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Neue Strecken und neue Fahrzeuge bei der Straßenbahn Gdańsk (Danzig)

Die 2,6 km lange Neubaustrecke nach "Lawendowe Wzgórze" führt entlang der Aleja Adamowicz auf einem imposanten Viadukt, hier mit einem N8C auf Probefahrt I © Krystian Jacobson

Der Verkehrsbetrieb GAiT und der Aufgabenträger ZTM von
Gdańsk (Danzig) haben am 30. Juni 2020 eine neue Straßenbahnverlängerung sowie die erneuerte Straßenbahnstrecke nach Stogi Plaża (Strand) eingeweiht. Die 2,6 km lange Neubaustrecke wird von der Linie 12 betrieben und verbindet Migowo mit Lawendowe Wzgórze (Lavendelhügel) im Südwesten der Stadt und ist Teil eines neuen „Ringstraßenbahn“-Projekts (siehe unten). Das Projekt umfasst sechs Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten zu den Buslinien 115, 120, 156 und 174 in Ujeścisko mit einem Park-and-Ride Parkplatz mit Platz für 167 Autos und 22 Fahrräder.

Am 30. Juni um 4:35 Uhr morgens verließ die erste Straßenbahn die neue Endstation in „Lawendowe Wzgórze“ und fuhr entlang der Aleja Adamowicz, benannt nach Gdańsk‘s Bürgermeister Paweł Bogdan Adamowicz, der im Januar 2019 ermordet wurde. Über die neue Aleja Adamowicz, die auch über ein imposantes Brückenbauwerk führt, verbindet die neue Straßenbahnlinie mehrere große Stadtteile wie Jasień, Ujeścisko-Łostowice und Piecki-Migowo im Danziger Südwesten.

Die offizielle Einweihungsfeier fand am selben Tag um 7:30 Uhr mit der neuen Bürgermeisterin, Aleksandra Dulkiewicz, dem Direktor der ZTM, Sebastian Zomkowski, Vertretern von Politik und Verkehrsbetrieben sowie zahlreichen Anwohnern statt.

Die neue Zwischenschleife Ujeścisko mit einem Alstom/ Konstal NGd99 in historischer Lackierung I © Krystian Jacobson

Das Projekt der Aleja Paweł Adamowicz (auch Nowa Bulońska Północna genannt) ist Teil des von den Stadtbehörden entwickelten Programms für strategische Entwicklung des südlichen Distrikts für die Jahre 2014-2020. Die Umsetzung wurde im Rahmen des Danziger Programms für den öffentlichen Verkehr – GPKM Stufe IVa ausgeführt. Der Auftragnehmer ist ein Konsortium von Unternehmen, welches von der NDI S.A. aus Sopot geführt wird. Die Baukosten betrugen 243 Mio. PLN (ca. 60,8 Mio. Euro). Die Investition wurde aus dem EU-Programm für Infrastruktur und Umwelt für die Jahre 2014 bis 2020 mit einem Betrag von ca. 58,5 Mio. PLN (ca. 14,6 Mio. EUR) gefördert.

Das Danziger Hinterland ist durchaus hügelig, wie man auf diesem Bild erkennen kann I © Krystian Jacobson

Ringlinie geplant

Da die küstennahen Bereiche der Dreistadt Danzig -Sopot (Zoppot) – Gdynia größtenteils bebaut sind, hat sich das Baugeschehen in das südwestliche und hügelige Hinterland von Danzig verlagert. In der letzten zwei Dekaden sind hier Tausende von Neubauwohnungen für über 100.000 Menschen entstanden. Die Erschließung der Neubaugebiete war immer schon geplant. Entsprechende Trassen für die Tram wurden dementsprechend freigehalten. Dies führte 2007 zur Verlängerung der Straßenbahn nach Chełm (2,6 km), dann 2012 von Chełm nach Łostowice (3 km) und zur Strecke von Siedlce mit zwei Abzweigungen nach Brętowo und Migowo. Die jetzt eröffneten Abschnitte führen von Migowo über Ujeścisko nach „Lawendowe Wzgórze“. Der Ringschluss zwischen Ujeścisko und Lawendowe Wzgórze folgt als nächstes. Die Zwischenschleife in Ujeścisko wird durch die Planzüge heute bereits befahren. In Lawendowe Wzgórze wurde eine Stumpfendstelle eingerichtet, so dass derzeit nur Zweirichtungsfahrzeuge zum Einsatz kommen können.

Übersichtskarte: Die jetzt eröffnete Neubaustrecke links unten (in orange) und der geplante Lückenschluss zur Ringstrecke (in hellblau) sowie die jetzt wiedereröffnete Strecke zum Ostseestrand nach Stogi (in gelb, rechts oben) I © OpenStreetmap/ transport-publiczny.pl

Die neu in Betrieb genommene neue Straßenbahnstrecke ist nämlich die erste Etappe der künftigen GPW-Ringstrecke, Gdańsk Południe – Wrzeszcz (Danzig Süd – Wrzeszcz). ZTM Danzig wählt derzeit einen Bauunternehmer für die Erweiterung der Straßenbahn Nowa Warszawska aus. Ein früheres Ausschreibungsverfahren musste wiederholt werden. Der Abschnitt verbindet die Schleife „Ujeścisko“ mit der Straßenbahnlinie in der Ul. Vaclava Havla in Richtung Łostowice Świętokrzyska. Mit der neuen Ringstraßenbahn können dann alle Einwohner der südwestlichen Bezirke leichter in den Stadtteil Wrzeszcz pendeln, in dem sich viele Arbeitsplätze, Büros, Universitäten und Einkaufszentren befinden. Außerdem wird eine neue Buslinie 129 wird eingerichtet, um die Linie 12 mit Wrzeszcz zu verbinden. Darüber hinaus sind weitere Neubaustrecken geplant, über die wir in Zukunft an dieser Stelle berichten werden.

