
Die Vergabe des Großprojekts für die neue Stadtbahnlinie „Linha Violeta“ im Norden von Lissabon hat eine deutliche Wendung genommen. Im Zentrum steht dabei der chinesische Zughersteller CRRC, der ursprünglich als Teil eines Konsortiums am Ausschreibungsverfahren beteiligt war.
Auslöser der Entwicklung war eine Untersuchung der Europäischen Kommission im Rahmen der neuen EU-Verordnung zu ausländischen Subventionen. Diese kam zu dem Ergebnis, dass die portugiesische Tochter von CRRC von staatlichen Beihilfen profitiert haben könnte, die den Wettbewerb verzerren. Konkret ging es um verschiedene Formen staatlicher Unterstützung innerhalb Chinas: So habe CRRC in den drei Jahren vor der Anmeldung staatliche Zuschüsse in Höhe von rund 471 Millionen Euro erhalten. Zusätzlich wurde dem Unternehmen in China eine steuerliche Begünstigung gewährt, die einer Reduktion des Unternehmenssteuersatzes um 10 Prozentpunkte gegenüber dem regulären Satz von 25 % entspräche – ebenfalls kontinuierlich über denselben Zeitraum. Auch Vorteile bei der Beschaffung von Rohstoffen und Komponenten wurden als potenziell wettbewerbsverzerrend bewertet. Dadurch hätte das Konsortium ein unzulässig günstiges Angebot abgeben können.
Bereits im November 2025 hatte die Kommission eine vertiefte Prüfung eingeleitet, nachdem Hinweise auf solche Wettbewerbsverzerrungen aufgetaucht waren. Das Verfahren stellte einen der Anwendungsfälle der neuen EU-Regeln dar, die darauf abzielen, den Binnenmarkt zu schützen.
Das Bau- und Betriebskonsortium für die „Violette Linie“ setzt sich aus mehreren Unternehmen unter Führung des portugiesischen Baukonzerns Mota-Engil zusammen. Ergänzt wird das Konsortium durch den Fahrzeughersteller sowie weitere Partner für Betrieb und Wartung. Nach dem Urteil der EU wurde das Konsortium im April 2026 umstrukturiert: CRRC wird als Lieferanten ersetzt, an seine Stelle tritt nun der polnische Hersteller PESA. Die EU-Behörden stimmten dieser Änderung zu, was damit weiterhin einen hohen Anteil an der Finanzierung durch den Plano de Recuperação e Resiliência (PRR), englisch Recovery and Resilience Facility (RRF), sicherstellt. PESA liefert fünfteilige Niederflur-Gelenktriebwagen in Zweirichtungsbauart.

Daten zur Linha Violeta
Die Linha Violeta gehört aktuell zu den wichtigsten Infrastrukturvorhaben im Großraum Lissabon. Gebaut wird eine 11,5 Kilometer lange, normalspurige Stadtbahnstrecke mit insgesamt 17 Stationen, die überwiegend oberirdisch verläuft. 3 Stationen liegen im Tunnel, 2 weitere in im offenen Einschnitt. Sie soll die Gemeinden Loures und Odivelas verbinden und dabei sowohl oberirdische als auch unterirdische (ca. 3,7 km) Abschnitte enthalten.
Das Projekt umfasst neben dem Bau der Strecke auch ein Betriebsdepot sowie die Beschaffung neuer Fahrzeuge und Wartungsleistungen.
Die neue Stadtbahnlinie ist als Erweiterung der bestehenden gelben Linie konzipiert und schließt in Odivelas an diese Metrolinie an. Prognosen gehen davon aus, dass sie im ersten Betriebsjahr rund 9,5 Millionen Fahrgäste befördern wird und gleichzeitig den Individualverkehr sowie CO₂-Emissionen deutlich reduzieren könnte.
Die Fertigstellung der Linie wird nach den Umstrukturierungen auf 2029 terminiert.

Wir hatten zuletzt hier über die Ausbaupläne im Großraum Lissabon berichtet:

