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Mit dem IAV Elektro-Doppeldecker auf der Berliner Linie 218

Berlin BVG 3679 auf der Berliner Linie 218 an der Endhaltestelle Pfaueninsel | © IAV

Im April 2000, also vor 22 ½ Jahren, richtete Berlins Stadtverkehrsbetrieb BVG seine Linie 218 (damals noch unter der Liniennummer „A 18“) ein, die vom Busbahnhof am Funkturm über Messedamm – Theodor-Heuss-Platz – Heerstraße – Am Postfenn –   Havelchaussee – Kronprizessinnenweg – S-Bahnhof Wannsee – Königstraße  und Pfaueninselchaussee bis zur Endhaltestelle Pfauenenisel führt.  Wobei sie vom einen bis zum anderen Ende 49 Minuten braucht. Anfangs ging die Linie nur vom Funkturm bis zum S-Bahnhof Wannsee, und im Dezember 2017 wurde die nördliche Endstation zum S-Bahnhof Messe Nord verlegt.

Zum Einsatz kamen immer besondere Busse. Berlin hat mit der „Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin“ (ATB) einen sehr rührigen Verein, der sich darum kümmert, typische Fahrzeuge des Berliner Busbetriebs zu erhalten, und zwar – so irgend möglich – in fahrbereitem Zustand.

Die Linie verkehrt alle 30 Minuten und hat vier Kurse, ein Umlauf von Messe Nord über Pfaueninsel und zurück nach Messe Nord dauert also zwei Stunden. Drei der vier Kurse fährt die BVG selber, den vierten bedient – gewissermaßen als Subunternehmer – die ATB „im Auftrag der BVG“. Sie setzt jeweils einen ihrer zahlreich  erhaltenen „Museumsbusse“ ein, wobei vom legendären Doppeldecker „Büssing D 2 U“ aus den fünfziger und sechziger Jahren über dessen Nachfolger, dem „DE“, über MAN SD 200 und MAN SD 202 bis zum historischen Eindecker alles zum Einsatz kommen kann, was der Fuhrpark der ATB so bietet. Zumindest anfangs kostete die Mitfahrt im Bus der ATB auf Linie 218 nicht nur den regulären Fahrpreis, sondern auch noch einen „Oldtimer-Zuschlag“.

Der historische Doppeldecker 2437 der BVG bzw. Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin (ATB) – MAN-Büssing/Orenstein & Koppel DE 72 vom Jahrgang 1972, im Juni 2000 auf Linie 218 | © Christian Marquordt

Der Verfasser ist im Juni 2000, also zwei Monate nach Eröffnung der Linie, mal vom einen zum anderen Ende mitgefahren. Natürlich mit einem der historischen Busse der ATB – damals war es der „DE“ Wagen 2437, der auch lange der Stammwagen auf der Linie war. Der Verfasser saß im Oberdeck links vorne in der ersten Reihe, also gewissermaßen auf dem „Fahrerplatz“, wenn auch in der „Plus-1-Ebene“. Die Fahrt speziell durch den Grunewald war wunderschön, aber der Verfasser blieb auf der gesamten Strecke der einzige Fahrgast- hoffen wir, dass es heute besser aussieht.

Seit dem 13. Oktober 2022 ist auch die BVG selber auf einem ihrer Kurse auf Linie 218 mit so etwas wie einem „Oldtimer“ unterwegs, aber mit einem, der antriebstechnisch absolut auf der Höhe der Zeit ist. Wir sprechen vom BVG-Wagen 3679, einem MAN SD 202 vom Jahrgang 1990. Und warum ist der mit seinen zarten 32 Jahren nur ein Oldtimer in Anführungszeichen? Ganz einfach: weil er kürzlich einen hochmodernen Elektroantrieb bekommen hat.

Denn die IAV („Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr“) mit Sitz in Berlin – und Werkstätten und Testgelände in Gifhorn am Südrand der Lüneburger Heide – hat Wagen 3679 mit ihrem Umbausatz „Elcty“ zum Elektro-Doppeldecker umgerüstet. Und ihm damit – wie man es auf der IAA Transportation in Hannover bei der Präsentation seines Zwillings, des ehemaligen Wagens 25 der Lübeck-Travemünder Verkehrs Gesellschaft (LVG) formulierte, ein „drittes Leben geschenkt“. Angesichts des Alters der beiden Doppeldecker ist das Bild mit ihrem dritten Leben wahrlich nicht verkehrt.

Der Lübeck-Travemünder Wagen 25 auf der IAA Transportation in Hannover | © Christian Marquordt
Der Umbausatz „Elcty“ von IAV | © IAV
So werden die Elemente des Umbausatzes im Bus platziert | © IAV

IAV betont, dass die Umrüstung alter Busse auf einen neuen Elektroantrieb in jeder Hinsicht umweltfreundlich ist. Nicht nur, weil die Busse jetzt abgasfrei unterwegs sind, sondern auch, weil wertvolle Rohstoffe wie Aluminium und Stahl eben nicht verbraucht werden – der Bus existiert ja schon. Und bei der Herstellung von Aluminium und Stahl werde jede Menge CO2 freigesetzt.

Für den Vortrieb des Busses sorgen zwei Radnabenmotoren vom Typ „ZAwheel“ des Herstellers Ziehl-Abegg aus Künzelsau in den Rädern der Hinterachse, die zusammen 200 kW (entspricht 272 PS) leisten. Die Hochvolt-Batterien mit einer Leistung von 147 kWh haben ihren Platz unter dem Wagenboden hinter den Rädern der Vorderachse gefunden. Im Heck, da wo die beiden Wagen in ihrem „Diesel-Leben“ ihren Motor hatten, befindet sich die zentrale Steuerungseinheit. Der Hochvolt-Bereich arbeitet mit einer Spannung von 750 Volt.

Der mit Elcty umngerüstete Doppeldecker erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h. Er könnte mehr, aber IAV hat ihn bei dieser Geschwindigkeit „abgeriegelt“. 65 km/h sind ja auch genug für einen Stadt- und erst recht für einen Stadtrundfahrtsbus. Bei einer Außentemperatur von 20 Grad meldet IAV einen Stromverbrauch von 80 kWh auf 100 km. Und man garantiert eine Reichweite von 120 Kilometern. Das ist für einen Stadtrundfahrtbus absolut ausreichend, ein Wagen auf normaler Linie müsste unterwegs nachgeladen werden. Wobei IAV sowohl die Nachladung mit Gleich- als auch mit Wechselstrom ermöglicht.

Zur allgemeinen Sicherheit verfügen die beiden umgerüsteten Doppeldecker über das Anti-Blockier-System ABS, das dafür sorgt, dass die Wagen auch bei starkem Bremsen immer lenkbar bleiben.

08.11.2022