kompatibel mit anderen Straßenbahnen und kostengünstig im Einkauf.
  • Perspektive für regionale Integration:
    Dank der Standardisierung prüft Transport for the West Midlands, ob das CVLR-Gleis auch für Erweiterungen des West Midlands Metro-Netzes geeignet ist.

Flexibel einsetzbar

Das CVLR-Gleis ist zwar für das neu entwickelte Very Light Rail-Fahrzeug optimiert, kann aber auch mit größeren und schwereren Straßenbahnen kombiniert werden. So könnte das System nicht nur für Coventry selbst, sondern auch für andere Städte im In- und Ausland neue Möglichkeiten schaffen.

Warum Coventry?

Coventry war in den 1950er-Jahren ein Zentrum der britischen Automobilindustrie – und leidet noch heute unter hoher Autodichte, Luftverschmutzung und einem vergleichsweise schwachen ÖPNV. Die neue VLR-Stadtbahn soll nicht nur emissionsfreie Mobilität bringen, sondern auch als Exportmodell für andere mittelgroße Städte in Großbritannien und darüber hinaus dienen.

Ziel ist es, eine Lösung zu schaffen, die sich auch kleinere Kommunen leisten können – im Gegensatz zu klassischen U-Bahn- oder Tramprojekten, die häufig an Finanzierungsgrenzen scheitern.

Der Oberleitungsspezialist Firma Furrer+Frey hat im Jahr 2022 eine Ladestation mit invertiertem Stromabnehmer für den Coventry VLR erstellt I © F+F

Zeitplan und Perspektiven

  • 2024: Abschluss des Testzentrums in Dudley, Aufbau der ersten Demonstrationsstrecke
  • 2025: Testfahrten und Inbetriebnahme des ersten Streckenabschnitts in Coventry
  • 2026/27: Geplanter kommerzieller Start des Passagierbetriebs
  • Ab 2027: Skalierung auf weitere Städte möglich, z. B. Oxford, Cambridge oder Leeds

In Coventry wurde im Frühjahr 2025 ein 220 Meter langer Demonstrationsabschnitt der innovativen Very Light Rail (CVLR) im Stadtzentrum fertiggestellt – ein bedeutender technischer Meilenstein für das Projekt. Die modulare Gleisstruktur wurde erstmals innerhalb eines belebten, städtischen Korridors entlang der Greyfriars Road und Queen Victoria Road eingebettet. Die Trasse besteht aus ultrahochfestem Beton (UHPC) und konnte zügig verlegt werden, ohne tiefgreifende Eingriffe in bestehende Versorgungsleitungen – ein zentraler Vorteil gegenüber klassischen Straßenbahnsystemen. Trotz der komplexen Lage im Herzen der Stadt kam es nicht zu vollständigen Straßensperrungen, was den geringen Eingriff in den öffentlichen Raum („Lite Footprint“) unter Beweis stellt.

Der gewählte Streckenverlauf durchquert ein anspruchsvolles Terrain mit Gefälle, engen Kurven und dichter unterirdischer Infrastruktur – ideale Bedingungen, um die Alltagstauglichkeit der neuen Technologie zu testen. Ein integriertes, intelligentes Sensorsystem überwacht die Struktur und liefert in Echtzeit Daten zur Nutzung durch digitale Zwillinge, Lebensdaueranalysen und präventive Wartung. Ergänzt wird dies durch eine digitale Bauplattform, die eine unmittelbare Rückkopplung zwischen Bau- und Planungsteams ermöglicht und schnelle Reaktionen bei unerwarteten Gegebenheiten erlaubt, etwa bei flachen Versorgungsleitungen oder historischen Pflastersteinen.

Nach Abschluss der Bauarbeiten im Mai 2025 wird das CVLR-Fahrzeug nun im Stadtzentrum zu Testfahrten und öffentlichen Vorführungen eingesetzt. Der Demonstrator bleibt langfristig als Testfeld bestehen und wird durch den regulären Straßenverkehr weiter belastet, um die Dauerfestigkeit und das Verhalten des Systems unter realen Bedingungen zu analysieren. Das Ziel ist die Umsetzung eines skalierbaren, kostengünstigen und nachhaltigen Stadtbahnsystems, das vom britischen Verkehrsministerium unterstützt und als Modell für weitere Städte im In- und Ausland entwickelt wird.

Trägerorganisation BCIMO in Insolvenz

Das britische Innovationsprojekt Very Light Rail (VLR) steht vor einer ungewissen Zukunft, nachdem die gemeinnützige Black Country Innovative Manufacturing Organisation (BCIMO), Betreiberin des nationalen VLR-Innovationszentrums in Dudley, am 1. Juli 2025 in die externe Verwaltung überführt wurde. Hintergrund ist ein akuter Mangel an langfristiger Grundfinanzierung, wodurch ein Defizit von rund 1,4 bis 1,7 Millionen Pfund entstanden war.

Das Very Light Rail National Innovation Centre (VLRNIC) wurde 2021 eröffnet und beherbergt eine 2,2 km lange Teststrecke, Labore und Veranstaltungsräume. Ziel des Projekts ist die Entwicklung kostengünstiger, leichter Stadtbahnsysteme für kleinere und mittlere Städte.

Trotz der finanziellen Schwierigkeiten bleibt das Zentrum zunächst weiterhin in Betrieb, während die Insolvenzverwalter von RSM UK versuchen, Investoren oder neue Betreiber zu finden. Die Vermarktung der Infrastruktur wird durch Lambert Smith Hampton koordiniert.

Die Entwicklung des VLR-Systems, das als Alternative zu herkömmlichen Straßenbahnsystemen gedacht ist, könnte durch diese Entwicklung stark beeinträchtigt werden.

Fazit

Mit der Very Light Rail geht Coventry einen mutigen und innovativen Weg – jenseits klassischer Konzepte, aber mit Blick auf Realisierbarkeit, Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz. Das Projekt hat das Potenzial, neue Maßstäbe zu setzen – insbesondere für kleinere Städte, die bislang keinen Zugang zu modernen schienengebundenen Verkehrslösungen hatten. Wenn Coventrys VLR erfolgreich ist, könnte sich hier ein britisches Exportmodell für die Mobilität der Zukunft entwickeln – sofern die Trägerorganisation die finanziellen Schwierigkeiten überwinden kann.

Ein detailliertes Video (auf englisch) über das Projekt gibt es hier:

16.07.2025