
Am Montag, 4. Mai ging in Melbourne erstmals die neuen X’Trapolis 2.0 Elektrotriebzüge in den Fahrgastbetrieb. Die von Alstom entwickelten und in Australien gefertigten Fahrzeuge tragen zur Modernisierung des S-Bahn-ähnlichen Vorortverkehrs in Melbourne bei. Die Fahrzeuge sind konsequent auf die Anforderungen des 1,5 kV-DC-Netzes sowie auf hohe Fahrgastzahlen in den stark frequentierten Korridoren zugeschnitten.
Fahrzeugtechnik und Leistungsparameter
Die Einheiten sind als sechsteilige, durchgängig begehbare Elektrotriebzüge (EMU) ausgeführt und erreichen eine Gesamtlänge von 143,35 m. Bei einer Breite von 3,03 m und einer Höhe von rund 3,7 m bieten sie ein großzügiges Lichtraumprofil. Das Gesamtgewicht liegt bei etwa 389 t.
Die Achsfolge Bo′Bo′+2′2′+Bo′Bo′+Bo′Bo′+2′2′+Bo′Bo′ umfasst insgesamt 16 angetriebene Achsen. Die Energieversorgung erfolgt über 1,5 kV Gleichspannung aus der Oberleitung. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 130 km/h, bei einer Beschleunigung von 1,2 m/s² und einer Regelverzögerung von 1,15 m/s².

Kapazität und Fahrgastfluss
Ein Zug bietet Platz für bis zu 1 241 Fahrgäste, darunter 443 Sitzplätze. Gegenüber den ersetzten Comeng-Zügen entspricht dies einer Kapazitätssteigerung von rund 10 %. Das durchgängige Wagenkonzept verbessert die Fahrgastverteilung, während breite Türen kurze Haltezeiten unterstützen.
Barrierefreiheit wird durch Mehrzweckbereiche, rund 20 Rollstuhlstellplätze sowie automatische Rampen gewährleistet. Digitale Fahrgastinformationssysteme und verbesserte Klimatisierung erhöhen zusätzlich den Komfort.

Fertigung und lokale Wertschöpfung
Ein zentrales Element des Programms ist die lokale Produktion. Die Endmontage der Züge erfolgt im Alstom-Werk Ballarat im Bundesstaat Victoria, unterstützt durch ein Netzwerk australischer Zulieferer. Der lokale Fertigungsanteil liegt bei etwa 60 %, womit das Projekt auch industriepolitische Ziele verfolgt. Die geschweißten Wagenkästen werden für eine besonders hohe Lebensdauer aus Edelstahl gefertigt.

Beschaffung und Einsatz
Die aktuelle Bestellung umfasst 25 Sechswagenzüge (150 Wagen) mit einem Investitionsvolumen von rund 986 Mio. AUD. Eine Option auf insgesamt bis zu 43 Einheiten besteht. Es wurde anlässlich des Betriebsstarts eine Option über weitere 25 Züge eingelöst. Die Züge ersetzen sukzessive die seit den 1980er Jahren eingesetzten Comeng-Triebzüge und kommen insbesondere auf den Linien Craigieburn, Upfield und Frankston zum Einsatz.

Metro Tunnel als infrastruktureller Schlüssel
Eine zentrale Rolle im Ausbau des Schienenpersonennahverkehrs spielt der inzwischen in Betrieb befindliche Metro Tunnel Melbourne. Das Projekt umfasst zwei rund 9 km lange Tunnelröhren sowie fünf neue unterirdische Stationen im Stadtzentrum. Nach einer ersten Teilinbetriebnahme Ende 2025 erfolgte Anfang 2026 die vollständige Netzintegration („Big Switch“) mit neuem Fahrplankonzept.
Der Tunnel entlastet die stark ausgelastete City Loop Melbourne, trennt bisher verflochtene Linienäste und ermöglicht dichtere Takte im Kernnetz. Er wird jedoch ausschließlich von den speziell dafür beschafften Hochkapazitätszügen (HCMT) bedient.
Die neuen X’Trapolis 2.0 kommen dagegen auf den übrigen Vorortlinien zum Einsatz und profitieren indirekt von der Neuordnung des Netzes: Durch die Entflechtung und Kapazitätserweiterung im Gesamtsystem verbessern sich auch Stabilität und Leistungsfähigkeit auf den von ihnen bedienten Korridoren.

Ausblick
Der X’Trapolis 2.0 ist Teil einer klar strukturierten Flottenstrategie im Großraum Melbourne, die auf eine schrittweise Standardisierung und Kapazitätserhöhung im elektrifizierten Vorortnetz abzielt. Neben der ersten X’Trapolis-Generation (X’Trapolis 100) bilden insbesondere die neueren High Capacity Metro Trains (HCMT) sowie nun der X’Trapolis 2.0 die drei zentralen Säulen der elektrischen Flotte. Während die HCMT primär für hochbelastete Korridore und den Metro Tunnel Melbourne ausgelegt sind, übernimmt der X’Trapolis 2.0 die Erneuerung der konventionellen Vorortverkehre und ersetzt gezielt die alternden Comeng-Züge.
Die Beschaffungspolitik folgt dabei einem langfristigen industrie- und verkehrspolitischen Ansatz: Kontinuierliche Serienbestellungen (u. a. 70 HCMT, 25 X’Trapolis 2.0 sowie weitere Optionen) sichern eine gleichmäßige Flottenerneuerung und eine stabile lokale Fertigung in Victoria. Gleichzeitig wird durch hohe Plattformkontinuität die Wartung vereinfacht und die betriebliche Flexibilität erhöht.

Im Regionalverkehr zeigt sich hingegen ein anderes Bild: Hier dominiert weiterhin die dieselbetriebene VLocity-Flotte, deren Ausbau fortgesetzt wird – zuletzt mit zusätzlichen Bestellungen und insgesamt weit über 100 dreiteiligen Einheiten. Diese Fahrzeuge ersetzen schrittweise ältere lokbespannte „Classic“-Züge, jedoch nicht durch alternative Antriebe, sondern weiterhin als Dieseltriebzüge.
Insgesamt zeigt sich, dass der X’Trapolis 2.0 weniger als singuläres Fahrzeugprojekt zu verstehen ist, sondern als integraler Bestandteil einer langfristigen Flottenharmonisierung: Elektrische Hochleistungstriebzüge im urbanen Kernnetz, ergänzt durch eine weiterhin dieselgeprägte, schrittweise modernisierte Regionalflotte.

Ein Video vom ersten Betriebstag der neuen X’Trapolis 2.0 Flotte gibt es hier:

