
Die Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Während digitale Fahrgastinformation, elektronische Fahrgeldsysteme und rechnergestützte Betriebsleitsysteme inzwischen zum Standard gehören, rückt mit der Künstlichen Intelligenz eine Technologie in den Mittelpunkt, die bestehende Systeme grundlegend verändern kann. Die InnoTrans 2026 in Berlin zeigte dabei deutlich: Künstliche Intelligenz ist im öffentlichen Verkehr nicht mehr nur ein Zukunftsthema. Sie beginnt, konkrete Aufgaben in Planung, Betrieb, Instandhaltung und Kundenkommunikation zu übernehmen.
Mit 414 Ausstellern präsentierte sich das Segment Public Transport größer und internationaler denn je. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Bereiche Mobility+ und das 2024 erstmals eingeführte AI Mobility Lab. Dort zeigten 47 Unternehmen Anwendungen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Automatisierung, Cybersecurity und Robotik. Damit wurde zugleich deutlich, dass die Digitalisierung des ÖPNV nicht auf einzelne KI-Anwendungen beschränkt bleibt. Vielmehr entsteht ein zunehmend vernetztes digitales Ökosystem, in dem Fahrzeuge, Infrastruktur, Verkehrsunternehmen und Fahrgäste über Daten miteinander verbunden sind.
KI wird Teil der Betriebssteuerung
Eine der wichtigsten Entwicklungen betrifft die klassische Aufgabe der Verkehrssteuerung. Verkehrsunternehmen müssen täglich Fahrpersonal, Fahrzeuge, Umläufe und Infrastruktur koordinieren und gleichzeitig auf Verspätungen, Störungen oder kurzfristige Änderungen reagieren. Genau hier können datenbasierte Verfahren ihre Stärken ausspielen.
INIT präsentierte auf der InnoTrans Lösungen, mit denen Künstliche Intelligenz und andere datenbasierte Verfahren in die Betriebssteuerung integriert werden. Dabei geht es nicht darum, den Disponenten oder die Fahrerin beziehungsweise den Fahrer vollständig zu ersetzen. Vielmehr sollen intelligente Systeme große Datenmengen analysieren, Zusammenhänge erkennen und Handlungsempfehlungen liefern.
Das Potenzial liegt vor allem in der Geschwindigkeit und der Fähigkeit, zahlreiche Einflussfaktoren gleichzeitig zu berücksichtigen. Historische Betriebsdaten, aktuelle Verspätungen, Fahrzeugpositionen, Fahrgastnachfrage oder Störungsmeldungen können miteinander verknüpft werden. Dadurch lassen sich beispielsweise Fahrplanabweichungen frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen vorbereiten.

Auch die Verkehrsplanung wird zunehmend algorithmisch unterstützt. Anstelle eines starren Fahrplans, der lediglich auf historischen Erfahrungswerten basiert, können digitale Systeme die tatsächliche Nachfrage und die aktuelle Betriebssituation stärker berücksichtigen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der reinen Datenverarbeitung hin zu einer vorausschauenden Betriebsführung.
Vom Ticket zum digitalen Reisebegleiter
Eine zweite Entwicklungslinie betrifft das Verhältnis zwischen Fahrgast und Verkehrsunternehmen. Das klassische Verkehrsticket wird zunehmend unsichtbar.
FAIRTIQ zeigte in Berlin sein Pay-as-you-go-System, bei dem Fahrgäste ihre Reise über das Smartphone starten und die Abrechnung automatisiert erfolgt. Gleichzeitig entwickelt sich die Anwendung vom reinen Ticketing-System zum digitalen Reisebegleiter. Seit 2026 integriert FAIRTIQ beispielsweise Fahrplaninformationen, Echtzeit-Abfahrten, Gleisinformationen und Verspätungen in seine App.
Interessant ist dabei die zunehmende Verschmelzung von Reiseplanung und Ticketing. Der Fahrgast muss künftig nicht mehr zwischen Fahrplan-App, Ticketautomat, Verkehrsverbund-App und Echtzeitinformation wechseln. Idealerweise entsteht ein einziger digitaler Zugang zur gesamten Reise.

