Neapel: Die Modernisierung der Tram geht voran

von Erik Buch
Drei Generationen: AnsaldoBreda Sirio Baujahr 2006 Nr. 1118, Officine Ferroviarie Meridionali (OFM) Vierachser Baujahr 1935 (neuer Aufbau 1980) Nr. 959, Bozankaya NF-Tram Baujahr 2025 | © Urban Transport Magazine/B

Sie dürfte auf der Liste der Straßenbahnen mit dem dringendsten Sanierungsbedarf in Europa einen Platz auf den vorderen Rängen einnehmen: Die Tram in der süditalienischen Metropole Neapel. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung und Stilllegungen kam es vor etwa zwanzig Jahren immerhin zur Beschaffung von 22 Niederflurwagen und 2013 zu einer kurzen Streckenverlängerung, doch war der Erneuerungsbedarf vor allem bei der Infrastruktur noch immer groß und unübersehbar – von 2016 bis 2020 fuhren gleich gar keine Trams mehr auf den Straßen der Stadt. Trotz gegenteiliger Befürchtungen ging das nur reduzierte Netz aber zum größeren Teil wieder in Betrieb, mit drei Streckenästen bei insgesamt gut 10 km Streckenlänge.

Gleich zwei Sirio folgen im Sichtabstand – Piazza Garibaldi | © Dirk Budach
Der heutige Betriebsablauf

Dabei blieb es weitgehend bis heute. Alle drei Streckenäste werden nun im Regelfall von den beiden Linien 412 und 421 befahren – ausgehend vom Depot im Stadtteil San Giovanni a Teduccio fährt die 421 zuerst den Abschnitt zur Via Cristoforo Colombo (Porto), wendet dort, fährt weiter zum Endpunkt Poggioreale und von dort wieder zurück zum Ausgangspunkt San Giovanni a Teduccio. Die 412 macht diese Tour vom gleichen Ausgangspunkt aus zuerst nach Poggioreale, dann Via Cristoforo Colombo (Porto) und wieder zurück nach San Giovanni. Alle drei Streckenäste werden so von den Wagen jeweils hin und zurück einmal befahren. Was für auswärtige Besucher kompliziert klingt, ist selbst für Einheimische in der Praxis sehr verwirrend – immer wieder sieht man ratlose Fahrgäste beim Betreten der Wagen den Fahrer konsultierend, wo es denn als Nächstes hingehe. Auf diesen beiden Linien kommen die von Ansaldo Breda 2004-07 gelieferten, kurzen, dreiteiligen Niederflurtrams in Zweirichtungsbauart zum Einsatz, die sich für die oft unruhige Gleislage zwar als robust herausgestellt haben, aber inzwischen merkliche Unterhaltungsrückstände aufweisen.

Auf dem Abschnitt Piazza Nazionale – Stazione Centrale – San Giovanni a Teduccio fahren darüber hinaus seit 9. Dezember 2024 in unregelmäßigen Abständen zwei oder drei aufgearbeitete Einrichtungs-Vierachser aus den dreißiger und vierziger Jahren, die um 1980 neue Aufbauten erhalten hatten. Sechs Wagen sind fahrbereit vorhanden. Diese Linie 422 wird als „historische Tram“ vermarktet und dient zur Verstärkung des Angebots an Werktagen. Touristen nehmen das Angebot allerdings praktisch nicht wahr, obwohl man durchaus annehmen könnte, dass das Konzept historischer Trambahnen als Attraktion für Besucher Erfolg haben könnte, wenn man es denn sinnvoll bewerben und ausgestalten würde. „Kein Betrieb an Sonntagen“ – das dürfte hierbei allerdings wenig hilfreich sein. So oder so – das Fahrgefühl in den alten Wagen ist auf alle Fälle eine Mitfahrt wert.

Ein Streckenplan findet sich unter:
https://www.urbanrail.net/eu/it/nap/tram/napoli-tram.htm

Altbau-Vierachser Tw 1052 auf Linie 422 setzt sich im Verkehrsgewühl durch … | © Dirk Budach
Linie 422 mit Vierachser Tw 1008 (Baujahr 1938, Neuaufbau in den 1980er Jahren) | © Dirk Budach

Die mehrjährige Stilllegung der Tram, aber natürlich auch die komplizierte Linienführung und die Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf durch Behinderungen im Straßenverkehr vor allem während der Hauptverkehrszeiten haben dazu geführt, dass die Zahl der Passagiere in den Bahnen oft recht übersichtlich bleibt, Überfüllungen kommen im Gegensatz zu anderen Verkehrsmitteln Neapels eher selten vor.

