Tram Kalkutta – wie geht es weiter?

Lenin Sarani Road | © Dirk Budach
Eine Initiative der neuen Regionalregierung weckt Hoffnung

Noch fährt sie – die 153 Jahre alte Straßenbahn in der westbengalischen Millionenstadt Kalkutta (Kolkata), ganz im Nordosten Indiens. Doch wie lange es noch weiter geht oder wie gut die Chancen auf eine durchgreifende Modernisierung stehen, lässt sich derzeit trotz einer Initiative der neuen Regierung nur schwer abschätzen.

Das Tramsystem ist im aktuellen Zustand nur noch ein Schatten seiner selbst: Ganze zwei Linien sind von einst mehr als dreißig übriggeblieben, und auch hier kommen kaum mehr als vier bis fünf Wagen täglich auf die Strecke. Daraus ergibt sich je nach Verkehrslage ein 30-45 Minuten-Abstand – kaum ein attraktives Angebot, erst recht nicht im Vergleich zur Situation vor etwa 20 Jahren, als meist alle paar Minuten eine Tram auf jedem Streckenabschnitt fuhr.

Dabei hatte es lange gut ausgesehen, viel besser sogar als bei allen anderen indischen Straßenbahnbetrieben, denn sie verschwanden sämtlich bis zum Anfang der sechziger Jahre. Ein unüberschaubares Angebot an Bussen übernahm zu wesentlichen Teilen ihre Funktion, bis der Aufbau größerer Metronetze in Indien erst vor rund 20 Jahren einsetzte. Die allererste Metrolinie im Land gab es schon 1984 in Kalkutta – drei Linien sind daraus bis heute geworden.

Busse dominieren: Tw 953 im Gewühl | © Dirk Budach
Modernisierung und Niedergang

Doch obwohl seit den achtziger Jahren immer wieder Modernisierungsbemühungen festzustellen waren, nicht zuletzt durch die zaghafte Indienststellung neuer Wagentypen mit modernerer Karosserie, verschwanden nach und nach immer mehr Linien. Oft mussten Bauarbeiten für die Metro, für Hochstraßen und anderes als Begründung herhalten, aber nicht selten verzichtete man auf manche Strecken auch einfach, um dem ohnehin schon überbordenden Autoverkehr auf den Straßen noch mehr Platz zu ermöglichen. Und nicht zuletzt hat die nicht immer transparente Weiterverwendung von Depotgelände und sonstigen nicht mehr genutzten Flächen der Straßenbahn auch hier den Niedergang begünstigt.

Zu den Modernisierungsmaßnahmen der jüngeren Vergangenheit gehörte auch die Erneuerung der Gleise und der Gleislage auf diversen Streckenabschnitten, durchgeführt mit wesentlicher Unterstützung australischer Verkehrsexperten vom Trambetrieb in Melbourne. So präsentieren sich die Gleise auf den beiden noch bestehenden Linien 5 (Esplanade – Shyambazar) und 25 (Esplanade – Gariahat) in recht gutem Zustand. Die zum Teil ungünstige Führung der Gleise, zum Teil in Straßenmitte in Einbahnstraßen mit Gegenverkehr, und der starke, völlig undisziplinierte Autoverkehr führen mitunter zu abenteuerlichen Verkehrssituationen. Doch irgendwie kommen die Bahnen immer durch, wenn auch oft langsam und mit viel Klingeln, Hupen und Gestikulieren auf allen Seiten.

Gegenverkehr … | © Dirk Budach
… und noch mehr Gegenverkehr! Vierachser Tw 250-1 | © Dirk Budach

Die Anlage abmarkierter Schienentrassen ist in diversen breiteren Straßen durchaus möglich und könnte deutliche Abhilfe schaffen. In der Vergangenheit gab es auf den heute stillliegenden Abschnitten schon einmal längere Stücke auf Eigentrasse, teilweise sogar auch auf heute eingepflastersten Abschnitten der Linie 25!

Vor einigen Jahren hat sich die Calcutta Tram Users Association (CTUA) etabliert, die auf verschiedenen Wegen versucht, für den Weiterbestand und die Modernisierung des Betriebs Unterstützer zu finden. Wir hatten schon einmal 2021 darüber berichtet: https://www.urban-transport-magazine.com/unsicherheit-und-neue-hoffnung-fuer-die-strassenbahn-in-kalkutta/

Vorschläge liegen auf dem Tisch für eine Modernisierung der Infrastruktur und zur Beschaffung ganz neuer Fahrzeuge, die zeitgemäßen Service anbieten sollen, ohne dabei notwendigerweise den sehr hohen und aufwändigen technischen Anforderungen westlicher Betriebe entsprechen zu müssen. Solche Wagen, so die Überlegungen, könnten von Indiens Schienenfahrzeugindustrie selbst hergestellt werden, auf Basis importierter Komponenten..

