
HTM modernisiert ihre Straßenbahnflotte: Mit der TINA von Stadler hält eine vollständig niederflurige, geräumige und barrierefreie Straßenbahn Einzug in Den Haag. Nach der Ankunft des ersten Fahrzeugs im August 2025, einer umfangreichen Erprobungs- und Zulassungsphase sowie ersten Fahrten mit Fahrgästen im September 2026 steht die schrittweise Ablösung der bewährten GTL8-Flotte bevor.
Für die Straßenbahn in Den Haag beginnt eine neue Ära. Die niederländische Verkehrsgesellschaft HTM hat insgesamt 62 TINA-Straßenbahnen beim Schweizer Hersteller Stadler bestellt. Die Fahrzeuge werden künftig schrittweise die seit Jahrzehnten eingesetzten rot-beigen GTL8-Triebwagen ersetzen. Für Stadler ist der Auftrag zugleich ein besonderer Meilenstein: Erstmals liefert das Unternehmen Straßenbahnen für den niederländischen Markt. Mit 62 bestellten Fahrzeugen ist HTM zudem der bislang größte TINA-Kunde.
Von der Bestellung zur Serienfertigung
Der Grundstein für die neue Fahrzeuggeneration wurde Ende 2022 gelegt. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten HTM und Stadler den Vertrag zunächst über 56 Fahrzeuge zuzüglich Optionen. Im weiteren Projektverlauf konnte die Bestellung mit Unterstützung der Metropoolregio Rotterdam Den Haag (MRDH) auf 62 Fahrzeuge erweitert werden.
Die Bezeichnung TINA steht für „Total Integrierter Niederflur-Antrieb“. Das Fahrzeugkonzept von Stadler zeichnet sich durch die konsequente Niederflurbauweise aus. Anstelle klassischer hoch angeordneter Antriebskomponenten sind die Antriebs-, Brems- und Fahrwerkskomponenten so integriert, dass ein durchgehend stufenloser Fahrgastraum möglich wird.
Die für Den Haag entwickelte Variante ist ein 36,5 Meter langes und 2,65 Meter breites Zweirichtungsfahrzeug für 1.435 mm Spurweite und eine Fahrleitungsspannung von 750 V. Die Wagenkästen werden bei Stadler in Polen gefertigt; die Konstruktion und Projektierung erfolgen im internationalen Stadler-Verbund.
Besonderes Augenmerk legte HTM auf die Gestaltung des Innenraums. Bereits 2023 konnten rund 1.000 Bürgerinnen und Bürger ein maßstäbliches Modell eines halben Fahrzeugs besichtigen und Rückmeldungen geben. Dabei ging es unter anderem um Haltestangen, Halteschlaufen, Sitze, Stopptaster und die Gestaltung des Rollstuhlbereichs. Einige dieser Anregungen flossen anschließend direkt in die endgültige Ausführung ein.
Erste TINA erreicht Den Haag
Der entscheidende Schritt vom Fertigungs- zum Inbetriebnahmeprojekt erfolgte im August 2025. Am 5. August 2025 trat der erste TINA-Triebwagen mit der Fahrzeugnummer 7001 seine Reise vom Stadler-Werk in Polen nach Den Haag an. Drei Tage später, am Abend des 8. August, erreichte das Fahrzeug die niederländische Hauptstadt. Wir berichteten hier:
Die Ankunft war zugleich ein logistisches Ereignis. Die Straßenbahn wurde auf einem Tieflader zur HTM-Werft transportiert und dort vom Fahrzeugträger abgerollt. Anschließend wurde der Triebwagen mit einem UniMog auf das Arbeitsgleis von Stadler innerhalb der HTM-Anlage bewegt und dort auf die Schienen gesetzt.
Auf die erste TINA 7001 folgten die Fahrzeuge 7002 bis 7005. Damit standen HTM im weiteren Verlauf der Erprobung fünf Fahrzeuge für Tests und Zulassungsarbeiten zur Verfügung.
Die offizielle Präsentation der neuen Straßenbahn fand am 12. September 2025 statt. Dabei wurde die TINA 7002 im Beisein von Vertretern von HTM, Stadler und der regionalen Verkehrspolitik erstmals öffentlich vorgestellt.

Umfangreiche Erprobung im Haager Straßenbahnnetz
Mit der Anlieferung war das Fahrzeugprojekt jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Vor dem regulären Fahrgastbetrieb musste die TINA an die technischen und betrieblichen Besonderheiten des Haager Netzes angepasst und umfassend erprobt werden.
