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Das Märchen von Samarkand

Am Bahnhof | © D. Budach

Usbekistan ist nicht gerade als Hochburg für schienengebundenen Nahverkehr bekannt. In der Hauptstadt Taschkent fährt eine Metro auf aktuell vier Linien, doch das über Jahrzehnte einzige, umfangreiche Straßenbahnnetz im Land wurde dort in einer Art “Hau-Ruck-Aktion” ohne Not bis Mai 2016 vollständig aufgegeben – mehr als bemerkenswert angesichts des weltweiten Trends zur Wiedereinführung moderner, umweltfreundlicher Straßenbahnsysteme an sehr vielen Orten.

Da grenzt es fast an ein Wunder, dass im berühmten Samarkand an der Seidenstraße im Frühjahr 2017 – nach nur wenigen Monaten Planungs- und Bauzeit – eine ganz neue Tram ihren Betrieb aufnehmen konnte. Sie nutzt im wesentlich Material von der stillgelegten Tram der Hauptstadt. Neben Gleisen und Stromversorgungsinfrastruktur sind dies u.a. 20 seinerzeit noch fast neuwertige, vierachsige Vario LF Trambahnen in teil-niederfluriger Einrichtungsbauart. Mit etlichen dieser Wagen nahmen am 15.4.2017 den Verkehr auf der ersten, 6,4 km langen Linie zwischen dem Hauptbahnhof und Sartepa Massivi (russisch: Massiv Sartepa) auf, und schon nach wenigen Monaten, am 18.3.2018, folgte die zweite Linie mit 5 km Länge vom Hauptbahnhof zum Zentralmarkt Siab Bazaar. Auf beiden Linien wurde anfangs ein 7-8 Minuten-Takt mit jeweils 7-8 Wagen angeboten.

Ein Streckenplan findet sich unter: https://www.urbanrail.net/as/uz/samarkand/samarkand.htm.

Die Gleise – in russischer Breitspur 1.524 mm – waren sehr rasch und oft recht provisorisch verlegt worden, insbesondere im Verlauf der zweiten Linie. Sie ging deshalb auch schon nach kaum anderthalb Jahren vorerst wieder außer Betrieb, als der Bau einer größeren Unterführung zusammen mit einer gründlichen Umgestaltung der Straße eine längere Unterbrechung nötig machte. Vom September 2019 bis zum November 2021 fuhren deshalb hier auf der Linie 2 gar keine Bahnen.

Neue Unterführung und neue Trassierung im Zuge der Linie 2 | © D. Budach
Neu gestaltete Gleisanlage in Straßenmitte im Zuge der Linie 2 | © D. Budach
Neu gestaltete Endstelle Siab Bazaar der Linie 2 | © D. Budach
Einsteigen in Straßenmitte – nicht ganz ungefährlich | © D. Budach

Inzwischen scheint die anfängliche Euphorie über das neue System einigermaßen verflogen zu sein, denn die weiteren Ausbaupläne haben deutlich an Dynamik verloren. Deutliches Zeichen ist auch der Betrieb auf der wiedereröffneten Linie 2, auf der seit November 2021 nur noch zwei Triebwagen im 25-30-Minuten-Abstand pendeln – deutlich zu wenig, um den zahllosen Klein- und Midibussen eine attraktive Alternative entgegensetzen zu können. Dies ist umso unverständlicher, als der Bazar selbst ganz erhebliches Fahrgastpotential bieten kann und die Strecke nunmehr durchaus zeitgemäß ausgebaut ist. Gewöhnungsbedürftig für europäische Beobachter ist allerdings der Halt an (nicht gekennzeichneten) Haltestellen in Straßenmitte – das meist rücksichtlose Verhalten der Autofahrer erleichtert hier den Fahrgastwechsel keineswegs.

Fahrleitung und Gleise präsentieren sich an vielen Stellen noch immer in recht rudimentärem Zustand, an Kreuzungspunkten und Abzweigungen muss sehr langsam gefahren werden, und an bestimmten Stellen zieht den Schaffner den Stromabnehmer kurz herunter, um Beschädigungen an der Oberleitung zu verhindern. Wartungsarbeiten an den Fahrzeugen werden meist in der Bahnhofsschleife ausgeführt, und hier übernachten die Wagen auch nach Dienstschluss von etwa 23 bis 6 Uhr. Das Depot wird nun selten angefahren, es befindet sich aktuell “in Rekonstruktion”. Hier stehen etliche Wagen abgestellt, sodass der Einsatzbestand nur bei etwa 12 Wagen liegt – eindeutig zu wenig, um beide Linien in dichtem Takt bedienen zu können.

Tw 1001 und 1002 im Depot | © D. Budach
Ein Pferdewagen-Nachbau aus Tashkent, abgestellt im Depot in Samarkand | © D. Budach

Um Erweiterungsprojekte ist es recht still geworden, trotz der hohen Akzeptanz der Bahnen insbesondere auf der Linie 1. Aber wer weiß, vielleicht überraschen die Usbeken Besucher ja schon bald mit ganz neuen Plänen. Auch aus der Hauptstadt Taschkent sind inzwischen wieder völlig andere Töne zu hören als noch vor ein paar Jahren: Der Bürgermeister verkündete im Frühjahr 2022 den Wiederaufbau einer modernen Tramanlage! Den radikalen Abbau der alten Straßenbahn, die an vielen Stellen über eigenen Bahnkörper verfügte und eine ausgezeichnete Basis zum Aufbau eines modernen Systems gegeben hätte, bereut man also schon jetzt.

Linie 1 in Straßenmitte verlegt | © D. Budach
Keine Entgleisung: Reparaturen werden meist in der Bahnhofschleife direkt unter freiem Himmel ausgeführt | © D. Budach
Weichen werden von Hand gestellt | © D. Budach
10.10.2022
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