Stavanger als europäisches Reallabor: Der autonome Karsan e-ATAK im Linienbetrieb

Vy, nationaler Eisenbahn- und Busbetreiber in Norwegen, betreibt den autonomen Karsan e-Atak in Stavanger I © Vy

Die norwegische Stadt Stavanger hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten europäischen Testfelder für autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr entwickelt. Während zahlreiche Pilotprojekte mit autonomen Shuttles nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurden oder auf abgesperrte Areale beschränkt blieben, verkehrt in Stavanger seit 2022 ein autonomer Linienbus des Typs Karsan e-ATAK im regulären Fahrgastbetrieb auf öffentlichen Straßen. Das Projekt gilt als eines der fortschrittlichsten Beispiele für die schrittweise Integration hochautomatisierter Fahrzeuge in den ÖPNV Europas.

Vom Shuttle-Pilot zum vollwertigen Linienbus

Bereits ab 2017 sammelte die regionale Verkehrsbehörde Kolumbus Erfahrungen mit autonomen Kleinbussen im Technologiepark Forus. Ziel war es, die sogenannte „erste und letzte Meile“ im öffentlichen Verkehr zu bedienen. Die Erkenntnisse aus diesen frühen Projekten bildeten die Grundlage für den späteren Einsatz größerer Fahrzeuge im regulären Linienbetrieb.

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Mit dem Karsan e-ATAK erfolgte ein Technologiesprung. Der 8,3 m lange batterieelektrische Midibus wurde vom türkischen Hersteller Karsan gemeinsam mit dem Softwareunternehmen ADASTEC entwickelt. Das Fahrzeug verfügt über SAE-Level-4-Automatisierung und kann auf definierten Strecken ohne aktive Fahraufgaben eines Fahrers verkehren. Der Bus bietet Platz für bis zu 52 Fahrgäste und nutzt eine Kombination aus LiDAR-Sensoren, Radaren, hochauflösenden Kameras, GNSS-Ortung und hochpräzisen digitalen Karten.

Die Norwegian Public Roads Administration erteilte im Jahr 2026 die Genehmigung für den Betrieb ohne Sicherheitsfahrer auf ausgewählten Linienabschnitten I © Vy

Im Juni 2022 nahm der autonome e-ATAK den Fahrgastbetrieb in Stavanger auf. Nach Angaben von Karsan handelte es sich dabei um den ersten autonom fahrenden Großbus Europas im regulären Linienverkehr.

Erweiterung des Einsatzgebiets

Während die ersten Betriebsabschnitte auf relativ überschaubaren innerstädtischen Strecken lagen, wurde die Route Ende 2023 deutlich erweitert. Der Bus bewältigt inzwischen komplexere Verkehrssituationen mit Spurwechseln, signalisierten Kreuzungen und einem rund 800 m langen Straßentunnel. Nach Angaben von Karsan war dies die erste autonome Buslinie Europas, auf der ein Level-4-Fahrzeug einen Tunnel im regulären Fahrgastbetrieb durchfährt.

Der Betrieb erfolgt durch die Verkehrsbehörde Kolumbus gemeinsam mit dem Busunternehmen Vy Buss. Das Fahrzeug wird zusätzlich über die norwegische Flottenmanagement-Plattform xFlow von Applied Autonomy überwacht.

Ein Video vom Einsatz gibt es hier:

Der regulatorische Rahmen in Norwegen

Mindestens ebenso bemerkenswert wie die Technik ist der regulatorische Ansatz Norwegens. Bereits 2017 verabschiedete das Land ein spezielles Gesetz für Tests autonomer Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen. Dieses ermöglicht den Betrieb automatisierter Fahrzeuge unter behördlicher Genehmigung und definiert Anforderungen an Sicherheit, Risikobewertung, Betriebskonzepte und Haftungsfragen.

Zuständige Genehmigungsbehörde ist die Norwegian Public Roads Administration (Statens vegvesen). Für jeden Einsatz müssen Betreiber detaillierte Sicherheitsnachweise, Betriebsanalysen und Notfallkonzepte vorlegen. Darüber hinaus werden die Fahrzeuge und ihre Einsatzgebiete individuell bewertet. Der Ansatz ähnelt den Genehmigungsverfahren in Schweden oder Deutschland, gilt jedoch als vergleichsweise innovationsfreundlich.

In den ersten Betriebsjahren fuhr der e-ATAK mit einem Sicherheitsfahrer an Bord. Nach umfangreichen Erprobungen erteilte die Norwegian Public Roads Administration im Jahr 2026 die Genehmigung für den Betrieb ohne Sicherheitsfahrer auf ausgewählten Linienabschnitten. Die Genehmigung wurde den Betreibern Kolumbus und Vy erteilt und gilt als Meilenstein für den autonomen ÖPNV in Europa.

Schrittweise Automatisierung statt Revolution

Das Stavanger-Projekt zeigt einen anderen Weg als viele Robotaxi-Initiativen. Statt eines abrupten Übergangs zu vollständig fahrerlosen Fahrzeugen verfolgt Norwegen einen evolutionären Ansatz mit klar definierten Betriebsgebieten, umfangreicher Datenerfassung und schrittweiser Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten.

Derzeit kommt ein elektrischer Karsan e-Atak in Stavanger zum Einsatz I © Vy

Für Verkehrsunternehmen ist dieser Ansatz besonders interessant. Buslinien verkehren auf festen Routen, verfügen über bekannte Haltestellen und lassen sich deutlich einfacher überwachen als frei fahrende Robotaxis. Dadurch können autonome Systeme früher produktiv eingesetzt werden.

Modell für Europa?

Ob Stavanger als Blaupause für andere Städte dienen kann, bleibt abzuwarten. Die Kombination aus elektrischer Antriebstechnik, hochautomatisierter Fahrzeugsteuerung und einem pragmatischen regulatorischen Rahmen hat jedoch dazu geführt, dass Norwegen heute zu den Vorreitern des autonomen öffentlichen Verkehrs in Europa zählt.

Mit der Zulassung des fahrerlosen Betriebs ohne Sicherheitsfahrer hat das Projekt einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt erreicht. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich das Modell auch auf größere Busflotten und komplexere städtische Netze übertragen lässt.

09.06.2026