VRR und CAF präsentieren ersten batterieelektrischen Triebzug für das Niederrhein-Münsterland-Netz

Der erste CAF BEMU, gebaut in Spanien, wurde am 21. Mai in Neuss der Presse und geladenen Gästen vorgestellt I © VRR

Mit der öffentlichen Präsentation des ersten batterieelektrischen Triebzuges der neuen Baureihe 557 haben der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und der spanische Hersteller CAF einen wichtigen Meilenstein für die Dekarbonisierung des Schienenpersonennahverkehrs in Nordrhein-Westfalen erreicht. Vorgestellt wurde das Fahrzeug am 21. Mai 2026 im Rahmen der dritten VRR-Niederrheinkonferenz in Neuss. Der Zug wird künftig im Niederrhein-Münsterland-Netz eingesetzt und soll dort schrittweise Dieseltriebwagen ersetzen.

Bei dem präsentierten Fahrzeug handelt es sich um den zweiteiligen Triebzug 557 001 aus der neuen CAF-Civity-BEMU-Familie. Der Zug gehört zur kürzeren Fahrzeugvariante und hat nach Angaben des Herstellers bereits rund 8.000 Testkilometer absolviert, unter anderem auf dem Prüf- und Testring in Wegberg-Wildenrath. Die Inbetriebnahme der ersten Fahrzeuge ist weiterhin für den Fahrplanwechsel im Dezember 2027 vorgesehen.

Großprojekt für alternative Antriebe in Nordrhein-Westfalen

Das BEMU-Projekt zählt zu den größten Beschaffungsprogrammen für batterieelektrische Regionalzüge in Deutschland. Bereits 2021 hatten VRR und Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) CAF mit der Lieferung und Instandhaltung der Fahrzeuge beauftragt. Ursprünglich umfasste der Auftrag 63 Fahrzeuge, die später durch Nachbestellungen auf insgesamt 76 Einheiten erweitert wurden. Bestandteil des Vertrages ist neben der Fahrzeuglieferung auch die Wartung über einen Zeitraum von rund 30 Jahren.

Blick in den Hochflurbereich des Innenraums des CAF Civity I © VRR

Die neuen Fahrzeuge basieren auf CAFs modularer Civity-Plattform und werden als klassische elektrische Triebzüge mit zusätzlichem Batteriesystem ausgeführt. Die Energieversorgung erfolgt unter Oberleitung mit 15 kV / 16,7 Hz Wechselstrom. Auf nicht elektrifizierten Streckenabschnitten fahren die Fahrzeuge ausschließlich mit Batteriestrom. Geladen werden die Lithium-Ionen-Batterien sowohl während der Fahrt unter Fahrdraht als auch über sogenannte Oberleitungsinselanlagen (OLIA) an Endpunkten nicht elektrifizierter Strecken.

CAF entwickelt die kompletten On-Board-Energiespeichersysteme nach eigenen Angaben selbst. Nach Aussage des Unternehmens verfügt CAF bereits über rund 15 Jahre Erfahrung mit batterieelektrischen Systemen aus dem Straßenbahnbereich. Die nun vorgestellten Fahrzeuge übertragen dieses Konzept erstmals in größerem Maßstab auf den deutschen Vollbahnbereich.

Zwei Fahrzeugvarianten mit 120 beziehungsweise 160 Sitzplätzen

Die Flotte wird in zwei unterschiedlichen Längenvarianten geliefert. Die kürzere Ausführung misst rund 45 m und verfügt über drei Drehgestelle sowie etwa 120 bis 122 Sitzplätze. Die längere Version erreicht rund 55 m Fahrzeuglänge, besitzt vier Drehgestelle und bietet rund 160 Sitzplätze. Beide Varianten erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h.

