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Siemens erweitert Batteriekompetenz – Mireo Plus B und Batterie-Lokomotiven gewinnen an Fahrt

Mit dem symbolischen Spatenstich am Standort Luhe-Wildenau in Bayern Ende September hat Siemens Mobility einen weiteren Schritt in Richtung nachhaltige Mobilität angekündigt. Bis 2027 entsteht hier eine neue Fertigungsstätte für Batteriesysteme von Schienenfahrzeugen, insbesondere Batterietriebzügen (BEMU) und zukünftig auch Lokomotiven. Siemens investiert dafür rund 22 Millionen Euro, schafft bis zu 200 neue Arbeitsplätze und errichtet auf einer Fläche von rund 20.000 m² eine moderne Produktionsanlage.

Die Fabrik wird komplette Batteriesysteme inklusive eines neuen Batteriemanagementsystems (BMS) herstellen. Die (LTO-) Zellen selbst werden zwar weiterhin von externen Herstellern wie Toshiba bezogen, Siemens übernimmt aber die Systemintegration, Montage und Qualitätssicherung. Ziel ist, mehr Unabhängigkeit in den Lieferketten zu erreichen, Flexibilität bei unterschiedlichen Zelltypen zu gewährleisten und die Serienfertigung zu beschleunigen. Der Produktionsstart ist für Oktober 2027 vorgesehen, mit einer Jahreskapazität von bis zu 120 MWh.

Siemens war in den vergangenen Jahren mit dem Mireo Plus B BEMU besonders erfolgreich – hier zwei der 31 Batteriezüge der NEB im Bahnhof Blumberg auf der RB25 Berlin – Werneuchen I © UTM

Bereits heute findet in Luhe-Wildenau die Vormontage von Batteriesystemen statt. Auf dieser langjährigen Erfahrungsbasis baut Siemens Mobility nun die neue Systemfertigung auf. Künftig können hier im Dreischichtbetrieb bis zu 120 Megawattstunden Batteriekapazität pro Jahr produziert werden.

Ein weiterer Teil der Investition fließt in Fertigungs- und Automatisierungstechnologie, darunter modernste Schweißverfahren. Der Freistaat Bayern unterstützt das Projekt mit 2,7 Millionen Euro aus Landesförderprogrammen. Der Standort wurde in Zusammenarbeit mit dem regionalen Projektentwickler und Bauträger Dirnberger Real Estate GmbH sowie der DIMONDA Projektbau GmbH entwickelt. Die Unternehmen fungieren als Investoren und Vermieter des Standorts und übernehmen Steuerung und Realisierung des Projekts.

Damit schafft Siemens die Voraussetzungen, um die wachsende Nachfrage nach Mireo Plus B Batterie-Elektrotriebzügen (BEMU) zu bedienen. Diese Fahrzeuge können auf elektrifizierten Abschnitten per Oberleitung fahren und auf nicht elektrifizierten Streckenabschnitten ihre Batterien nutzen – eine attraktive Alternative zum Dieselbetrieb.


Bestellungen und Lieferungen: Lokomotiven und Mireo Plus B im Überblick

Der Mireo Plus B etabliert sich zunehmend als Standard für Teillektrifizierungsnetze in Deutschland und darüber hinaus. Die folgende Übersicht zeigt den Stand der wichtigsten Bestellungen:

Projekt / BetreiberAnzahl FahrzeugeBesonderheiten / Einsatzgebiet
SWEG (Baden-Württemberg)27Erste Bestellung von BEMU für Regionalnetze im Südwesten, neue Werkstatt in Offenburg eingerichtet.
NWL (Nordrhein-Westfalen)61Größter Einzelauftrag für BEMU in Deutschland, Leasingmodell über 15 Jahre.
MDSB 2025+ (Leipziger Region)16Bestandteil der insgesamt 75 Mireo-Züge für das S-Bahn-Netz Leipzig, Einsatz ab 2026.
NEB (Niederbarnimer Eisenbahn, Brandenburg)31Einsatz auf der „Heidekrautbahn“ und angrenzenden Linien ab 2024 vorgesehen.
Hessische Landesbahn (HLB)3Betrieb auf Netzen im Taunus, Einsatzstart 2025 geplant.
Mireo Leasing (Alpha Trains / Siemens Kooperation)3Betrieb im Auftrag des VRR auf der RE47 durch die Regiobahn
Midtjyske Jernbaner7Erster BEMU Auftrag außerhalb von Deutschland
Gesamt:148

Den ersten Auftrag für Lokomotiven mit Batteriespeicher erhielt Siemens im Februar 2025 von JeMyn AG, Teil von Widmer Rail Services AG. Der Auftrag umfasst zwei Vectrons, ausgestattet mit Hochvolt-Lithium-Ionen-Batterien und einem intelligenten Batteriemanagementsystem, die kürzere Strecken ohne Oberleitung (Last Mile, Rangier­einsatz) emissionsfrei ermöglichen. Die Auslieferung ist für 2027 vorgesehen, und das neue Batterie-Paket wurde im Rahmen des deutschen Programms „Zukunft Schienengüterverkehr“ gefördert. 

