
Mit der neuen Tramlinie T1 erhält die Schweizer Stadt Lausanne erstmals seit 1964 wieder ein Straßenbahnsystem. Am vergangenen Wochenende zog ein öffentlicher Tag der offenen Tür im Depot Renens-Perrelet zahlreiche Besucher an, die sich die neuen Fahrzeuge von Stadler Rail ansehen und Einblicke in das Projekt gewinnen konnten.
Bauzeit und Investition
Die heutige Tramlinie T1 in Lausanne ist das Ergebnis eines mehrstufigen Planungs-, Politik- und Genehmigungsprozesses, der bereits 2005 mit einem Massnahmenplan zur Luftreinhaltung in der Agglomeration Lausanne–Morges angestossen wurde. Dieser Plan wurde 2006 genehmigt und identifizierte den Ausbau des öffentlichen Verkehrs als zentrale Massnahme, da die bestehenden Buslinien die prognostizierte Nachfrageentwicklung nicht mehr ausreichend bewältigen konnten. Für die Achse Lausanne–Renens wurde daraufhin der Bau einer modernen Strassenbahn empfohlen.
Nach dem politischen Grundsatzentscheid 2008 erhielt die Verkehrsgesellschaft tl 2011 eine 50-jährige Konzession des Bundesrates. Ursprünglich war lediglich eine Verbindung zwischen Lausanne-Flon und Renens vorgesehen. Bereits 2012 wurde jedoch eine Verlängerung bis Villars-Sainte-Croix politisch breit unterstützt.

Im Verlauf der Planung wurden mehrere Anpassungen vorgenommen, unter anderem der Verzicht auf eine ursprünglich geplante unterirdische Endstation in Flon zugunsten einer oberirdischen Lösung an der Place de l’Europe. Dies führte zu Einsparungen von rund 83 Mio. CHF.
Das Projekt war jedoch stark von juristischen Auseinandersetzungen geprägt, insbesondere im Zusammenhang mit einer geplanten Strassenrampe im Flon-Gebiet sowie Eingriffen in Grünflächen. Mehrere Beschwerden führten zwischen 2016 und 2019 zu Verzögerungen und Gerichtsverfahren auf Bundesebene.

Der Bau der neuen Straßenbahn begann offiziell im August 2021 nach einer mehrjährigen Planungs- und Genehmigungsphase. Das Projekt umfasst umfangreiche Tiefbauarbeiten entlang des Korridors Lausanne–Renens, Leitungsverlegungen sowie den Neubau eines Betriebshofs in Perrelet.
Die erste Bauetappe ist mit rund 500 Mio. CHF (ca. 546,43 Mio. Euro) veranschlagt.
Die Inbetriebnahme der ersten Phase ist für Ende 2026 vorgesehen, die Verlängerung bis Villars-Sainte-Croix soll voraussichtlich 2027 folgen.
Streckenführung und Betriebskonzept
Die erste Ausbaustufe der Tramlinie umfasst eine Länge von 4,6 km mit 10 Haltestellen zwischen Lausanne-Flon (Place de l’Europe) und Renens-Gare. Dort bestehen Anschlüsse an die Metro-Linien M1 und M2 sowie die Bahn RER Vaud und die LEB.

Die Trasse folgt im Wesentlichen der Rue de Genève, Avenue de Morges, Route de Renens und Rue de Lausanne und bildet eine zentrale Ost-West-Achse durch das städtische Gefüge. Die Inbetriebnahme dieser ersten Phase ist für 2026 vorgesehen.
Die zweite Etappe verlängert das Netz um 3,1 km mit sechs weiteren Haltestellen bis Villars-Sainte-Croix. Diese Strecke führt über Crissier und Bussigny, unterquert die Autobahn A1 und bindet zusätzliche Entwicklungsgebiete im Westen der Agglomeration an.
Die Nachfrage wird auf rund 13 bis 18 Millionen Fahrgäste pro Jahr geschätzt – abhängig vom finalen Netzausbau.

Stadler Tramlink: 45-Meter-Fahrzeuge mit hoher Kapazität
Zum Einsatz kommen zehn siebenteilige, vollständig niederflurige Tramlink-Fahrzeuge, die bei Stadler im spanischen Albuixech Werk bei Valencia gefertigt werden:
- Länge: 45 m
- Breite: 2,65 m
- Kapazität: ca. 300–316 Fahrgäste
- bidirektionale Ausführung
- acht Doppeltüren pro Fahrzeugseite
Einbindung in ein leistungsfähiges ÖPNV-System
Lausanne verfügt bereits über ein sehr leistungsfähiges Nahverkehrssystem: Die hochflurige Metrolinie M1 mit 7,8 km Länge, die vollautomatische M2 Metro Lausanne mit 5,6 km Länge sowie das gut 59 km lange O-Busnetz.
Mit der neuen Straßenbahn entsteht damit erstmals eine dritte leistungsfähige oberirdische Verkehrsebene, die Metro und Trolleybus ergänzt und insbesondere die Achse zwischen Stadtzentrum und Agglomeration stärkt.

Mit der Wiedereinführung der Straßenbahn realisiert Lausanne eines der bedeutendsten ÖPNV-Projekte der Schweiz der letzten Jahrzehnte. In Kombination aus Metro, Trolleybus und Tram entsteht ein dreistufiges, hochintegriertes ÖPNV-System, das in dieser Form für eine Stadt dieser Größe in Europa außergewöhnlich ist.
07.05.2026
