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Neue Stadtbahn in Cochabamba in Bolivien

Metelitsa auf der neuen Trasse in Bolivien; © Stadler-Rail AG

Schon in meiner Kindheit wurde meine Aufmerksamkeit durch ein Buch von Erich Wustmann [1] auf die Stadt Cochabamba im Hochland von Bolivien gelenkt. Erich Wustmann (1907-1994) war ein bekannter Völkerkundler und schrieb über seine Reisen lesenswerte Bücher, die in der DDR sogenannte Bückware waren (d.h., dass sie meist unter dem Ladentisch verkauft wurden). Noch heute dominiert eine Ausstellung über sein Lebenswerk das Museum in seiner Heimatstadt Bad Schandau. Das Museum befindet sich ganz in der Nähe der Haltestelle „Kurpark“, dem Ausgangspunkt der Kirnitzschtalbahn.

Wikipedia liefert Einwohnerzahlen für Cochabamba erst ab 1973. Damals ergab eine Zählung die Zahl 184.156. Die letzte Volkszählung 2012 belegte den rasanten Anstieg auf 630.587 Einwohner innerhalb von etwa 30 Jahren. Aktuelle Zahlen sprechen von 1 Mill. Einwohnern, allerdings im gesamten Großraum Cochabamba. Mit Sicherheit lagen die Werte während der Reise von Wustmann noch deutlich unter 180.000, eine Zahlenangabe vermittelt er uns nicht. Damals gab es auch noch nicht das heutige Wahrzeichen, die ca. 260 m hohe Christusfigur „Christo de la Concordia“, die erst anlässlich eines Besuches von Papst Johannnes Paul II. erbaut wurde.

Dafür beschreibt uns Wustmann eine beschauliche Provinzstadt mit einem Flughafen und einer fast durchgehend asphaltierten Fernstraße Nr.4 als Verbindung nach La Paz. Touristen gibt es kaum. Er beschreibt die sozialen Gegensätze zwischen der weißen Oberschicht und den Hochlandindios, erste soziale Maßnahmen sowie die mangelhaften hygienischen Verhältnisse, die in der Stadt und im Umland damals herrschen. Nur die Höhenluft (die Hochebene von Cochabamba liegt ca. 2500 m über dem Meeresspiegel) und die nahezu uneingeschränkte, UV-Licht liefernde Sonnenstrahlung würde den Ausbruch von Seuchen vermeiden. So beschreibt Wustmann bereits 1964 die sterilisierende Wirkung des UV-Lichts. Heute, während der Corona-Krise, lesen wir in den Medien immer wieder von neuen Desinfektionsgeräten, die auf dieser Wirkung von UV Licht basieren. Züge für Russland erhalten seit längerem Klimaanlagen, in denen die Zuluft mittels UV-Licht desinfiziert wird.

Bildergalerie (zum Öffnen bitte anklicken):

Die Entwicklung der Metelitsa Niederflurtram

Jetzt mache ich einen sehr großen Zeitsprung, bis in die Zeit kurz vor meiner Pensionierung. Die Fa. Stadler bündelte sein Straßenbahn-Know-how und entwickelte in Minsk einen Prototyp eines 100% Niederflur-Fahrzeuges für die ehemaligen GUS-Staaten. Ich durfte dort meine Erfahrungen von den Schweizer Tangos mit einbringen. Ausführlich habe ich in [2] über diesen Prozess berichtet.

Das Fahrzeug sollte in Anbetracht der oft sehr schlechten, mit starken Verwindungen behafteten Gleislagen, mit herkömmlichen, unter den Endwagen ausdrehbaren Drehgestellen ausgerüstet werden. Der Mittelwagen des Prototyps war kurz und verfügte nur über ein Fahrwerk. Die Stromrichter wurden in Minsk entwickelt und produziert. Das Fahrzeug musste natürlich auch preislich den Möglichkeiten dieser Länder entsprechen. Hier haben unsere Kollegen aus Minsk viele gute Ideen. Als Markting-Name wurde Metelitsa (belorussisch für Schneesturm) gewählt.

Beim Tango bestimmte die markant vorgeschobene Frontschürze das Erscheinungsbild. Dies dient dem Unfallschutz. Sollte tragischerweise ein Fußgänger von einer Bahn erfasst werden, so soll er unterhalb seines Schwerpunktes erfasst werden. Damit wird er nicht umgerissen und überrollt, sondern hoch geschleudert (Simulation siehe Bild). Die Tauglichkeit dieses Konstruktionsprinzips wurde in der Praxis bewiesen, auf die Metelitsa übertragen und ausführlich in einem Fachartikel beschrieben [3].

Von Belarus nach Bolivien

Da in der Folgezeit der Erdölpreis in einem völlig unerwarteten Maße verfiel, konnten Aufträge nicht in dem Umfang wie eigentlich erwartetet in den GUS-Ländern gewonnen werden. Da freuten wir uns über einen Auftrag über 23 Straßenbahnen für St. Petersburg ganz besonders. Entsprechend den Anforderungen wurde der Mittelwagen geändert: Er wurde für diesen Auftrag verlängert und erhielt zwei ausdrehbare
Drehgestelle.

