• de
  • en

RVK Köln – die lange Geschichte ihrer Wasserstoffbusse

Solaris Urbino 12 hydrogen | © Christian Marquordt

Am 14. September 2022 feierte (beim städtischen Verkehrsbetrieb MPK) im polnischen Krakau der erste Solaris-Gelenkbus mit Brennstoffzellen-Antrieb, der „Solaris Urbino 18 hydrogen“, seine Welt-Premiere. Anlass genug für den Hersteller, zu einem großen Event einzuladen. UTM berichtete hier: https://www.urban-transport-magazine.com/weltpremiere-fuer-den-urbino-18-hydrogen/

Der Termin begann mit der dritten Ausgabe der „Solaris Talks“. Bei diesen Veranstaltungen berichtet Solaris über Neues aus dem Unternehmen, über neue Techniken, man präsentiert mal einen interessanten Kunden  und wirft auch mal einen Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand …

Dieses Jahr waren die „Solaris Talks“ – passend zum Anlass – ganz dem Thema „Wasserstoffbusse“ gewidmet. Und weil die Regionalverkehr Köln GmbH (RVK) zurzeit Europas größte Flotte an Brennstoffzellen-Bussen betreibt, trug sie auch mit einem Referat zu den „Solaris Talks“ bei, das Alisa Meyer von der Hauptverwaltung der RVK hielt.

Ganz kurz der aktuelle Bestand an Brennstoffzellenbussen bei der RVK:

  • 2 Van Hool New A 330 FC – vom Jahrgang 2014 (Wagen 400 und 500)
  • 35 Van Hool New A 330 FC – vom Jahrgang 2020
  • 15 Solaris Urbino 12 hydrogen – aus den Jahren 2021 und 2022
  • Fest bestellt sind 20 weitere Solaris Urbino 12 hydrogen und 20 „GB Kite“ des nordirischen Herstellers „Wrightbus“. Dazu kommt eine Option über weitere 20 „Urbino 12 hydrogen“ bei Solaris und über 40 weitere „GB Kite“ bei Wirghtbus.

Aktuell hat die RVK also 52 Busse mit Antrieb durch Wasserstoff.

Wie es bei der RVK mit den Brennstoffzellen-Bussen begann

Die RVK begann aber nicht erst im Jahr 2014 mit Bussen, die über die chemische Reaktion von Wasserstoff mit dem Sauerstoff der Luft in einer „Brennstoff-Zelle“ (Fuel Cell) sich den Strom selber herstellen, mit dem sie dann zu 100 % elektrisch und vollkommen abgasfrei fahren. Bei der Hamburger Hochbahn hörte der Verfasser mal den hübschen Satz: „Das Einzige, was da raus kommt, ist Wasserdampf.“

2011 stellte die RVK als Wagen 10 und 100 zwei 18 Meter lange Wasserstoff-Gelenkbusse des legendären Typs „Phileas 18“ des niederländischen Herstellers APTS in Dienst (APTS = Advanced Public Transport Systems). Der „Phileas“ war eigentlich ein ganz hervorragendes Auto, er steckte voller technischer Ideen, die in der Lage gewesen wären, den Busbau wirklich zu revolutionieren. (Als Beispiel sei nur genannt, dass alle Räder des Phlieas lenkbar waren. Das versetzte ihn in die Lage, in einer „Parallelverschiebung“ von der Fahrbahnmitte an die Haltestelle heranzufahren und so immer absolut parallel zum Kantstein an der Haltestelle zu stehen. Pkw rücksichtslos zu nah an der Haltestelle geparkt, so dass der Bus die Haltestelle nicht mehr richtig anfahren kann? Interessiert den Phleas nicht, bei ihm gibt es die Lösung für das Problem serienmäßig ab Werk!

Die beiden Phileas waren gedacht für die Stadtverkehre in den  beiden Städten Hürth und Brühl (beide mit rund 50.000 Einwohnern im unmittelbaren Kölner Umland) und für die Nachbarstadt-Linie 978 von Hürth zum Kölner Hauptbahnhof. Sie hatten – darin einem Batterie-Elektrobus deutlich überlegen – eine Reichweite, die sie auf ihrer Linie die Laufleistung eines ganzen Tages ohne Nachtanken erbringen ließ.

