
Im Jahr 2021, während die Covid-Pandemie noch andauerte, lief ein Frachtschiff auf Grund und versetzte die ganze Welt in Aufruhr. Die Ever Given blockierte den Suezkanal, eine wichtige Handelsroute zwischen Europa und Asien, was zu Verlusten von 88,79 Millionen Dollar führte und durch längere Fahrten und zusätzliche Wartezeiten Tausende zusätzlicher Tonnen CO₂ verursachte.
Auch wenn dies ein dramatisches Beispiel mit weitreichenden Folgen ist, können auch ausgefallene Busse, verspätete Züge oder beschädigte Infrastruktur auf lokaler Ebene langfristige Auswirkungen haben. „Wenn wir die Art und Weise optimieren, wie wir Passagiere und Fracht bewegen, können wir den Kraftstoffverbrauch senken und die Treibhausgasemissionen reduzieren“, sagte José Solís Hernández, Direktor für Forschung und Innovation am Ingenieurinstitut für Infrastruktur CEMOSA.
Hernández ist Koordinator des von der EU finanzierten Forschungsprojekts MOVEO, das eines neues Mod ellentwickeln will, um die Verkehrsinfrastruktur in der EU effizienter, nahtloser und inklusiver zu gestalten. Das Projekt, das im Sommer 2025 gestartet ist, soll die erste Version des Modells bis Oktober 2028 fertigstellen.
Das Projekt hat fünf zentrale Bereiche identifiziert, auf die es sich konzentrieren wird. Dazu gehört unter anderem, wie öffentliche Räume so angepasst werden können, dass sie Fahrräder und Elektrofahrzeuge besser aufnehmen können, wie modernste Technologien eingesetzt werden können, um Gefahren in öffentlicher Infrastruktur – etwa bei Brücken – zu erkennen, und wie Verkehrssysteme für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie Menschen mit Behinderungen oder ältere Personen zugänglicher gemacht werden können. Dabei geht es jedoch nicht nur um Zugänglichkeit und Effizienz.
Während eines heftigen Sommersturms im Jahr 2018 stürzte die Morandi-Brücke in Genua (Italien) ein. Dabei starben 43 Menschen, rund 600 wurden obdachlos. Die Tragseile der Brücke waren schwer zu inspizieren, und es war unklar, wie sie Jahrzehnte nach ihrer Fertigstellung mit dem zunehmenden Verkehrsaufkommen zurechtkamen. Das MOVEO-Projekt wird modernste digitale Werkzeuge nutzen, um Infrastruktur in Echtzeit zu überwachen – ein Ansatz, der künftig möglicherweise die Zahl der von Unfällen betroffenen Menschen verringern kann.
„Wenn man Systeme hat, bei denen man in Echtzeit darüber informiert ist, was gerade passiert, kann man die Sicherheit der Struktur verbessern“, sagte Hernández.

Fünf Demonstrationsstandorte wurden in der EU ausgewählt: in Frankreich, Italien, Litauen und der Schweiz. Jeder Standort konzentriert sich auf einen bestimmten Teil des Gesamtprojekts, und verschiedene Länder wurden ausgewählt, um sicherzustellen, dass die Modellierung in unterschiedlichen nationalen Kontexten funktioniert. „Wir arbeiten in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen, unterschiedlichen Gesetzen und unterschiedlichen Standards“, sagte er.
Einer der Demonstrationsstandorte in der Schweiz wird untersuchen, wie Mittelstreckenzüge besser mit lokalen Bahn- und Metrosystemen koordiniert werden können. Der Standort in Frankreich wird sich mit der Logistik von Lastkähnen auf einem Fluss beschäftigen, mit dem Ziel, Treibhausgasemissionen zu minimieren. Der Standort in Italien konzentriert sich auf eine Hubbrücke im Hafen von Ravenna, die als Verkehrsknotenpunkt bzw. Engpass für die Region fungiert.
In Winterthur in der Schweiz gibt es im lokalen Verkehr viele Engstellen: Bahn- und Busfahrgäste müssen sich beim Umsteigen aneinander vorbeidrängen, und die Bahnlinie teilt die Stadt, wodurch zusätzliche Verkehrsstaupunkte entstehen. Um die Mobilitätinsgesamt zu verbessern, investiert die Stadt in ein neues Busterminal am Hauptbahnhof und belebt einen zweiten Bahnhof namens Grüze, der fünf Kilometer entfernt liegt, neu. Mit besserer Infrastruktur werden Busse und Regionalzüge pünktlicher, was sich direkt auf Zugänglichkeit, Inklusion und den Komfort für die Nutzer auswirkt.



Neben dem Ziel, eine Vielzahl von Verkehrsmitteln und Ländern abzudecken, spiegeln die ausgewählten Standorte auch eine breitere EU-Politik wider. Im Rahmen des Europäischen Green Deal möchte die EU beispielsweise verstärkt auf Schienen- und Binnenschiffsverkehr setzen, um die Verkehrsemissionen bis 2030 um 90 % zu reduzieren – einer der Gründe, warum der Standort in Frankreich ausgewählt wurde.
Ein wichtiger Teil des Projekts, den Hernández als den verbindenden „Klebstoff“ bezeichnet, ist die Nutzung sogenannter digitaler Zwillinge zur Entwicklung des Rahmens. Ein digitaler Zwilling ist eine digitale Nachbildung eines realen Objekts oder Systems, zum Beispiel einer Hubbrücke oder einer Flussroute für Lastkähne. Digitale Zwillinge können genutzt werden, um Probleme zu visualisieren, zu simulieren und vorherzusagen, die während eines Projekts auftreten könnten.
Eine der größten Herausforderungen für MOVEO besteht darin, dass das Projekt äußerst komplex ist und eine enorme Koordination erfordert, um erfolgreich umgesetzt zu werden. Die Forschenden arbeiten nicht nur in verschiedenen Ländern und führen ihre Arbeit damit unter unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen durch, sondern nutzen auch eine Vielzahl unterschiedlicher Technologien und Methoden – und alles muss zusammenpassen, damit die Modellierung funktioniert.
Selbst bei der Entwicklung eines solchen Modells endet die Arbeit jedoch nie wirklich. Jede Struktur dieser Art muss die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen, die die Verkehrsinfrastruktur nutzen – und diese Bedürfnisse verändern sich im Laufe der Zeit, etwa durch politische Entscheidungen auf nationaler oder EU-Ebene oder durch veränderte Wetterbedingungen infolge der Klimakrise.
Letztlich ist ein übergreifender Analyse jedoch wichtig, um Blockaden wie im Suezkanal oder Katastrophen wie den Einsturz der Morandi-Brücke künftig besser zu verhindern. „Wenn unsere Straßen besser mit unseren Zügen und Schiffen vernetzt sind, haben wir ein effizienteres Verkehrssystem“, sagte Hernández. „Das macht uns effizienter und wettbewerbsfähiger.“


