MPK Łódź will eigene Niederflurtram bauen – Finanzierung bleibt offen

Die MPK-Łódź möchte in der neuen Hauptwerkstatt eine eigene Niederflurstraßenbahn entwickeln I © MPK-Łódź

MPK Łódź plant erstmals den vollständigen Neubau eines eigenen Niederflurstraßenbahnwagens. Der erste Prototyp soll bis Ende 2028 fertiggestellt und anlässlich des 130-jährigen Bestehens des öffentlichen Verkehrs in Łódź präsentiert werden. Hintergrund sind die stark gestiegenen Preise für Neufahrzeuge und der erhebliche Erneuerungsbedarf der Łódźer Straßenbahnflotte. Gleichzeitig wirft das Projekt eine zentrale Frage auf: Wie soll der Eigenbau der Fahrzeuge finanziert werden?

Die Idee, einen eigenen Straßenbahnwagen zu entwickeln, ist bei MPK Łódź nicht neu. Nach Angaben des Unternehmens arbeitet der kommunale Betreiber bereits seit rund drei Jahren an dem Projekt. Mit der Eröffnung des neuen Zakład Techniki (Hauptwerkstatt) im März 2026 auf dem Gelände des früheren Betriebshofs Helenówek verfügt MPK nun über ein deutlich erweitertes technisches Zentrum, das die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung schaffen soll. Bislang fanden Modernisierungen, u.a. der ex-Bielefelder M8C mit Niederflurmittelteil, der ex-BoGeStra NF6D, der ex-Jenaer GT6M und zahlreicher Konstal 805Na in den Gebäuden aus 1898 in der Ul. Tramwajowa statt.

Bisland wurden Fahrzeugmodernisierungen in der alten Hauptwerkstatt der Ulica Tramwajowa durchgeführt I © MPK-Łódź

Der neue Wagen soll vollständig neu entwickelt und niederflurig sein und zunächst vor allem für den Eigenbedarf von MPK gebaut werden. Die Fertigstellung eines ersten Fahrzeugs einschließlich Zulassung wird für 2028 angestrebt; erste Visualisierungen sollen noch 2026 vorgestellt werden. Nach Aussage von MPK-Präsident Zbigniew Papierski befindet sich das Unternehmen bereits im Verfahren zur Auswahl eines externen Auftragnehmers für die technische und konstruktive Dokumentation.

Bis zu 32 Meter lang

Technisch soll der neue Wagen optimal auf die Anforderungen des Łódźer Netzes zugeschnitten werden. Vorgesehen ist eine maximale Länge von 32 Metern. Beim Fahrzeugkasten will MPK zunächst auf externe Fertigung zurückgreifen, während die Drehgestelle in Łódź montiert werden sollen. Weitere Komponenten – darunter Elektronik, Klimaanlage, Sitze und Fahrgastinformationssysteme – sollen von spezialisierten Zulieferern bezogen werden. Damit würde MPK zwar ein eigenes Fahrzeug entwickeln und montieren, aber nicht versuchen, sämtliche Komponenten selbst zu produzieren.

Konstruktiv orientiert sich MPK an bewährten polnischen Fahrzeugen wie Pesa Swing und Moderus Gamma. Besonders wichtig ist die Entscheidung über die Drehgestellbauart. Mit starren Drehgestellen wäre eine 100-prozentige Niederflurigkeit möglich. Bei konventionellen Drehgestellen mit Lenkfunktion wären nach Angaben von MPK etwa 70 bis 80 Prozent Niederfluranteil möglich; sämtliche Einstiege sollen jedoch stufenlos ausgeführt werden. Eine endgültige Entscheidung über das Konzept war im Frühjahr 2026 noch nicht gefallen.

Aufgrund von Finanzierungsschierigkeiten konnte die MPK-Łódź bislang nur 15 Neufahrzeuge von Moderates beschaffen I © MPK-Łódź

Interessant ist auch das mögliche Marktpotenzial. Das Fahrzeug soll auf dem 1.000-mm-Netz von Łódź eingesetzt werden können, aber auch für Normalspur ausgelegt sein um unter anderem auch in Gdańsk, Kraków, Poznań, Wrocław und Szczecin getestet werden kann. MPK schließt deshalb langfristig nicht aus, den eigenen Wagen auch außerhalb Łódźs anzubieten. Priorität habe jedoch zunächst die Sicherung des eigenen Fahrzeugbedarfs.

Neuer Zakład Techniki als industrielle Basis

Eine zentrale Voraussetzung für das Projekt ist der neue Zakład Techniki in Helenówek. Das im März 2026 eröffnete Werk entstand auf dem Gelände eines historischen Straßenbahndepots und gehört zu den größten Investitionen von MPK Łódź in den vergangenen Jahren. Das Areal umfasst rund 30.000 m², davon mehr als 10.000 m² Hallenfläche. Zur Ausstattung gehören unter anderem mechanische und elektrische Werkstätten, eine mehr als 30 Meter lange Lackierhalle, Strahlanlage, Schweißerei, Tischlerei, Waschanlage, Demontagebereiche, Lager und eine Werkzeugmacherei. Auf einem der Gleise wurde außerdem ein 1.435-mm-Gleis eingebaut.