Endlich Ausbau und Modernisierung

Doch nun schon länger bestehende Pläne zum Ausbau und zur Modernisierung nehmen nun endlich Gestalt an – nicht zuletzt die Zuweisung von Mitteln aus dem Post-Covid Wiederaufbauprogramm aus Rom macht dies nun endlich möglich. Ausgehend von der kurzen Innenstadtstrecke zur Via Cristoforo Colombo (Porto) wird die Tram zuerst durch den Tunnel am Hafen bis zur Piazza Vittoria und von dort weiter bis zur Piazza Sannazaro verlängert. Auf zum Teil vom Individualverkehr abgetrennter Trasse können so wichtige Fahrgastpotenziale erschlossen werden, auch wenn die verlängerte Metrolinie 6 auf ähnlicher Strecke unterwegs ist. Allerdings hat sie sehr lange Zugangswege zu den unterirdischen Stationen und wird bislang ohnehin nur im 18-20-Minuten-Abstand befahren, und am Wochenende nachmittags gleich gar nicht! All dies übrigens bei Investitionskosten von mehreren hundert Millionen Euro in den vergangenen Jahren.

Doch zurück zur neuen Tram del Mare, wie sie in offiziellen Darstellungen auch genannt wird. Die neue Strecke entlang des Uferstreifens vom Passagierhafen aus war schon bis 1998 bzw. 2016 (P. Vittoria) von Straßenbahnen bedient worden, bevor die letzte größere Stilllegungswelle auch hier zur Betriebseinstellung führte. Der Streckenbau ist weit fortgeschritten, die Oberleitung fehlt auf Teilen noch, und seit 11. Mai 2026 wird auch die bestehende Uferstrecke entlang der Via Marina (bis Via Cristoforo Colombo) erneuert, der Tramverkehr ist deshalb aktuell noch weiter eingeschränkt.

Gleisbau an der Pza. Municipio | © Dirk Budach
Die Strecke nach Westen wird wieder den Tunnel vor der Pza Vittoria benutzen, Gleise und Fahrleitung sind installiert | © Dirk Budach
Neue Fahrzeuge

Zum teilweisen Ersatz der Sirio-Trams, aber auch zur Bedienung des künftig wieder deutlich längeren Netzes bestellten die Verkehrsbetriebe AMN beim türkischen Hersteller Bozankaya fünfteilige Niederflurbahnen in Zweirichtungsbauart, von denen die ersten in den vergangenen Monaten in Neapel eintrafen. Sie sind 30,5 Meter lang und bieten 64 Sitz- und bis zu 210 Stehplätze. Der Rahmenvertrag umfasste zunächst 20 Wagen, inzwischen wurde er auf 50 Fahrzeuge erweitert, davon sind 35 fest bestellt. Fünf Wagen sind bisher in Neapel eingetroffen. Sie stehen vorerst abgestellt im Depot San Giovanni a Teduccio, umfangreiche Tests werden in Kürze erwartet. Im heutigen, mittlerweile mehr als 100 Jahre alten Depot ist allerdings kein Platz für all diese Neuwagen, auch die Werkstattkapazität reicht dafür kaum aus.

Die ersten neuen Bozankaya Niederflurbahnen | © Urban Transport Magazine/B

Deshalb wird aus dem bestehenden Busdepot an der Via Nazionale delle Puglie auch ein Tramdepot werden. Von der Endstelle Poggioreale wird die Strecke bis dorthin verlängert und auch im Linienbetrieb befahren werden. Rund 1 km Gleis bestehen schon jetzt – sie gingen 2013 bis Via Stadera als Neubaustrecke in Betrieb, doch der fortschreitende Bau der U-Bahn-Linie 1 verhinderte nach der Gesamtstilllegung des Netzes von 2016 bis 2020 eine Wiederaufnahme des Verkehrs, und dabei blieb es bis heute.

Weitere Ausbauvorhaben für die Tram in Neapel liegen in der Schublade, u.a. eine weitere (Wieder-)Verlängerung in Richtung Bagnoli, doch Aussagen über den zeitlichen Ablauf lassen sich kaum treffen, zu oft haben unbestimmte politische Einflüsse, aber nicht zuletzt vor allem die Finanzierung bei Neapels ÖPNV-Projekten immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Immerhin sieht es heute, im Jahr 2026, bei der Tram so gut wie lange nicht aus – bleiben wir optimistisch, dass die Tram del Mare auch wirklich im Laufe der nächsten 12 Monate in Betrieb geht.

Keine Doppeltraktion: Zwei Sirio-Tw hintereinander an der Endstelle San Giovanni a Teduccio vor der Depoteinfahrt | © Dirk Budach
Eigentrasse in Richtung San Giovanni | © Dirk Budach
17.07.2026