Auch die technische Infrastruktur dahinter verändert sich. FAIRTIQ arbeitet gemeinsam mit dem RMV und dem tschechischen IDZK im Projekt „BIBO Next“ an einer softwarebasierten Weiterentwicklung des Be-In/Be-Out-Prinzips, die ohne zusätzliche Beacons in den Fahrzeugen auskommen soll. Ziel ist ein skalierbarer Ansatz für nahtloses Ticketing.
Damit wird deutlich: Digitalisierung im ÖPNV bedeutet nicht zwangsläufig mehr sichtbare Technik. Im Gegenteil – die beste digitale Lösung kann für den Fahrgast gerade dadurch gekennzeichnet sein, dass sie im Hintergrund arbeitet.
Intelligentes Ticketing und Einnahmensicherung
Auch die stationäre Infrastruktur wird digitaler. Scheidt & Bachmann stellte mit FareGo ST|32 und ST|72 neue Generationen von Fahrscheinautomaten vor. Dabei entwickelt sich der klassische Automat vom reinen Verkaufsgerät zum multifunktionalen Servicepunkt.
Besonders interessant ist die zunehmende Verbindung von Ticketing, Kommunikation und Zugangskontrolle. Das von Scheidt & Bachmann vorgestellte FareGo PG|50 nutzt ein Sensorsystem, das zwischen Fahrgästen, Gepäck und potenziellen Betrugsversuchen unterscheiden soll.

Damit wird künstliche Intelligenz beziehungsweise intelligente Sensorik auch zu einem Instrument der Einnahmensicherung. Für Verkehrsunternehmen ist dies ein wichtiger Aspekt: Digitale Systeme müssen nicht nur komfortabler sein, sondern auch wirtschaftlich funktionieren.
Barrierefreiheit wird datengetrieben
Ein weiterer Schwerpunkt der Digitalisierung liegt bei der Zugänglichkeit des öffentlichen Verkehrs. GoodMaps demonstrierte Lösungen für hochpräzise Navigation, die insbesondere Menschen mit Einschränkungen bei der Orientierung unterstützen können.
Hier zeigt sich ein wesentlicher Vorteil digitaler Systeme: Während klassische Fahrgastinformation überwiegend auf statischen Karten, Beschilderungen und Durchsagen basiert, können digitale Navigationssysteme individuelle Wegebeziehungen abbilden.
Für den ÖPNV eröffnet dies neue Möglichkeiten – beispielsweise bei der Navigation innerhalb großer Bahnhöfe oder bei der Verknüpfung von Haltestellen, Bahnsteigen und Eingängen. Damit kann Digitalisierung nicht nur die Effizienz, sondern auch die tatsächliche Zugänglichkeit des Verkehrssystems verbessern.
Wenn Fahrzeuge selbstständig handeln
Noch wesentlich weiter geht die Automatisierung des Fahrbetriebs. Im AI Mobility Lab zeigte unter anderem OTIV Anwendungen für Fahrerassistenz, Fernsteuerung und autonomes Fahren im Eisenbahnverkehr.
Dabei ist zwischen verschiedenen Automatisierungsstufen zu unterscheiden. Nicht jede KI-Anwendung bedeutet, dass ein Fahrzeug ohne Personal unterwegs ist. Fahrerassistenzsysteme können zunächst bestimmte Aufgaben unterstützen, während Fernsteuerung oder hochautomatisierte Fahrfunktionen weitere Schritte darstellen.
Gerade im Schienenverkehr ist dieser evolutionäre Ansatz interessant. Autonome Technologien könnten zunächst in klar definierten Betriebssituationen eingesetzt werden – etwa auf Betriebshöfen, in Abstellanlagen oder auf speziell abgesicherten Streckenabschnitten. Erst danach wäre eine Ausweitung auf komplexere Betriebssituationen denkbar.
Mit RailEvo wurde auf der InnoTrans zudem ein Konzept für autonome On-Demand-Rail-Taxis vorgestellt. Die Idee zielt auf einen flexibleren Schienenverkehr, bei dem kleinere autonome Fahrzeuge bedarfsgerecht eingesetzt werden könnten.
Roboter als neue Mitarbeiter der Infrastruktur
Nicht nur die Fahrzeuge selbst werden intelligenter. Auch Wartung und Inspektion entwickeln sich weiter.
Scout Robotics zeigte auf der InnoTrans autonome Robotiklösungen für Inspektionsaufgaben im Bahnbetrieb. Damit kommt ein weiterer wichtiger Aspekt der Digitalisierung zum Vorschein: Maschinen übernehmen zunehmend Aufgaben, die bisher entweder manuell oder mit konventionellen Messsystemen durchgeführt wurden.

