Rittenbahn: Eine neue Fahrzeuggeneration vor der Inbetriebnahme

Düwag Tw 57 ex rnv 3257 neben dem 1907 in Graz gebauten Zweiachser Tw 12 in Oberbozen | © Urban Transport Magazine/B

Und wieder stellt sie sich neu auf – die beinah 120 Jahre alten Überlandbahn auf dem Hochplateau Ritten (ital. Renon) nahe der Südtiroler Großstadt Bozen. Niederflurzüge ersetzen die aktuell eingesetzten Einheiten.

Ein Blick zurück

Ursprünglich war die Rittenbahn, auch Rittner Bahn genannt, eine Überlandstraßenbahn mit einem längeren Zahnstangenabschnitt, eröffnet 1907: Nach einem kurzen Streckenstück im Stadtgebiet von Bozen mit Anschluss an die städtische Tram wurden die elektrischen Züge über rund 4 km von Zahnradlokomotiven bis auf das Hochland nahe der Ortschaft Maria Himmelfahrt (L’Assunta) geschoben und fuhren dort weitere 6,8 km über Oberbozen (Soprabolzano) bis nach Klobenstein (Collalbo). In den sechziger Jahren war die Modernisierung längst überfällig, doch erst ein schwerer Unfall führte schließlich zur Aufgabe der Zahnradstrecke und zur Umstellung auf Seilbahnbetrieb 1966. Die Hochlandstrecke blieb erhalten, wenn auch immer wieder von der Stilllegung bedroht, und stellte weiterhin den Anschluss an die Seilbahn aus dem Zentrum Bozens her. Modernisierungsversuche durch den Kauf von zwei Großraumzügen der stillgelegten Überlandstraßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf 1982 blieben sehr begrenzt – nur ein Triebwagen ging nach Jahren in Betrieb. Vier Triebwagen aus 1907 und 1910 wickelten weiter den Betrieb ab, sehr zur Freude von Touristen und Bahnfreunden.

Restaurierte Zahnradlok L4 | © Urban Transport Magazine/B
Vierachser Nr. 2 aus der Erstausstattung von 1907 | © Urban Transport Magazine/B
Tw 105 Baujahr 1920 ex Dermulo-Mendel in Revision | © Urban Transport Magazine/B
Tw 58 ex rnv Heidelberg und Tw 12 ex Esslingen-Nellingen-Denkendorf | © Urban Transport Magazine/B

Die ständig steigende Nachfrage nach dem Verkehrsangebot erlaubte schließlich 2008 einen vergleichsweise „großen Wurf“: Die Pendelseilbahn wurde durch die Firma Leitner vollständig umgebaut, modernisiert und auf Umlaufbetrieb umgestellt. Damit wird seither im Tagesverkehr alle 4 Minuten eine Mitfahrt angeboten, und das System bietet eine erheblich größere Kapazität gegenüber der alten Anlage. Die Überlandtram auf dem Hochland wurde schließlich durch die Übernahme von Pendelzügen bestehend aus vierachsigen Trieb- und Steuerwagen der Schweizer Trogenerbahn modernisiert und die Frequenz auf einen Halbstundentakt fast den ganzen Tag über auf dem Abschnitt Oberbozen-Klobenstein mehr als verdoppelt. Auf dem nur 1,1 km kurzen Stück von Oberbozen bis Maria Himmelfahrt finden nur insgesamt fünf Fahrten am Tag statt.

Trieb- und Steuerwagen 24 abgstellt in Maria Himmelfahrt | © Dirk Budach
Eine weitere neue Generation

Und nun machten die Bestimmungen zur durchgehenden Barrierefreiheit im ÖPNV auch auf dem Ritten den Ersatz der Schweizer Garnituren nötig. Sie befinden sich trotz ihres Alters von rund 50 Jahren noch in sehr gutem Pflegezustand, aber der Einstieg geschieht nur über Stufen. Bei der Rhein-Neckar Verkehrs-GmbH ergab sich die Gelegenheit zum Kauf von noch gut erhaltenen Düwag-Gelenkstraßenbahnwagen vom Typ M8C-Nf, gebaut 1985 und ab 2009 mit einem neuen Niederflur-Mittelteil und neuer Elektronik ausgestattet. Sie waren bis 2025 in Heidelberg im Einsatz. Drei Wagen sollen in Südtirol wieder in den Fahrbetrieb gehen, ein weiterer ist als Ersatzteilspender vorgesehen. Er traf als erster auf dem Ritten ein (Wagen 3256), zwei weitere folgten inzwischen (3257, 3258) und auch der letzte (3252) sollte in Kürze ankommen. Die Wagen werden – bei der RNV schon in Südtiroler Farben lackiert – vor Ort noch den lokalen Gelegenheiten angepasst und durchlaufen dann den Zulassungsprozess, der Einsatz im Fahrgastverkehr ist in den kommenden Monaren vorgesehen. Von den ex-Trogenerbahn-Zügen ist eine Einheit schon außer Betrieb und am Endpunkt Maria Himmelfahrt abgestellt. Das weitere Schicksal der Wagen ist noch offen, die fehlende Abstellfläche auf dem Ritten legt aber eine zeitnahe Entscheidung nahe.

Tw 3256 ex rnv bleibt Ersatzteilspender, daneben Tw 11 und Tw 58 ex 3258 in Klobenstein | © Urban Transport Magazine/B
Ablösung: Düwag Tw 57 wird künftig statt Tw + Stw 23 fahren – Oberbozen | © Urban Transport Magazine/B
Die Zukunft

Die Rittenbahn ist heute ein stark gefragtes, attraktives Verkehrsmittel auf der Hochfläche und auch ein kaum wegzudenkender Faktor im touristischen Umfeld. Die Kapazität der Züge ist jetzt schon stark ausgelastet, auch die neuen Niederflurwagen bieten hier nicht mehr an. Eine Erhöhung durch Einsatz von Doppeltraktionen oder künftig längeren Einheiten ist in der aktuellen Form nicht möglich, die Streckeninfrastruktur, das Gleisbild und die Bahnsteige müssten angepasst werden. Aber bis dahin bieten die „neuen“ Düwag-Trams ein gutes Angebot bei überschaubaren Investitionskosten.

Düwag Tw 57 ex rnv 3257 neben dem 1907 in Graz gebauten Zweiachser Tw 12 in Oberbozen | © Urban Transport Magazine/B
Werden abgelöst: Tw + Stw 23 ex Trogenerbahn vor Klobenstein | © Dirk Budach
17.06.2026