Zum Tanken fuhren die beiden Phileas, die ja nur in Hürth oder seiner Nachbarschaft unterwegs waren, in den „Chempark Hürth“, eine chemische Fabrik in der Stadt. Dort stellte man PVC her (Poly-Vinyl-Chlorid), und bei dessen Herstellung fiel als „Abfall“ (!) Wasserstoff an. Mit dem niemand etwas anzufangen wusste, weshalb man ihn „einfach“ durch Abfackeln vernichtete. Der Verfasser konnte von seinem Wohnort Bonn aus nächtens die helle Flamme über Hürth stehen sehen, die sich aus dem abgefackelten Wasserstoff erklärte. War (und ist) es nicht wunderbar, dass ein wertvoller Energieträger wie Wasserstoff, der ja nun einmal ohnehin da ist, nicht länger vernichtet werden muss, sondern sinnvoll zur viel beschworenen Verkehrswende beitragen kann?

Bei der Premiere im Jahr 2011 fuhren die beiden Phileas in den „Chempark Hürth“, um zu demonstrieren, wie problemlos das Tanken ist. Zwar wird nicht nur einfach eine Zapfpistole in den Tankstutzen des Fahrzeugs gehängt (wie wir das von Benzin und Diesel kennen), sondern der Schlauch von der Zapfsäule und der Tankstutzen des Busses wurden mittels Schraubverschluss fest miteinander verbunden, aber sonst war alles wie bei einem herkömmlichen Tankvorgang. Und der Preis für ein Kilogramm Wasserstoff wurde mit 36 Cent angegeben (2011 !).

Einer der beiden Phileas 18 im Busbahnhof Mitte in Hürth | © Christian Marquordt

Die beiden Phileas hatten nur einen Schwachpunkt, den technische Neuentwicklungen schon mal haben: sie litten an „Kinderziektjes“ (niederländisch = Kinderkrankheiten). APTS bemühte sich ebenso redlich wie ehrlich darum, die Kinderziektjes abzustellen. Die aber waren hartnäckig, und so dauerte es lange, sie zu beheben. Zu lange: bevor es gelungen war, den Phileas richtig ans Laufen zu bringen, ging APTS das Geld aus, die – die Folge kennen wir unter den hässlichen Namen Insolvenz oder Konkurs. Schade um das Auto voll von klasse Ideen.

APTS hatte eine Reihe von Doppelgelenk-Phileas nach Instanbul geliefert, wo sie auf einer vom übrigen Verkehrs völlig unabhängigen „Bus-Bahn“ inmitten einer Schnellstraße liefen. Als sie jetzt zur Ausmusterung anstanden, bestellte Istanbuls Stadtverkehrsbetzrieb IETT die Nachfolger bei einem türkischen Hersteller. Und der lieferte Fahrzeuge, bei denen man sich verwundert die Augen reibt. Irgendwie scheint der Phileas wieder auferstanden zu sein … Was ja wohl zeigt, dass der Phileas so „verkehrt“ nicht gewesen sein kann.

2014: die beiden ersten Van Hool

Den nächsten Anlauf in Sachen Wasserstoff unternahm die RVK im Jahr 2014. Es kamen zwei belgische Van Hool vom Typ „New A 330 FC“. Sie erhielten die internen Wagennummern 400 und 500 und wurden beide feierlich vor Schloss Falkenlust in Brühl enthüllt. Gedacht waren (und sind) sie für die Stadtverkehre in Hürth und Brühl, die beide von der RVK im Auftrag der beiden Städte gefahren werden.

Van Hool verfügte 2014 schon über einige Jahre Erfahrung mit Bussen mit Brennstoffzellen. Die man zwar nicht nachhause, also nach Europa, hatte liefern können, dafür aber in die USA. Und da taten diese Autos auch brav, was sie sollten. Was in den USA funktioniert, funktioniert natürlich auch in Europa.

Noch immerhin war der A 330 FC so schwer, dass er auch bei nur 12 Metern Länge drei Achsen brauchte, um sein Gewicht im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu tragen. – Und zum Tanken fuhren (und fahren) die beiden Wagen wie auch schon die Phileas in den Chempark in Hürth. Zwei Wasserstoffbusse . da wird nicht so viel von der wertviollen Energie verbraucht, dass nicht weiterhin der größte Teil durch Abfackeln vernichtet werden müsste.

