
Annopol steht für eine neue Etappe in der Weiterentwicklung der Warschauer Straßenbahninfrastruktur. Der Betriebshof wurde als integriertes Gesamtsystem geplant, das bauliche und technische Komponenten eng mit der digitalen Steuerung verknüpft.
Noch bevor am frühen Morgen die ersten Straßenbahnen das Depot Annopol (Annopol) verlassen, setzt ein präzise abgestimmter Prozess ein. Fahrzeuge werden Linien zugeordnet, Fahrwege freigegeben, Hallentore geöffnet und Wartungsabläufe koordiniert. Grundlage dafür sind die kontinuierliche Erfassung und Verarbeitung von Daten sowie die genaue Ausrichtung auf den eng getakteten Fahrplan. Was den Fahrgästen verborgen bleibt, beruht auf dem engen Zusammenspiel technischer und digitaler Infrastruktur.
Annopol als Referenzprojekt
Mit Annopol nahm die Straßenbahnen Warschau GmbH ( Tramwaje Warszawskie Sp. z.o.o.) 2024 das größte Depot ihrer Geschichte in Betrieb. Die Anlage umfasst eine Fläche von nahezu zwölf Hektar, mehr als 14 Kilometer Gleis und rund 100 Weichen. Sie ist für die Aufnahme von künftig bis zu 152 Straßenbahnen ausgelegt. Aktuell verlassen in den Morgenstunden insgesamt etwa 90 Fahrzeuge das Depot. Darunter befinden sich jeweils 20 eng aufeinanderfolgende Ausfahrten während der Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend.
Von Anfang an wurde Annopol als integriertes Gesamtsystem konzipiert. Infrastruktur, Energiemanagement und betriebliche Abläufe sollten unmittelbar miteinander verbunden werden. Bereits während der Bauphase wurde daher mit PEAK.DMS ein Depot Management System (DMS) eingeführt. Auf einer einheitlichen Plattform führt es die Verkehrsführung im Depot, die Fahrzeugdisposition, die Koordination der Wartung und die Einbindung technischer Anlagen zusammen.
Das Depot Management System gewährleistet auch bei hoher Auslastung einen reibungslosen Betrieb. Ein- und Ausfahrten, die Bereitstellung der Fahrzeuge, Wartungs- und Serviceprozesse sowie die Überwachung der technischen Systeme finden parallel statt. Da sich Verzögerungen innerhalb dieser Prozesse auf die Ausführung von Fahrten und die Pünktlichkeit auswirken, müssen Fahrzeuge rechtzeitig den Linien zugeteilt und disponiert werden. Wartungs- und Werkstattaufenthalte sind zugleich so zu koordinieren, dass sie den Verkehrsfluss im Depot nicht beeinträchtigen. Rangierfahrten sollen begrenzt, Gleise, Hallen und Servicebereiche passend genutzt und infrastrukturelle Bedingungen fortlaufend einbezogen werden.
Zentrale Steuerung der Depotabläufe
Wie viele Faktoren bei der Disposition berücksichtigt werden, zeigt beispielhaft die Fahrzeugzuweisung. Bei der Planung von Zielgleisen und Fahrzeugeinsätzen greift das DMS auf Flottendaten zurück ebenso wie auf Informationen zu anstehenden Wartungsprozessen. Auf dieser Basis ordnet es die Fahrzeuge Linien und Umläufen zu. Nach der Rückkehr ins Depot werden sie abhängig von ihrem Zustand und den vorgesehenen Arbeiten einer Service-, Diagnose- oder Waschstation zugeteilt.
Darüber hinaus hilft das System dabei, vermeidbare Rangierbewegungen im Depots zu verringern.
Anhand des aktuellen Fahrzeugstatus und der verfügbaren Gleise ermittelt es für jede Straßenbahn ein geeignetes Zielgleis und weist es direkt zu. Auf diese Weise können Engpässe früh erkannt, und ungeplante Halte deutlich reduziert werden.
Auch der jeweilige Zustand der Energieversorgung wird in den nachhaltigen Depotbetrieb einbezogen. Bei der automatischen Fahrstraßeneinstellung berücksichtigt das System fortlaufend den Status ausgewählter Stromabschnitte.

Fahrzeugortung in Echtzeit
Die genaue Ermittlung der Fahrzeugpositionen bildet die technische Grundlage für die Abläufe im Depot. In Annopol sind dafür 84 RFID-Antennen, 66 Sensoren, 272 Gleisstromkreise und fünf Induktionsschleifen installiert. Sämtliche Ortungselemente sind präzise im digitalen Gleisplan hinterlegt. Dadurch lässt sich jede Straßenbahn eindeutig identifizieren und ihrem Standort zuordnen.
Auf Basis dieser Informationen steuert das DMS die Fahrzeugbewegungen im Betriebshof automatisiert. Es stellt 85 Weichen selbsttätig, überwacht weitere 29 Weichen und integriert 99 Lichtsignalanlagen. Insgesamt koordiniert das System auf diese Weise täglich rund 2.000 Fahrwegstellungen.
Teil einer übergeordneten Digitalisierungsstrategie
Annopol ist Teil der Infrastrukturmaßnahmen, mit denen europäische Städte ihre Verkehrssysteme an Klimaziele, steigende Fahrgastzahlen und zunehmende technische Komplexität anpassen. Zugleich ist die integrierte Depotsteuerung in eine übergeordnete Digitalisierungsstrategie eingebunden. Sie gehört zum unternehmensweiten Rollout eines integrierten Informationssystems, das detaillierte Daten zu den betrieblichen Abläufen zur Verfügung stellt.
Plattform für zukünftige Entwicklungen
Annopol setzt neue Maßstäbe für die Modernisierung der Warschauer Straßenbahninfrastruktur.
Die enge Verbindung von Infrastruktur und Systemsteuerung macht das Depot zum Referenzprojekt für die Weiterentwicklung betrieblicher Abläufe und schafft damit zugleich eine tragfähige Grundlage für künftige Innovationen.
Der Autor: Karol Michalowicz hat im Laufe seiner Karriere fundierte Erfahrung im Energiesektor gesammelt, insbesondere im Umfeld öffentlicher Verkehrsunternehmen. Heute ist er als Head of Sales bei Peak Mobility Sp. z o.o., Polen tätig. In dieser Rolle konzentriert er sich auf den Aufbau langfristiger Kundenbeziehungen und unterstützt Unternehmen bei der Einführung von Softwarelösungen für Straßenbahn- und Busdepots.
07.09.2026