13 Charger B+AC Mehrsystemlokomotiven mit Batteriespeichern werden an MTA/ Metro-North für den Großraum New York geliefert I © Siemens Mobilty

Der erste Auftrag für Lokomotiven mit Batteriespeicher aus Nordamerika folgte im Sommer 2025: Siemens Mobility bringt mit dem Charger B+AC die ersten batterieelektrischen Personenzuglokomotiven in Nordamerika – ausgelegt für Geschwindigkeiten von bis zu 125 mph (ca. 200 km/h). Sie kombinieren Oberleitungseinsatz mit Batterie-Modus für Streckenabschnitte ohne Fahrleitung und sind modular, skalierbar und auf amerikanische Vorschriften wie das „Buy America“-Programm zugeschnitten. Der erste Auftrag umfasst 13 dieser Charger B+AC Lokomotiven für die New Yorker Regionen (MTA / Metro-North Railroad), als Teil des Ausbaus zu emissionsärmerem Regionalverkehr. 


Relevanz der neuen Fertigung

Die geplante Batterieproduktion in Bayern ist strategisch aus mehreren Gründen entscheidend:

  1. Sicherung der Lieferketten – durch die Eigenfertigung in Deutschland werden Abhängigkeiten reduziert und die Kontrolle über Qualität und Zeitpläne erhöht.
  2. Flexibilität – das neue Batteriemanagementsystem ist modular ausgelegt und kann mit unterschiedlichen Zelltypen betrieben werden.
  3. Skalierung – die steigende Zahl von BEMU-Bestellungen erfordert eine Serienproduktion, die mit stabilen Kostenstrukturen und kurzen Wegen arbeitet.
  4. Verkehrswende – der politisch gewollte Abschied von Dieselzügen wird dadurch technologisch abgesichert und beschleunigt.

Neuester Auftrag aus Ostwestfalen

Im September 2025 gab der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) bekannt, 61 neue Akku-Triebzüge (BEMU) von Siemens Mobilitiy für das Netz „Nördliches Westfalen (NNW)“ zu bestellen. Diese Fahrzeuge sollen ab Dezember 2029 in Betrieb genommen werden und in einem langfristigen Leasingmodell über Rock Rail betrieben werden. Die Züge sind auf Teilstrecken mit Oberleitung und auf nicht elektrifizierten Abschnitten ausgelegt; sie nutzen regeneratives Bremsen zur Rückgewinnung von Energie und arbeiten lokal emissionsfrei sowie besonders energieeffizient. Für Fahrgäste sind Features wie stufenfreie Einstiege, WLAN und ein hoher Anteil recyclebarer Materialien (über 90 %) angekündigt. 

Der letze Auftrag des Mireo Plus B umfasst 61 Züge für Rock Rail, die auf dem NWL in Ostwestfalen zum Einsatz kommen sollen I © NWL

Batteriezüge als Leasing Modell

Ein weiterer beeindruckender Beleg dafür, wie schnell die Mobilitätswende auch praktisch umgesetzt wird, liefert Siemens mit dem Auftrag für Regiobahn: Drei Mireo Smart Plus B Batterie-Triebzüge, die ab Sommer 2026 durch die Regiobahn und den VRR auf der Linie RE 47 zwischen Remscheid-Lennep und Düsseldorf bei Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h eingesetzt werden sollen. Diese Fahrzeuge bieten eine Reichweite von bis zu 120 km ohne Oberleitung, ermöglichen Batterieladen sowohl im Fahrbetrieb als auch im Stand sowie viele Komfortfeatures wie niveaufreien Einstieg, Fahrradstellplätze, WLAN und ein digitales Überwachungssystem über Siemens’ Railigent-Plattform.

Drei BEMU kommen über das Siemens Smart Train Lease ab 2026 im VRR auf der Linie RE 47 zwischen Remscheid-Lennep und Düsseldorf zum Einsatz I © Siemens Mobility

Ausblick

Batterieelektrische Triebzüge sind vor allem dort sinnvoll, wo eine Teilelektrifizierung vorhanden ist oder nur kurze nicht-elektrifizierte Strecken überbrückt werden müssen. Der Mireo Plus B deckt genau diesen Markt ab und wird bereits in mehreren Regionen Deutschlands ab Mitte der 2020er Jahre im täglichen Betrieb stehen.

Mit der neuen Fertigung in Bayern schafft Siemens nicht nur eine Basis für die Versorgung dieser Projekte, sondern auch die Grundlage für zukünftige Weiterentwicklungen – sei es mit leistungsfähigeren Batterien, angepassten Reichweiten oder weiteren Exportmärkten. Damit verbindet sich die technologische Weiterentwicklung direkt mit dem politischen Ziel einer nachhaltigen, emissionsfreien Mobilität im Regional- und S-Bahnverkehr.

13.10.2025