Im Jahre 2018 wurden zwölf Metelitsa-Trams, sehr ähnlich wie die Ausführung für St. Petersburg, für das neue Stadtbahn-System „tren metropolitano“ in Cochabamba (Boliven) verkauft. U.a. musste die Spurweite von Breitspur – 1526 mm (St Petersburg) auf Normalspur – 1435 mm angepasst werden.

Cochabamba erinnert wohl nur noch wenig an die Stadt von 1960. Die Stadt erstickt heutzutage förmlich im Autoverkehr, so dass für dieses Ballungsgebiet vom bolivianischen Staat das erste Stadtbahnsystem in diesem Lande als schlüsselfertige Gesamtleistung in Auftrag gegeben wurde.

Die Ausführung liegt bei der Asociación Accidental Turani, die von dem spanischen Baukonzern JOCA und der Schweizer Fa. Molinari gegründet wurde. Die Fa. Molinari war dabei vor allem für die Bahntechnik zuständig (Fahrzeugbeschaffung, Signaltechnik, Kommunikation u.s.w.). Stadler Minsk wurde, wie bereits erwähnt, Fahrzeuglieferant. Christeller berichtete 2019 bereits im Urban Transport Magazin [5] über den Arbeitsstand bei diesem Projekt, der zu diesem Zeitpunkt noch den Planungen entsprach. In diesem Beitrag wird auch das aus drei Linien bestehende Streckennetz (42,7 km) präsentiert:

Danach wurde in Bolivien der damalige Präsident Evo Morales zur Abdankung gezwungen, bei der Neuwahl im Oktober 2020 gewann Luis Arce von der gleichen, links gerichteten Partei MAS, bereits im ersten Wahlgang. Auch die Corona-Pandemie beeinträchtigte den weiteren Arbeitsfortschritt erheblich, es gab in Bolivien einen strengen Lockdown über mehrere Monate.

Links: Typenplan und Hauptparameter ©Stadler Rail AG; Rechts: Funktionsweise der vorgeschobenen Frontschürze als Unfallschutz. Simulation nach [4]

Präsident Arce besuchte am 4.12.2020 gemeinsam mit seinem Minister für öffentliche Bauten Cochabamba Iván Arias Durán unterstrich dabei das weitere Interesse Boliviens an dem Stadtbahn-Projekt. Die weiteren Termine wurden wie folgt fixiert:

  • Fertigstellung der Linea Roja y Verde (rot und grün): Dezember 2021
  • Fertigstellung der Linea Amarilla (gelb): Mitte 2022

Es wird auch bereits über eine Verlängerung der gelben Linie bis nach Sacaba diskutiert.

Stadler Minsk hat bereits sieben Fahrzeuge vom Typ Metelitsa nach Cochabamba geliefert. Erste Probefahrten konnten auch schon auf einem fertig gestellten, 2 km langem Abschnitt, stattinden (Foto). Die übrigen fünf Fahrzeuge sind bereit für den Transport, befinden sich aber noch im Werk in Fanipol (Belarus).

Metelitsa – Schneesturm passt bei diesem Projekt klimabedingt eigentlich nicht zu den Fahrzeugen für Cochabamba. Aber die belorussiche Sprache hilft in dieser Situation. Metelitsa bezeichnet nämlich auch einen Volkstanz, und Tanzen passt sicher viel besser zu einer so großartigen verkehrstechnischen Lösung in diesem Land.

Tram Metelitsa für Cochabamba, hier noch im Stadler-Werk Fanipol bei Minsk I © Stadler-Rail AG

Zusammenfassung

In diesem Beitrag steht die Stadt und Region Cochabamba beispielhaft für die in unserer Epoche stattfindenden Urbanisierungen, auch und sogar vor allem in den Entwicklungsländern. Diese massive Konzentration der Menschen stellen aber die Metropolen vor sehr viele schwierige und kostenintensive Aufgaben. In Cochabamba wurde mit der Stadtbahn ein Meilenstein für den öffentlichen Verkehr gesetzt. Corona hat in Bolivien auch die sozialen Problemen verschärft.

Der Primar Spechtenhauser aus Kufstein (Österreich) leistet mit einer Hilfsorganisation für medizinische und soziale Projekte in Bolivien eine wertvolle Hilfe. Auf der Homepage www.brillos.net kann man auch interessante Reiseberichte lesen.

Literatur:
[1] Wustmann, E.: Indos im Hochland der Kordillieren. Neumann Verlag Radebeul 1964
[2] Iwainsky, H.: Von der Kunst, einen Zug zu bauen. Eigenverlag, Jenbach 2018
[3] Keller,T.; Wiesent,N.; Iwainsky,H.: Zum Unfallverhalten von Straßenbahnen. EI – Der Eisenbahn-ingenieur 69 (2018) 4, S. 50-55
[4] AGU Zürich: Analyse einer geplanten Tramfront in Bezug auf Tram-Personen-Unfälle, Zürich 2013
[5] Christeller,R.: Fortschritt beim Bau der Stadtbahn Cochabamba- Bolivien. Urban-Transport Magazine 2019

24.01.2021

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Wünschen wir diesem Projekt eine gute Zukunft. Um den Verkehrskollaps zu bekämpfen wird man sicher bald mehr als 12 Fahrzeuge benötigen. Hoffen wir, daß die Verbesserung der Lebensqualität in Cochabamba und die Entwicklung der Fahrzeugindustrie in Belarus gedeihen und nicht durch weitere Putschversuche bedroht werden.

Ronald Kretzschmar