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Mobilitätsprojekt zwischen Vision und Wirklichkeit: BRT-Trolleybus Pescara endlich vor der Eröffnung?

Nach jahrzehntelanger Planung und zahllosen Verzögerungen steht das Oberleitungs-Bussystem auf Eigentrasse Filobus Pescara nun voraussichtlich kurz vor seiner tatsächlichen Inbetriebnahme. Das Projekt umfasst mit moderner In‑Motion-Charging-Technologie ausgestattete Batterie-Trolleybusse, die während der Fahrt unter Oberleitung ihre Batterien immer wieder aufladen und so Abchnitte ohne Fahrleitung im Batteriemodus zurücklegen können. Der erste Bauabschnitt verbindet die Stazione Centrale in Pescara mit Montesilvano auf 8 km Länge und nutzt überwiegend die Trasse einer früheren Eisenbahnlinie.

Unendliche Planungs- und Bauphase

Bereits kurz nach Baubeginn 2009 traten massive Verzögerungen in der Ausführung auf. Anwohnende protestierten gegen die Eingriffe in das Stadtbild und den zuvor als Fuß- und Radweg genutzten „Strada Parco“. Gleichzeitig stiegen die Kosten stetig: Ausgaben von ursprünglich geplanten Beträgen wuchsen auf über 30 Millionen Euro. Hinzu kamen politische Wechsel, die zu wiederholten Baustopps und Neuausrichtungen führten.

Nachdem die Strecke schließlich baulich weitgehend fertiggestellt war, dauerte es immerhin noch bis 2017, bis auch die zweispurige Fahrleitungsanlage komplettiert werden konnte. Doch auch danach begann noch kein Fahrbetrieb auf der Strecke, ja es waren sogar noch nicht einmal passende Fahrzeuge bestellt worden. Zur technischen Abnahme der Anlage fuhr ein aus dem nahen Chieti ausgeliehener Zweiachser-Trolleybus im Test ohne Fahrgäste.

Testfahrt zur Fahrleitungsabnahme im März 2017 mit einem Trolleybus aus Chieti | © Pescara City on X
Van Hool ExquiCity mit KIEPE IMC-Technik im Test | © KIEPE Electric Italia

Politische Diskussionen folgten, und das ganze Projekt geriet 2022 noch ein weiteres Mal ernsthaft ins Stocken: Einsprüche eines Bürgerkomitees unter dem Namen „Strada Parco Bene Comune“ brachten Bedenken zur Sicherheit vor. Doch im August 2023 hob der Consiglio di Stato das Urteil auf und erlaubte die Fortführung – mit Verweis auf das öffentliche Interesse und Umweltvorteile.

Fahrzeugausstattung

Inzwischen hatte man nach einer Ausschreibung 6 Van Hool „ExquiCity 18“ Batterie-Trolleybusse mit elektrischer Ausrüstung von Kiepe Electric bestellt – sie wurden Ab Ende 2022 schrittweise ausgeliefert. Dank der vom Hersteller patentierten In-Motion-Charging (IMC®)-Technik können sie bis 24 km abseits der Fahrleitung fahren. Die Wagen sind 18,6 m lang und bieten bis zu 135 Fahrgästen Platz. Allerdings dauerte auch ihre Inbetriebnahme wiederum sehr lange, doch seit Juni 2025 sind die Fahrzeuge nun offiziell durch den Verkehrsbetrieb TUA Pescara registiert worden und für den Verkehr zugelassen.

© KIEPE Electric Italia

Ursprünglich sollten 6 Gelenk-Trolleybusse vom Typ Phileas des niederländischen Unternehmens Advanced Public Transport Systems (APTS), an dem VDL einen Anteil von 70 % hatte, eingesetzt werden. Das einzige 2011 nach Pescara geleferte Fahrzeug erhielt jedoch nie eine Zulassung der italienischen Behörden und wurde schließlich 2022 nach Chisinau in Moldawien verkauft.

Neueste Entwicklungen

Am 28. April 2025 begann eine erster Linienbetrieb im reinen Batteriebussen auf der Strecke. Am 5. Juli wurde nun eine (hoffentlich) entscheidende Hürde zur Projektfertigstellung genommen: Die Agenzia Nazionale für Sicherheit der Schienen- und Straßennetze (Ansfisa) erteilte den technischen Sicherheitsnachweis für die Strecke zwischen Pescara und Montesilvano. Damit konnte zwei tage später die sogenannte Pre-Exercice-Phase beginnen, bei der Busse ohne Fahrgäste regulär zu Testzwecken verkehren. Der vollständige Betrieb mit Fahrgästen soll ab Anfang August 2025 beginnen – vorbehaltlich der noch ausstehenden Freigabe durch die Region Abruzzo.

Ausblick

Langfristig soll das Projekt auf zwei weitere Lottos ausgeweitet werden: eine Verlängerung Richtung Francavilla al Mare und San Giovanni Teatino, sowie eine Verbindung zum Flughafen sind vorgesehen, sofern weitere Fördermittel des Verkehrsministeriums und der EU aufgebracht werden können. Über den Fahrzeugeinsatz muss man sich dann allerdings Gedanken machen: Die Van Hool ExquiCity sind nach dem Konkurs des Herstellers nicht mehr lieferbar.

Wir berichteten über das technische ähnliche BRT-Projekt METROMARE in Rimini ausführlich hier:

24.07.2025