Der Fahrgast, dies sei angemerkt, bekommt nichts mit von dem ungewöhnlichen Antrieb. Für ihn ist das ein ganz normaler Bus, der allenfalls aufgrund der dritten Achse etwas ungewöhnlich aussieht. Der Wagen jedenfalls fährt ganz „normal“ …

Wagen 400, einer der beiden Van Hool New A 330 FC von 2014, bei der Präsentation vor Schloss Falkenlust in Brühl | © Christian Marquordt

Ab 2020: es geht richtig los

Im Jahr 2020 startete die RVK richtig durch mit Brennstoffzellen-Bussen. Man tat sich mit den Wuppertaler Stadtwerken (WSW) zusammen und bestellte bei Van Hool 30 „New A 330 FC“ für die RVK und zehn für die WSW. Sie alle wurden im Sommer 2020 ausgeliefert. Doch ach, bei der RVK waren es plötzlich 35 Wagen. Wie das? Nun, bei Van Hool waren Mitte 2020 zehn Wasserstoffbusse für einen Kunden in Großbritannien im Bau, und dieser Kunde sprang plötzlich und unerwartet ab. Fünf der zehn Wagen für diesen Kunden waren noch nicht so weit, dass man sie nicht noch in die Version für Rechtsverkehr hätte „umswitchen“ können. Und die RVK nahm sie mit „Kusshand“.

Van Hool New A 330 FC von 2020 bei der Übergabe an die RVK auf dem Betriebshof Meckenheim | © Christian Marquordt
Gemeinschaftsbestellung mit den Wuppertaler WSW: WSW-Wagen 2043 an der Endhaltestelle Toelleturm | © Christian Marquordt

Diese neuen Van Hool New A 330 FC unterscheiden sich deutlich von ihren beiden sechs Jahre älteren Brüdern: sie haben (und brauchen) nur noch die üblichen zwei Achsen. Die Technik macht eben Fortschritte, und so konnte Van Hool das Gewicht seines Wasserstoffbusses deutlich reduzieren.

Waren die beiden Phileas und die beiden ersten Van Hool noch auf dem Betriebshof Hürth stationiert, so kamen die neuen Wagen jetzt auch auf die Betriebshöfe Bergisch Gladbach, Meckenheim und Wermelskirchen. Gleichzeitig wurde das Tankstellen-Netz deutlich erweitert. Die Betriebshöfe in Meckenheim (bei Bonn) und Wermelskirchen erhielten eigene Tankstellen, die wie jede Dieseltankstelle auch per Tanklastwagen beliefert werden. Der Wasserstoff kommt von einer unterdessen sattsam bekannten chemischen Fabrik in Hürth. Zudem gibt es auf dem Flughafen Köln/Bonn eine Wasserstoff-Tankstelle, und dorthin ist es nicht weit von Bergisch Gladbach. Schließlich hatte unterdessen in Frechen  eine ganz normale Wasserstoff-Tankstelle für jedermann eröffnet, und auch hierhin fahren Brennstoffzellen-Busse der RVK zum Tanken.

Die „Solaris Urbino 12 hydrogen“ von 2021 / 2022

Die zurzeit neuesten Brennstoffzellen-Busse der RVK stammen aus der Zeit um die Jahreswende 2021 / 2022, 15 an der Zahl. Sie gehören im Wesentlichen zu den Betriebshöfen Hürth, Meckenheim und Wermelskirchen. Von dort kommen sie auch in die vier Großstädte der Region, als da – nach Größe sortiert – wären Köln, Bonn, Leverkusen und Bergisch Gladbach. Die RVK ist zufrieden mit ihren Solaris, denn sie hat zwanzig weitere bestellt, und dazu gibt es noch eine Option über weitere 20 Wagen.