Die neue Hauptwerkstatt wurde im Jahr 2025 auf dem Gelände des ehemaligen Überlandtramdepots in Helenówek komplett neu gebaut I © MPK-Łódź

Das Werk ist nicht ausschließlich für den Eigenbau vorgesehen. Rund 70 bis 80 Prozent der Arbeiten sollen auf Reparatur und Modernisierung der bestehenden Straßenbahnflotte entfallen, während 20 bis 30 Prozent auf externe Aufträge entfallen können. Insgesamt sind langfristig rund 200 technische und 25 kaufmännische bzw. administrative Beschäftigte vorgesehen. Die Investition in den neuen Zakład Techniki kostete rund PLN 129 Mio. (ca. 30 Mio. EUR); Auftragnehmer war Inkomet Group.

Die vorhandenen Kompetenzen gehen bereits über klassische Instandhaltung hinaus. MPK hat in den vergangenen Jahren unter anderem eigene Spezialfahrzeuge entwickelt, darunter einen technischen Wagen mit Schneepflug und einen Schienenschleifwagen. Der neue Standort soll diese Eigenentwicklungs- und Fertigungskompetenz weiter ausbauen.

Eigenbau als Antwort auf steigende Fahrzeugpreise

Der wirtschaftliche Hintergrund des Projekts ist besonders relevant. Nach Angaben von MPK können die Preise für neue Straßenbahnen inzwischen nahe PLN 20 Mio. pro Wagen (ca. 4,65 Mio. EUR) erreichen. Gleichzeitig muss Łódź einen erheblichen Teil seiner Flotte erneuern: Rund 100 der ältesten Fahrzeuge müssen ersetzt werden. Mehr als die Hälfte der Flotte bestand im Frühjahr 2026 noch aus Konstal-805Na-Wagen verschiedener Modernisierungsstufen, deren älteste Exemplare bereits mehr als 40 Jahre alt sind.

Gerne hätten die Verkehrsbetriebe weitere Moderus Gamma LF 11 AC beschafft I © MPK-Łódź

Die Finanzierung neuer Fahrzeuge hat sich dabei als erhebliche Herausforderung erwiesen. Ursprünglich wollte MPK 30 neue Moderus Gamma LF 11 AC beschaffen. Nach längeren Bemühungen um die Finanzierung konnten zunächst lediglich 15 Fahrzeuge bestellt werden; weitere 15 sind als Option vorgesehen. Die Lieferung der bestellten Fahrzeuge soll spätestens in der zweiten Hälfte August 2027 abgeschlossen sein.

Besonders bemerkenswert ist, dass MPK nach eigenen Angaben auch nach mehreren Anläufen keine Förderung aus dem polnischen Wiederaufbauplan KPO für die ursprünglich geplante Beschaffung erhalten konnte. Die Finanzierung wurde zeitweise sowohl über KPO-Mittel als auch über einen kommerziellen Kredit geprüft. Zuletzt hatte man die Beschaffung überlegt. Wir berichteten hier:

Wie wird der Eigenbau finanziert?

Genau hier liegt derzeit die größte offene Frage des Projekts. Für die Finanzierung der künftig selbst gebauten Straßenbahnen gibt es bislang keine öffentlich bekanntgegebene konkrete Finanzierungsstruktur. MPK-Präsident Papierski erklärte vielmehr, dass das Unternehmen gemeinsam mit der Stadt nach den notwendigen Mitteln suchen müsse. Welche Rolle dabei EU-Förderprogramme, nationale Fördermittel, kommunale Finanzierung oder eine Fremdfinanzierung spielen könnten, ist derzeit offen.

Der finanzielle Maßstab ist erheblich: Wenn ein neuer Wagen tatsächlich bis zu PLN 20 Mio. kostet, würde bereits eine Erneuerungsrate von 20 Fahrzeugen pro Jahr einem Investitionsvolumen von bis zu PLN 400 Mio. (ca. 93,03 Mio. EUR) jährlich entsprechen. MPK selbst geht davon aus, dass für eine kontinuierliche Erneuerung der Flotte mindestens 20 neue Wagen pro Jahrerforderlich wären. Diese Zahl ist allerdings ein theoretischer Richtwert und keine derzeit beschlossene Eigenbauproduktion.

Die MPK-Łódź müssen dringend die hochflurigen Konstal Triebwagen durch Niederflurfahrzeuge ersetzen I © MPK-Łódź

Zudem ist noch unklar, wie viele Fahrzeuge der neue Zakład Techniki tatsächlich selbst bauen könnte. Laut MPK soll diese Frage erst zu einem späteren Zeitpunkt genauer bewertet werden. Der aktuelle Plan ist daher zunächst als Entwicklung und Bau eines ersten eigenen Fahrzeugs zu verstehen, nicht als bereits festgelegtes Serienproduktionsprogramm.

Für MPK Łódź wäre der Schritt dennoch strategisch bedeutsam. Ähnliche Wege haben bereits MPK Wrocław gemeinsam mit der damaligen Protram sowie MPK Poznań mit Modertrans eingeschlagen, indem aus den eigenen Werkstatt- und Instandhaltungskompetenzen eigenständige Fahrzeugentwicklungs- und Fertigungsaktivitäten entstanden. Auch Łódź könnte dadurch langfristig stärker auf die spezifischen Anforderungen seines Netzes Einfluss nehmen, Know-how im eigenen Unternehmen halten und die Abhängigkeit von externen Fahrzeugherstellern reduzieren. Ob daraus tatsächlich eine Serienproduktion entsteht und ob der Wagen später auch anderen Städten angeboten wird, hängt jedoch nicht nur von der technischen Machbarkeit, sondern vor allem von Finanzierung, Stückzahlen und den Kosten pro Fahrzeug ab.

10.08.2026