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Krakau wagt den großen Schritt: Die Stadt bekommt eine Metro

Im Jahr 2035 könnten die ersten U-Bahnen durch Kraków fahren I © Bild: ChatGPT/ AI

Seit Jahrzehnten ist Krakau Polens meistdiskutiertes – und zugleich am häufigsten verschobenes – Metroprojekt. Was viele Städte mit Straßenbahnen oder Stadtbahnen lösten, schob Krakau immer wieder auf: archäologische Zwänge, Kostenfragen und konkurrierende Visionen (Premetro vs. Vollmetro) blockierten Entscheidungen – obwohl Kraków ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz mit einer Länge von über 103 km Streckennetz mit 25 Linien verfügt, welches in den vergangenen Jahrzehnten auch kontinuierlich ausgebaut wurde. Im September 2025 ging die Stadt über die Debatte hinaus und veröffentlichte einen detaillierten Zwei-Linien-Metro-Vorschlag – potenziell Polens zweites Metrosystem nach Warschau.

Ein ambitionierter Plan

Das Konzept sieht ein Netz von rund 28,5–29 km mit 29 Stationen vor, das strategische Wachstumsachsen und überlastete Straßenbahnkoridore mit leistungsfähigen unterirdischen Verbindungen verbindet. Rund 40 % der Krakauer Bevölkerung sollen künftig innerhalb von zehn Gehminuten eine Metrostation erreichen können. Auf den Kernabschnitten sind Takte von rund 2 Minuten geplant, auf den Ästen etwa 4 Minuten. Stadtplaner und Verwaltung peilen einen Baubeginn um 2030 und eine erste Inbetriebnahme um 2035 an. Die Investitionskosten für das Gesamtsystem werden auf 13–15 Milliarden Złoty (ca. 3 – 3,5 Mrd. Euro) geschätzt.

Im September stellte die Stadt Kraków die konkreten Metropläne vor I © Krakow.pl

Warum jetzt?

Drei Faktoren führten zur Entscheidung für eine Vollmetro statt einer gestuften Premetro-Lösung:

  1. Kapazität: Neue Prognosen zeigen, dass die künftigen Spitzenlasten auf zentralen Korridoren über das hinausgehen, was ein Premetro-System ohne teure Umbauten oder später störende Umrüstungen tragen könnte.
  2. Politische Dynamik: Seit dem Referendum 2014 und unter nachfolgenden Verwaltungen kristallisierte sich eine langfristige Vision heraus.
  3. Technischer Fortschritt: Moderne Tunnelbohrmaschinen, Stationsbau und automatisierte Bahntechnik machen Metroprojekte in historischen Innenstädten berechenbarer als frühere Generationen.

Technische Machbarkeit und Realisierungssicherheit

Krakau verfügt über ein archäologisch reiches Stadtzentrum. Baugruben und Schächte erfordern sorgfältige Untersuchungen, Schutzmaßnahmen und gegebenenfalls Neuplanungen. Die Stadt hat dies anerkannt: Umweltprüfungen, archäologische Studien und ein multidisziplinärer Beirat gehören zum Vorbereitungsprogramm.

Planung und politische Abwägungen

Die Entscheidung gegen eine Premetro bzw. U-Stadtbahn ist eine Entscheidung für langfristige Kapazität, Resilienz und weniger spätere Störungen. Premetro-Tunnel mit Straßenbahnfahrzeugen sind zunächst günstiger und liefern früher Nutzen, fixieren jedoch Maße (Fahrzeugbreite, Bahnsteighöhe, Tunnelquerschnitt), die spätere Umrüstungen teuer und störanfällig machen. Eine Vollmetro kostet zwar mehr, bietet aber Reserven, größere Querschnitte und erleichtert künftige Automatisierung.

Schematische Darstellung der beiden Metrolinien, die in Y-Form verlaufen würden I © Krakow.pl

Krakau wählte Letzteres. Der 2025 vorgestellte Plan sieht Tunnelgeometrie, Stationsabstände und Bahnsteiglayouts für einen leistungsfähigen Vollmetro-Betrieb und automatische Zugsteuerung vor. Das bringt höhere Anfangskosten und Ausschreibungsanforderungen mit sich: große Tiefbauarbeiten, tiefliegende Stationen im Zentrum und eine Fahrzeugbeschaffung mit Blick auf Automatisierung, Energieeffizienz und Depotintegration.

Streckenführung und Integration ins Netz

Der Startpunkt des künftigen Metronetzes liegt in Nowa Huta, im Bereich des Kombinatu, wo auch ein technisches Depot sowie eine Streckenendstation geplant sind. Von dort führt die Strecke zunächst über die Aleja Róż und das Rondo Kocmyrzowskie nach Czyżyny, bevor sie weiter über Stationen wie WiślickaPrądnik CzerwonyRondo Młyńskieund Olsza verläuft. Anschließend erreicht sie das Rondo Mogilskie sowie den Dworzec Główny, den Hauptbahnhof, der als zentraler Verkehrsknoten des Netzes vorgesehen ist.

Im Altstadtbereich sind Haltepunkte am Stary Kleparz und beim Teatr Bagatela vorgesehen, zudem eine wichtige Station unter dem Nationalmuseum. Weiter südlich wird die Linie die Weichsel am Rondo Grunwaldzkie queren, wo ein bedeutender Umsteigepunkt entsteht. Hier sind auch Stationen wie Ludwinów mit Anbindungen an die Stadtteile DębnikiPodgórze und Kazimierz eingeplant.

