
In sehr vielen Ländern rund um die Welt entstanden in den vergangenen 20-25 Jahren moderne Niederflur-Straßenbahnsysteme, als zeitgemäßes Stadtverkehrsmittel, verbunden nicht selten auch mit der Umgestaltung und Aufwertung der durchfahrenden Stadtbezirke. Da mag es zweifellos überraschen, dass wir nun hier über die Stilllegung einer gerade einmal 10 Jahre alten Anlage berichten müssen. Wie konnte es soweit kommen?
Am 31. März 2026 wurde der Betrieb der einzigen modernen Straßenbahnlinie in Washington, D.C. – der sogenannten H Street/Benning Road Line (oft auch als „H Line“ bezeichnet) – endgültig eingestellt. Damit endet ein über Jahrzehnte diskutiertes und politisch umstrittenes Nahverkehrsprojekt.


Hintergrund der Stilllegung
Die Entscheidung zur Aufgabe der Strecke wurde bereits im Jahr 2025 durch das Verkehrsministerium des District of Columbia (DDOT) bekanntgegeben. Ausschlaggebend waren vor allem finanzielle und strukturelle Probleme.
Ein zentraler Faktor waren anhaltend niedrige Fahrgastzahlen. Trotz kostenfreier Nutzung konnte die Linie langfristig keine ausreichende Nachfrage generieren. In den letzten Jahren vor der Einstellung lag die tägliche Nutzung teils deutlich unter den Erwartungen und ging sogar zurück. Gleichzeitig standen dem vergleichsweise geringe Nutzen hohe Betriebskosten von angabegemäß rund 10 Millionen US-Dollar pro Jahr gegenüber.
Hinzu kamen Entscheidungen auf politischer Ebene in einem für umweltfreundliche Nahverkehrsmittel ohne Zweifel nicht gerade günstigen Umfeld: Im Zuge von Haushaltskürzungen wurden wesentliche Teile der laufenden Finanzierung einfach gestrichen, wodurch die Stilllegung sogar ein Jahr früher als ursprünglich geplant erfolgte.
Als weiteres strukturelles Problem wurden die fehlende Netzverknüpfung genannt, ausgelöst natürlich vor allem durch die ausbleibende Erweiterungen des ursprünglich geplanten Netzes.
Anstelle der Streetcar setzt die Stadt künftig verstärkt auf elektrische Busse, die sie als flexibler und kostengünstiger im Betrieb einstuft.
Historie der Linie
Die H Street zählt zu den ältesten ÖPNV-Korridoren Washingtons. Bereits 1871 verkehrten hier Pferdestraßenbahnen, die Ende des 19. Jahrhunderts elektrifiziert wurden.
Das ursprüngliche Straßenbahnnetz der Stadt wurde jedoch bis 1962 vollständig stillgelegt, womit Washington jahrzehntelang ohne schienengebundenen Nahverkehr auf Straßenebene blieb.

Planung des modernen Streetcar-Systems
Die Wiederbelebung der Straßenbahn begann in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Ziel war ein großflächiges Netz von bis zu 60 Kilometern zur Revitalisierung benachteiligter Stadtteile. 2002 gab es bereits Machbarkeitsstudien, ursprünglich geplant waren mehrere Linien (u. a. Anacostia) im Stadtgebiet. Viele dieser Projekte wurden jedoch nie umgesetzt. Die einzige schließlich realisierte Strecke wurde am 27. Februar 2016 eröffnet.
Ein paar Eckdaten:
- Länge: 3,5 km mit 8 Haltestellen
- Verlauf: Union Station – Oklahoma Avenue (H Street NE / Benning Road)
- Betrieb: straßenbündig, zum Teil abgetrennt, zum Teil im Mischverkehr
Eingesetzte Fahrzeuge
Verwendet wurden drei Fahrzeuge vom Typ Inekon 12-Trio, hergestellt vom tschechischen Unternehmen Inekon Trams, davon kamen zwei im Regelbetrieb zum Einsatz.
- Baujahre: 2007–2009
- Länge: rund 20 Meter
- Bauart: dreiteilig, vollständig niederflurig
- Kapazität: etwa 150 Fahrgäste (je nach Auslastung)
- Einstieg: barrierefrei, niveaugleich an den Haltestellen
- Antrieb: elektrisch über Oberleitung
Die Fahrzeuge wurden ursprünglich schon Jahre vor der eigentlichen Eröffnung der Strecke beschafft. Dadurch standen sie lange ungenutzt im Depot, da sich der Bau der Linie erheblich verzögerte.
Das weitere Schicksal der Fahrzeuge ist nach der Stilllegung vorerst unklar.
Probleme während der Projektentwicklung
Das Projekt war von Beginn an von Schwierigkeiten geprägt durch massive Verzögerungen – die Eröffnung war ursprünglich für 2013 geplant – , Kostenüberschreitungen (rund 250 Mio. US-Dollar Investitionskosten für nur wenige Kilometer Strecke) und diverse technische und organisatorische Probleme. Auch nach der Inbetriebnahme konnten diese strukturellen Schwächen nicht alle überwunden werden.
Bedeutung und Einordnung
Die Stilllegung der Linie markiert das Ende eines ambitionierten, aber letztlich gescheiterten Versuchs, die Straßenbahn in Washington wieder einzuführen. Ursprünglich sollte sie den Auftakt für ein umfassendes Netz bilden, blieb jedoch ein isoliertes Pilotprojekt.
Gleichzeitig hatte die Strecke aber auch einige positive Effekte, schließlich bot sie eine neue Verkehrsverbindung im Stadtgebiet und leistete unzweifelhaft einen Beitrag zur Aufwertung des H-Street-Korridors.
Insgesamt kann man die Entwicklung in Washinton nur bedauern, denn die Bahn konnte ihren verkehrlichen Nutzen nie wirklich ausspielen und blieb ohne Erweiterungen ein isoliertes Einzelsystem – die hohen Investitionskosten waren so kaum zu rechtfertigen und zu amortisieren. Damit ist sie ein Beispiel für fehlgeschlagene Infrastrukturplanung, bei der politische Visionen, Finanzierung und praktische Umsetzung kaum im Einklang zu bringen waren.