Fahrzeugeinsatz

Waren es in den 1990er Jahren noch rund 400 Trams, so sind aktuell noch ganze 22 Wagen im Einsatzbestand, und selbst die nicht immer alle auch tatsächlich einsatzfähig. Alle befinden sich in stark verschlissenem Zustand, sogar die 2011-16 unter Verwendung von alten Komponenten gebauten Vierachser, noch mehr aber die verbliebenen zweiteiligen Sechsachser älterer Bauart. Alle die Sechsachser, die vor 15 bis 20 Jahren Neuaufbauten erhalten hatten, sind außer Betrieb.

Das Fahrgefühl in den Trams ist vielleicht am besten mit archaisch zu beschreiben: Lautes Motorengeräusch, nicht gerade ruckfreies Schalten der Fahrschalter, harte Sitze und minimaler Federungskomfort, dazu der laute und hektische übrige Straßenverkehr – all das macht eine Mitfahrt nicht nur für gelegentliche Touristen und Verkehrsexperten immer wieder zu einem kleinen Erlebnis.

Gelenktriebwagen 716 | © Dirk Budach
Gelenkwagen 222 – Elliot Rd. | © Dirk Budach
Depot Garaihat | © Urban Transport Magazine/B

Für einen Betrieb in zeitgemäßer Form müssten auch die Depotanlagen vollständig ersetzt werden. Das einzige Einsatzdepot an der Endstelle Garaihat ist völlig veraltet und unzureichend ausgestattet, es erlaubt kaum nennenswerte Unterhaltungsarbeiten. Die Hauptwerkstatt im Verlauf der Linie 25 bedarf ebenfalls der vollständigen Erneuerung.

Wieder aufgelöst wurde übrigens 2024 die „Tramworld“ in den Depotanlagen von  Gariahat, auch wenn die meisten der Wagen dort noch immer schrottreif abgestellt zu finden sind.

Rafi Ahmed Kidwai Rd. | © Dirk Budach
Eine neue Chance?

Ein moderner Trambetrieb hätte zweifellos gute Chancen, eine sinnvolle Alternative im ÖPNV-Angebot von Kalkutta darzustellen, bei vergleichsweise überschaubaren Investitionskosten, etwa im Vergleich zum Metrobau. Allerdings fehlte dafür bislang der politische Wille. Die Regierung des Bundesstaates West-Bengalen hatte 2024 sogar die völlige Stilllegung der verbliebenen Linien verkündet, lediglich eine Art Touristenbetrieb auf kurzer Strecke wurde in Betracht gezogen. Zum Glück geschah seither zunächst einmal nichts, die Tram fährt noch immer, wenn auch nur noch auf zwei Linien. Ohne irgendeine Art von Investitionen ist das Ende allerdings ohnehin irgendwann absehbar.

Neue Hoffnung kommt nun durch einen Wechsel in der Regierung von West-Bengalen vor gut zwei Monaten auf: Die neuen Verantwortlichen haben sich positiv zu Plänen zur Modernisierung und zu einem deutlichen Ausbau des Trambetriebs geäußert, und soeben wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die Optionen für neue Strecken, separate Trassen und zeitgemäße Wagen untersuchen soll. Dazu soll sogar eine Strecke in die neuen Stadtentwicklungsgebiete im Osten der Stadt gehören, neben anderen. Schon in 30 Tagen sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Es keimt also – wieder einmal – vorsichtige Hoffnung auf, dass sich das Blatt zum Positiven wenden könnte und auch alle Beteiligten öffentlichen Stellen und die Regierenden erkennen, welche Chancen sich durch einen modernen Trambetrieb in und für Kalkutta ergeben – ganz so, wie man es an vielen anderen Stellen auf der Welt jeden Tag erleben kann. Und vielleicht wird die Stadt dann irgendwann ja sogar ein Vorbild für andere Städte in Indien sein, wenn die Vorteile im praktischen Betrieb zu sehen sind.

Esplanade – Linie 5 | © Dirk Budach
12.07.2026