Im weiteren Verlauf teilt sich das Netz: Die Linie M1 führt in Richtung Opatkowic, während die Linie M2 nach Kurdwanów weitergeführt wird, mit mehreren geplanten Endstationen in diesem Bereich.

Die erwarteten Effekte sind deutlich verkürzte Reisezeiten: Die Fahrt von Nowa Huta zum Nationalmuseum soll statt bisher rund 40 Minuten künftig nur noch etwa 26 Minuten dauern. Von Kliny zum Hauptbahnhof reduziert sich die Fahrtzeit von etwa 50 auf 24 Minuten, und von Kurdwanów zum Teatr Bagatela wird die Fahrzeit von etwa 40 auf 18 Minuten verkürzt.

Die Stadtverwaltung bezeichnet das Metroprojekt als die wichtigste Investition der kommenden Dekade. Noch in diesem Jahr sollen erste Marktanalysen beginnen und Fachgutachten beauftragt werden. Für 2026 ist der Abschluss eines Vertrags über die technische Dokumentation und die Umweltverträglichkeitsprüfung vorgesehen. Die eigentliche Ausschreibung für den Bau soll spätestens im Jahr 2030 erfolgen.

Die Metro ist als Rückgrat gedacht, das die Oberflächenverkehre neu ordnet. Wichtig wird die Gestaltung der Umstiege: Bus- und Straßenbahnlinien müssen als Zubringer neu zugeschnitten und Fahrpläne sowie Tarife integriert werden, um Doppelangebote zu vermeiden. Die Stadt plant Zubringerverkehre, Park+Ride und multimodale Schnittstellen – doch praktische Umsetzung, Finanzierung und Zuständigkeiten müssen noch zwischen Stadt, Region und Staat verhandelt werden.

Das 103 km lange Straßenbahnnetz umfährt die historische Altstadt auf einer Ringstraße – aufgrund der großen Verkehrsströme sind aber heute viele Strecken bereits überlastet I © UTM

Finanzierung und Risiken

Die Kosten von 13–15 Milliarden Złoty erfordern Mischfinanzierung: kommunale Mittel, staatliche Zuschüsse, EU-Fonds und gestufte Ausschreibungen zur Risikosteuerung. Politische Kontinuität wird entscheidend sein: Großprojekte brauchen stabile Führung über Wahlperioden hinweg. Risiken liegen in archäologischen Funden, Leitungsverlegungen, typischen Kostensteigerungen beim Tunnelbau und der Sicherung von Baukapazitäten in einem wettbewerbsintensiven Markt.

Technische Eckpunkte

  • Tunnelbau: Wahrscheinlich Einsatz von Schildmaschinen (EPB oder Flüssigkeitsstützung) für zentrale Abschnitte; in flachen Bereichen oder bei empfindlicher Bausubstanz auch Deckelbauweise oder Spritzbetonverfahren.
  • Stationen: Tiefliegende Pylon- oder Säulenstationen im Zentrum, flache Einraumstationen in Außenbereichen, große Umsteigeknoten mit barrierefreiem Zugang und Fahrradparkplätzen.
  • Fahrzeuge & Systeme: Automatisierter Betrieb (ATO, GoA2–4) als Ziel, dafür CBTC- oder vergleichbare Systeme, energiesparende Antriebe mit Rekuperation. Züge für 2–2,5-Minuten-Takte im Kern; Depots an den Netzrändern.
Verlauf der beiden Metrostrecken von Nordosten nach Südwesten (in blau) – das Bestandsnetz der Straßenbahn ist in schwarz, die S-Bahn in gelb eingezeichnet I © Krakow.pl

Zeitachse

  • 1960er–70er: Erste Metropläne, teilweiser Tunnelbau am Hauptbahnhof
  • 2008: 1.420 m Straßenbahntunnel (Mogilskie-Achse) eröffnet
  • 2014: Referendum (55,11 % Zustimmung) für Metro
  • 2021: Machbarkeitsstudie empfiehlt Premetro (U-Stadtbahn)
  • 2024–25: Neue Modellierungen, politische Entscheidung für Vollmetro
  • 24. Sept. 2025: Stadt stellt Zwei-Linien-Plan vor (~29 km, 29 Stationen, 13–15 Mrd. Złoty, Bau ab ~2030, Eröffnung ~2035)
  • 2025–26: Umwelt- und Archäologiestudien, Finanzierungsverhandlungen
  • 2026–29: Mittelakquise, Planung, Ausschreibung (TBM, Stationen, Systeme)
  • ~2030: Baubeginn
  • ~2035: Erste Inbetriebnahme
  • Frühe 2040er: Netzvollendung bei gestuftem Vorgehen
Seit 2008 in Betrieb – der 1.4 km Schnellstraßenbahntunnel unter dem Hauptbahnhof I © Budimex

Fazit

Krakau hat 2025 einen entscheidenden Schritt von endlosen Studien zur konkreten Verpflichtung getan. Gelingt die Umsetzung, wird das Projekt Mobilität und Stadtbild einer europäischen Mittelstadt grundlegend verändern. Erfolg hängt ab von sorgfältiger Archäologie, robuster Finanzierung, kluger Beschaffung und intelligenter Netzverknüpfung. Für Planer in ganz Mitteleuropa ist Krakau ein Testfall: Kann eine Stadt im 21. Jahrhundert Erbe, Kostendruck und echten Kapazitätsbedarf so ausbalancieren, dass eine Metro Realität wird?

30.09.2025