Gemeinsam mit Stadler führte HTM unter anderem Fahrversuche bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten sowie Untersuchungen zum Fahrverhalten auf dem eigenen Netz durch. Hinzu kamen Messungen von Geräusch und Schwingungen sowie zahlreiche weitere technische Prüfungen.
Ein wesentlicher Bestandteil der Erprobung war die Zulassung nach den Anforderungen des niederländischen Wet lokaal spoor, des Gesetzes für den lokalen Schienenverkehr. Ein neu eingeführter Straßenbahntyp muss nachweisen, dass er die entsprechenden Sicherheitsanforderungen erfüllt und sicher im jeweiligen Netz betrieben werden kann.
Die Zulassung wurde schließlich am 8. Juni 2026 durch die Metropoolregio Rotterdam Den Haag erteilt. Damit konnte die TINA einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung regulärer Einsatz machen und ab diesem Zeitpunkt auch tagsüber auf dem Netz erprobt werden.
Am 31. August 2026 begann schließlich das sogenannte Proefbedrijf, also der Probebetrieb. Dabei verkehrte die TINA zunächst als zusätzliche Straßenbahn zwischen den regulären Fahrten des Linienverkehrs. Diese Phase dient dazu, das Fahrzeug unter möglichst realistischen betrieblichen Bedingungen zu beobachten und letzte Erkenntnisse für den Einsatz im regulären Fahrplan zu gewinnen.
Erste Fahrgäste im September 2026
Der nächste Meilenstein folgte nur wenige Tage später: Am 4. September 2026 beförderte eine TINA erstmals Fahrgäste. Die Fahrt führte von der Remise Scheveningen zum Kerkplein in Den Haag.

Damit wurde aus dem Erprobungsfahrzeug erstmals eine Straßenbahn für den öffentlichen Personenverkehr. Für HTM ist dies insbesondere mit Blick auf die Barrierefreiheit von Bedeutung. Die vollständig niederflurige TINA ermöglicht einen stufenlosen Zugang und erleichtert damit den Einstieg für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ebenso wie für Fahrgäste mit Kinderwagen.
Der Übergang vom Test- zum Fahrgastbetrieb markiert damit den praktischen Abschluss einer mehrjährigen Entwicklungs- und Einführungsphase – auch wenn die Serieninbetriebnahme der gesamten Flotte noch bevorsteht.
Mehr Platz und Komfort
Die TINA ist konsequent auf den Einsatz im innerstädtischen Verkehr ausgelegt. Das Fahrzeug bietet einen vollständig niederflurigen Innenraum ohne Stufen oder erhöhte Podeste. Die Einstiegshöhe liegt bei rund 350 Millimetern, die Niederflur-Fußbodenhöhe bei etwa 400 Millimetern.
Im Innenraum sorgen große Panoramafenster, eine hohe Decke und der offene Grundriss für ein großzügiges Raumgefühl. Die für HTM entwickelte Variante verfügt über 68 feste Sitze und 16 Klappsitze sowie eine ausgewiesene Mehrzweckfläche. Insgesamt können je nach Ausführung bis zu rund 230 Fahrgäste mitfahren.

Für Rollstuhlfahrer wurde der entsprechende Mehrzweckbereich gezielt angepasst. Unter anderem wurde die Gestaltung der Einstiegssituation optimiert und eine Kopfstütze vorgesehen. Auch die Kennzeichnung des Rollstuhlplatzes wurde auf Grundlage der Erfahrungen mit dem Mock-up überarbeitet.
Weitere Details zeigen, wie stark das Fahrzeug auf die Anforderungen des Haager Betriebs zugeschnitten wurde. Die Stopptaster verfügen über eine funktionale Beleuchtung. An den Türen informieren LED-Leisten über den Türstatus und unterstützen damit die Orientierung der Fahrgäste.
Energiespeicher auf dem Dach
Auch technisch geht die TINA über eine klassische Niederflurstraßenbahn hinaus. Ein LTO-Batteriesystem auf dem Fahrzeugdach kann Bremsenergie speichern. Dadurch ist es möglich, kurze nicht elektrifizierte Streckenabschnitte von bis zu rund 1,26 Kilometern ohne Oberleitung zu befahren.