Solaris Urbino 12 hydrogen im Januar 2022 auf dem Betriebshof Meckenheim, ganz frisch vom Werk eingetroffen | © Christian Marquordt

Auftrag an die nordirische Firma Wrightbus

Mitte des Jahres verblüffte die RVK mit einer ungewöhnlichen Bestellung: man orderte bei der nordirischen Wrightbus 20 Brennstoffzellenbusse von deren Typ „GB Kite“. Dazu kommt eine Option über weitere 40 Wagen. Britische Busse in Deutschland? So was kennt mnan doch allenfalls in zweistöckiger Version aus Berlin! Und jetzt im Rheinland?

Nun, Wrightbus ist kein unerfahrener Hersteller von Brennstoffzellen-Bussen. Man ist auf diesem Gebiet schon seit rund zehn Jahren aktiv und hat schon große Stückzahlen auf den britischen Markt und den der Republik Irland geliefert. Man weiß also in Ballymena (dem Firmensitz von Wrightbus), was ein Wasserstoffbus ist und wie man so etwas so baut, dass es auch funktioniert.

Eines allerdings leugnet Wrightbus nicht: seit der Firmengründung vor 75 Jahren (im Jahr 1946) hat man noch nie einen Bus für ein Land mit Rechtsverkehr gebaut. Aber das sollte ja nun wirklich kein Problem sein. Wrightbus versandte anlässlich der Vertragsunterzeichnung ein „Werkfoto“ von einem GB Kite im Look der RVK. Wer sich das Bild genau ansieht, entdeckt: das ist ein Bus für ein Land mit Linksverkehr, nur seitenverkehrt dargestellt …

So sollen sie aussehen: Wrightbus GB Kite für die RVK | © Wrightbus

Und ein Ausblick – Testwagen von Caetano

Schon dreimal hat die RVK auch Brennstoffzellen-Vorführwagen des portugiesischen Herstellers Caetano getestet. Caetano verwendet Brennstoffzellen von Toyota aus Japan. Das ist eher ungewöhnlich, eigentlich alle Busbauer setzen da auf den canadischen Hersteller Ballard (da das ein canadischer Hersteller und Canada zweisprachig ist, können Sie sich aussuchen, ob sie das englisch oder französisch aussprechen wollen.)

Die beiden ersten Caetano wurden nur auf internen Fahrten gestet, der dritte kam auch in den Linienverkehr. Und zwar auf der Bonner Schnellbuslinie „SB 60“ zwischen dem Hauptbahnhof und dem Flughafen Köln/Bonn über die Autobahn A 59 (UTM berichtete). Diese Linie ist nachgerade prädestiniert für  Brennstoffzellen-Busse, denn jeder ihrer Kurse kommt auf – so hieß eseine tägliche Laufleistung von mehr als 600 Kilometern. Noch sind Batteriebusse nicht so weit, dass die das schaffen würden. Der ebenfalls elektrisch fahrende Wasserstoffbus kann es problemlos. Und es gibt auf dem Flughafen, wie wir schon sahen, eine Wasserstoff-Tankstelle …

Nach dem Test des Wagens, der auch im Fahrgastverkehr gelaufen ist, zeigte die RVK sich sehr zufrieden mit ihm.

Der Caetano „H 2 City Gold“-Vorführwagen im Testeinsatz auf der Bonner Flughafenlinie SB 60 | © Christian Marquordt

Ein Blick auf die Anschaffungskosten eines Wasserstoffbusses

In ihrem Referat auf den „Solaris Talks“ gewährte Alisa Meyer auch einen Blick auf die Anschaffungskosten eines Wasserstoffbusses. Während die beiden Phileas im Jahr 2011 noch jeder 1.860.000 Euro gekostet haben, sank der Preis für die beiden Van Hool New A 330 FC von 2014 schon auf 850.000 Euro pro Wagen. Das ist schon weniger als die Hälfte, und das in nur drei Jahren. Na gut, die Phileas waren Gelenkwagen … Die Van Hool von 2020 lagen schon nur noch bei 590.000 Euro pro Wagen, und inzwischen ist der Preis für einen Wasserstoffbus noch weiter gesunken.

Und noch etwas. Die REVG

Und noch etwas: die Rhein – Erft Verkehrs Gesellschaft (REVG) des Kreises Bergheim will jetzt auch eigene Brennstoffzellenbusse beschaffen. Es biete sich doch an – so hieß es – sich da am großen Nachbarbetrieb RVK zu orientieren.

04.01.2023