Die neue Zwischenschleife Ujeścisko kurz vor Abschluss der Bauarbeiten. Erkennbar der Abzweig (nach rechts) für die zukünftige Ringstrecke sowie die Strecke nach Lawendowe Wzgórze I © gdansk.pl/ Krzysztof Wojciechowski/DRMG

Das Danziger Hinterland ist im Vergleich zur Küste durchaus hügelig. Die sogenannten Endmoränen sind das Geröll der Gletscher der letzten Eiszeit, welches letztlich „liegen geblieben“ ist. Dadurch ergeben sich zahlreiche Steigungen und Täler, weshalb in der Aleja Adamowicz ein neues Brückenbauwerk entstand. Die gesamte Bahnstrecke verläuft auf eigenem Bahnkörper. Es wurden teils Vignolschienen, teils Rillenschienen auf Querschwellen verlegt.

Die Rückkehr der Strandlinie nach Stogi

Am Dienstag, den 30. Juni um 4:41 Uhr und pünktlich zur polnischen „Strandsaison“, wurde mit der Straßenbahnlinie 8 (und 9) der Straßenbahnbetrieb auf der vollständig erneuerten Infrastruktur zum Strand von Stogi wiederaufgenommen. Die Straßenbahnlinie ist Danzigs Straßenbahnlinie, die dem Ostseestrand am nächsten kommt. Von der Endschleife sind es nur wenige Meter bis zum Meer. Die Straßenbahnlinien 8 und 9 verkehren in der Hauptverkehrszeit alle 10 Minuten. Diese Frequenz wird auch über die „Spitzen“ auf Route 8 hinaus beibehalten. Die Linie 9 verkehrt außerhalb der Hauptverkehrszeit alle 20 Minuten.

Alt und neu an der erneuerten Endstelle in Stogi: Triebwagen 273, Baujahr 1930, der Danziger Waggonfabrik und der neue Pesa Jazz Duo I © Krystian Jacobson

Für die Wiedereröffnung war auch die historische Ring-Straßenbahn, Baujahr 1930, im Einsatz – dies war freilich kein Zufall. Genau am 1. Juli 1927 wurde auf dem Abschnitt vom Żuławska-Tor über Przeróbka nach Stogi (damals Heubude) die neue 5,7 km lange Strecke in Betrieb genommen. Der historische Triebwagen mit der Nummer 273 wurde mit fünf weiteren Wagen von der Danziger Waggonfabrik (später die Nordwerft) gebaut und ab 1930 auf der damaligen Danziger Ringstraßenbahn eingesetzt. Der Triebwagen wurde bis in die 1950er Jahre eingesetzt und in den 1980ers nach Krakau transportiert. Die Herrichtung zum historischen Triebwagen erfolgte 2016. Sein historisches Erscheinungsbild, einschließlich der cremeblauen Lackierung, ist charakteristisch für die Zwischenkriegszeit von 1920 – 1939, als Danzig  teilsouveräner, selbstständiger Freistaat war. Die historischen Triebwagen der ZTM kommen während der Sommersaison regelmäßig auf der historischen Straßenbahnlinie in der Innenstadt zum Einsatz.

Durch den Kiefern – und Birkenwald geht es jetzt mit der Straßenbahn wieder zum Strand nach Stogi. Der zuletzt ausgelieferte Pesa Niederflurwagen in den Farben des Lechia Fußballclubs I © Krystian Jacobson

Fahrzeugeinsatz

Am Eröffnungstag kamen auch die 15 neugelieferten Pesa Jazz Duo (Type 128NG) Niederflurstraßenbahnen zum Einsatz. Es handelt sich dabei um fünfteilige Zweirichtungsfahrzeuge. Der 15. Wagen wurde zum 75. Jubiläum des Fußballclubs Lechia Gdańsk in den Vereinsfarben grün/ beige lackiert. Es ist damit zu rechnen, dass der Einsatz der klassichen Konstal 105Na Vierachser bald zu Ende geht. Für insgesamt 52 ex Dortmunder und ex Kasseler N8C wurde vor Kurzem ein Modernisierungsprogramm gestartet, bei dem Motoren und Elektrik erneuert werden. Der Wagenpark der Straßenbahn besteht derzeit aus folgenden Fahrzeugen (Status Juni 2020):

  • 26 Konstal 105Na/ 105NaCh, Baujahr 1982, Hochflurvierachser; eine Dreifachtraktion 105Na wurde im Frühjahr 2019 in historischer rot-creme-farbener Lackierung hergerichtet und kommt im Planbetrieb zum Einsatz
  • 2 Konstal 114Na, Baujahr 1997, Modernisierung 2013, 2016 – 2017
  • 4 Alstom/ Konstal NGd99, Baujahr 1999, Modernisierung 2016 – 2017
  • 3 Bombardier NGT6, Baujahr 2007
  • 62 Düwag N8C-NF, Baujahre 1978 – 1986, ex Dortmund/ Kassel, Modernisierung mit Niederflurmittelteil durch Modertrans 2009, 2015, 2017
  • 35 Pesa 120Na Swing, Baujahr 2010
  • 35 Pesa 128NG Jazz Duo (Zweirichtungsfahrzeuge), Baujahre 2014, 2019 – 2020
12.07.2020

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