Der Civity für den VRR kommt mit einem markanten Design daher I © VRR

Die Fahrzeuge wurden speziell auf die Anforderungen des Niederrhein-Münsterland-Netzes ausgelegt. Großzügige Mehrzweckbereiche ermöglichen die Mitnahme von Fahrrädern, Kinderwagen und Rollstühlen. Die Einstiegssituation wurde auf einen schnellen Fahrgastwechsel optimiert. Zudem erhalten die Fahrzeuge WLAN, Steckdosen, Klapptische sowie moderne Fahrgastinformationssysteme mit digitalen Anzeigen.

Optisch orientieren sich die Fahrzeuge am bekannten VRR-Design, unterscheiden sich jedoch durch eine eigenständige Frontgestaltung sowie eine hellere Farbgebung von bisherigen Regionaltriebwagen in Nordrhein-Westfalen. Auffällig sind außerdem die großen Türbereiche und die vergleichsweise offene Innenraumgestaltung.

Einsatznetz und Betriebsaufnahme

Die CAF-BEMUs werden auf insgesamt sieben Linien des Niederrhein-Münsterland-Netzes eingesetzt. Dazu gehören die Linien:

  • RE 10 Kleve – Krefeld – Düsseldorf
  • RE 14 Essen – Dorsten – Borken/Coesfeld
  • RB 31 Duisburg – Moers – Xanten
  • RB 36 Oberhausen – Duisburg-Ruhrort
  • RB 37 Geldern – Krefeld – Neuss
  • RB 43 Dortmund – Herne – Dorsten
  • RE 44 Kamp-Lintfort – Moers – Bottrop

Die Betriebsaufnahme erfolgt schrittweise. Zunächst sollen die Linien RB 31, RB 36 und RE 44 mit den neuen Fahrzeugen bedient werden. In einer zweiten Phase folgt der Einsatz auf den übrigen Linien des Netzes. Mit der vollständigen Einführung der Fahrzeuge soll der Dieselanteil im SPNV des VRR-Gebietes deutlich sinken und auf unter zehn Prozent reduziert werden.

Für den Betrieb der Fahrzeuge sind zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen erforderlich. Dazu zählen Bahnsteiganpassungen, Elektrifizierungen einzelner Streckenabschnitte sowie der Aufbau von Ladeinfrastruktur. In Kleve entsteht beispielsweise eine Oberleitungsinselanlage zum Nachladen der Fahrzeuge. Auch der Bahnhof Coesfeld erhält zusätzliche Elektrifizierungsmaßnahmen.

Blick vom Hochflur- in den Niederflurbereich I © VRR

Neue Werkstattstandorte für die Flotte

CAF errichtet für die Betreuung der Fahrzeuge neue Werkstattkapazitäten in Nordrhein-Westfalen. Hauptstandort wird das ehemalige Bahnbetriebswerk Gelsenkirchen-Bismarck. Ergänzend entsteht ein Satellitendepot in Neubeckum. Nach Angaben von CAF sollen die Anlagen perspektivisch auch für weitere Fahrzeugprojekte genutzt werden.

Die Zulassung batterieelektrischer Fahrzeuge gilt weiterhin als anspruchsvoll, insbesondere aufgrund der Kombination aus klassischem Oberleitungsbetrieb und Batteriemodus. CAF zeigte sich bei der Präsentation jedoch zuversichtlich, die Fahrzeuge rechtzeitig bis Ende 2027 zulassen und ausliefern zu können. Der Hersteller plant zudem, den Triebzug 557 001 auf der InnoTrans 2026 in Berlin zu präsentieren – als erstes Eisenbahnfahrzeug des Unternehmens auf der Messe.

Übersicht des Streckennetzes mit zwei Ladestationen I © VRR

Mit der neuen Flotte erhält Nordrhein-Westfalen eines der bislang größten batterieelektrischen Regionalzugnetze Europas. Das Projekt gilt dabei nicht nur als wichtiger Beitrag zur Emissionsreduktion im Schienenverkehr, sondern auch als Modell für die Elektrifizierung stark frequentierter Regionalnetze ohne vollständigen Oberleitungsausbau.

30.05.2026