Der entscheidende Vorteil liegt dabei nicht ausschließlich in der Automatisierung. Sensoren können kontinuierlich Daten erfassen, während KI-Verfahren große Mengen dieser Informationen auswerten. Aus einer einzelnen Inspektion wird dadurch perspektivisch eine kontinuierliche Zustandsüberwachung.
Für Verkehrsunternehmen könnte dies zu einer Verschiebung von der reaktiven zur vorausschauenden Instandhaltung führen. Nicht mehr der Defekt löst die Wartung aus, sondern die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit eines Defekts.
Cybersecurity wird zur Voraussetzung
Je stärker Fahrzeuge, Stellwerke, Betriebsleitsysteme, Ticketing und Fahrgastinformationen miteinander vernetzt werden, desto größer wird allerdings auch die Angriffsfläche.
Entsprechend war Cybersecurity ein fester Bestandteil des AI Mobility Lab. Unternehmen wie FORTINET gehörten zu den Ausstellern, ebenso Anbieter aus den Bereichen Datenschutz und sichere IT-Infrastrukturen.

Die Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs kann deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Jede zusätzliche Schnittstelle, jeder Cloud-Dienst und jedes vernetzte Fahrzeug muss zugleich als potenzieller sicherheitsrelevanter Bestandteil des Gesamtsystems betrachtet werden.
Gerade für Verkehrsunternehmen mit langen Fahrzeuglebenszyklen entsteht daraus eine Herausforderung: Ein Straßenbahnwagen oder Regionaltriebzug kann 30 Jahre und länger im Einsatz bleiben, während sich IT-Technologien innerhalb weniger Jahre verändern. Zukunftssichere Systeme müssen deshalb nicht nur leistungsfähig, sondern auch aktualisierbar sein.
Vom digitalen zum lernenden Verkehrssystem
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der InnoTrans 2026 liegt daher weniger in einer einzelnen Weltneuheit als in der zunehmenden Vernetzung verschiedener Technologien.
Digitale Tickets liefern Daten über Reisewege. Fahrzeuge übertragen Betriebsinformationen. Sensoren erfassen den Zustand von Komponenten. Fahrgastinformationssysteme kennen Verspätungen und Anschlussbeziehungen. Verkehrssteuerungssysteme analysieren den Betrieb. KI kann diese unterschiedlichen Datenquellen miteinander verbinden.
Damit entsteht langfristig ein Verkehrssystem, das nicht mehr ausschließlich auf vorab definierten Regeln basiert, sondern seine Entscheidungen stärker an der aktuellen Situation ausrichten kann.
Das bedeutet allerdings nicht, dass künftig jede Entscheidung einer KI überlassen werden sollte. Gerade im öffentlichen Verkehr bleiben Nachvollziehbarkeit, Datenschutz, funktionale Sicherheit und menschliche Verantwortlichkeit zentrale Voraussetzungen. KI muss deshalb als Werkzeug innerhalb einer klar definierten Systemarchitektur verstanden werden.

Die InnoTrans 2026 zeigte eindrucksvoll, dass diese Entwicklung bereits begonnen hat. Vom unsichtbaren digitalen Ticket über KI-gestützte Verkehrsplanung und intelligente Fahrgastinformati on bis hin zu autonomen Fahrzeugen und Robotern verschiebt sich die Digitalisierung zunehmend aus dem Hintergrund in die operativen Prozesse.
Der nächste Entwicklungsschritt des öffentlichen Verkehrs wird damit weniger durch eine einzelne neue Fahrzeugbauart geprägt sein. Entscheidend wird vielmehr die Fähigkeit sein, Daten, Fahrzeuge, Infrastruktur und Menschen zu einem intelligenten Gesamtsystem zu verbinden.
Der ÖPNV der Zukunft wird deshalb nicht nur elektrisch und vernetzt sein. Er wird zunehmend datengetrieben, vorausschauend und lernfähig sein.
02.10.2026