Nach Angaben von HTM soll die TINA durch die Speicherung von Bremsenergie zudem einen deutlich geringeren Energieverbrauch pro befördertem Fahrgast erreichen. HTM nennt hier eine Einsparung von rund 25 Prozent gegenüber der bisherigen Situation.
Das Fahrzeug verfügt außerdem über vier speziell entwickelte TINA-Drehgestelle. Zusammen mit der vollständig integrierten Niederflurtechnik soll diese Konstruktion einen hohen Fahrkomfort ermöglichen und gleichzeitig den Verschleiß an Rädern und Infrastruktur reduzieren.
Geräusch und Schwingungen im Fokus
Wie bei der Einführung jedes neuen Straßenbahntyps spielt die Anpassung an die vorhandene Infrastruktur eine wichtige Rolle. HTM hat deshalb Geräusch- und Schwingungsmessungen ausdrücklich in das Testprogramm aufgenommen.
Der Hintergrund ist, dass die akustischen und dynamischen Eigenschaften eines Straßenbahnfahrzeugs nicht allein vom Fahrzeug selbst abhängen. Gleisgeometrie, Gleiszustand, Weichen, Kurvenradien, Untergrund und Fahrweise beeinflussen das Ergebnis ebenso.
HTM und Stadler berücksichtigen dabei auch Erfahrungen aus anderen TINA-Projekten, unter anderem in Basel und Darmstadt. Dort waren Fragen zu Geräusch- und Schwingungsemissionen Gegenstand umfangreicher Untersuchungen. Stadler hat daraufhin unter anderem Anpassungen am Fahrwerk entwickelt, die auch in die Weiterentwicklung der TINA-Fahrzeuge einfließen.
Für Den Haag bedeutet dies, dass die TINA nicht einfach als Standardfahrzeug übernommen wurde. Vielmehr wurde sie entsprechend den technischen, betrieblichen und infrastrukturellen Anforderungen des Haager Netzes spezifiziert.
Schrittweise Ablösung der GTL8
Die neue TINA steht zugleich für einen Generationswechsel bei HTM. Die seit rund vier Jahrzehnten eingesetzten GTL8-Fahrzeuge sollen ab Ende 2026 schrittweise durch die neuen Niederflurfahrzeuge ersetzt werden.
Die ersten TINA-Trams sollen nach Abschluss des Test- und Zulassungsprogramms zunächst auf Linie 2 eingesetzt werden. Anschließend ist ein Einsatz gemeinsam mit den bereits vorhandenen Avenio-Trams auf den Linien 1, 2, 6, 9, 10, 11, 12, 15, 16 und 17 vorgesehen.

Nicht auf allen Haager Straßenbahnstrecken kann die TINA eingesetzt werden. Die Linien 3, 4 und 34 werden beispielsweise mit den für den RandstadRail-Betrieb eingesetzten Stadtbahnfahrzeugen bedient. Dort gelten aufgrund des unterschiedlichen Sicherungssystems andere technische Voraussetzungen.
Für die TINA werden zunächst die Abstell- und Instandhaltungsmöglichkeiten in der Remise Zichtenburg an der Meppelweg genutzt. Später sollen auch die Remise Scheveningen und die neu zu errichtende Remise Guldenlaan hinzukommen.
Ein wichtiger Schritt für die Straßenbahn in Den Haag
Mit der TINA vollzieht HTM einen deutlichen Technologiesprung. Die neue Straßenbahn verbindet einen vollständig niederflurigen Aufbau mit hoher Fahrgastkapazität, großzügigem Innenraum und modernen Energie- und Antriebssystemen.
Von der Vertragsunterzeichnung über die Fertigung in Polen und den spektakulären Transport der ersten Fahrzeuge im Sommer 2025 bis zur Zulassung und den ersten Fahrgästen im September 2026 hat sich das Projekt über mehrere Jahre entwickelt.
Die ersten Fahrten mit Fahrgästen sind dabei nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Betriebsphase. Die 62 bestellten TINA-Trams werden in den kommenden Jahren schrittweise in den Haager Fahrzeugpark integriert und damit das Erscheinungsbild des Straßenbahnverkehrs nachhaltig verändern.
Für Den Haag bedeutet die Einführung vor allem eines: Der Generationenwechsel von der klassischen GTL8 zur modernen Niederflurstraßenbahn ist nun sichtbar und für die Fahrgäste unmittelbar erlebbar.
15.09.2026
