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Nur noch Museumsfahrten in Moskau: Ende des größten Trolleybusbetriebs der Welt

Trolleybus 8158 auf der Linie 49 an der Endschleife Metro Universität im Mai 2019 | © Bernhard Kußmagk

Noch vor 6 Jahren war es das größte Trolleybusnetz der Welt, nun fuhr der letzte Wagen ins Depot ein: In der Nacht vom 24. auf den 25.8.2020 endete der Obusbetrieb in Russlands Hauptstadt Moskau.
Im Umfeld weltweiter Begeisterung für elektrischen ÖPNV im Allgemeinen und Busverkehr im Besonderen kann der Beobachter nur staunen, mit welcher Geschwindigkeit und mit welcher Konsequenz die Umstellung vollzogen werden konnte. Die Hintergründe erschließen sich vermutlich nur bei genauerer Betrachtung der politischen Umstände, denn offensichtlich haben einzelne Einflussträger die Entscheidung zur Abschaffung der umweltfreundlichen Trolleybussystems mit besonderem Nachdruck vorangetrieben, obwohl sich in Teilen der Bevölkerung durchaus Widerstand dagegen mobilisiert hatte. Die genannten Kostenüberlegungen zur Erneuerung des Fahrleitungsnetzes und die angeblich fehlenden Produktionskapazitäten potentieller Lieferanten von größeren Serien neuer Trolleybussen halten als Argumente einer ernsthaften Überlegung sicherlich kaum stand.

Einfahrt ins Depot der letzten Wagen am frühen Morgen des 25. August 2020 | © Jiří Hönes
Zahlreiche Enthusiasten und Schaulustige hatte sich versammelt | © Jiří Hönes

Doch umsonst: Noch 2011 fuhren Obusse auf 88 Haupt- und 13 Verstärkerlinien, mehr als 1.300 km Fahrleitung waren in täglichem Gebrauch und bis zu 1.700 Trolleybusse im Bestand. 2014 begann das Schrumpfungsprogramm mit den ersten Umstellungen auf Dieselbusse und vereinzelt auch auch Batterie-Elektrobusse. Der Verkehrsbetrieb Mosgortrans versprach eine weitreichende Einführung von Elektrobussen, die fahrleitungsunabhängig die Vorteile des elektrischen Antriebs weiterführen sollten. Allerdings kam es dazu bislang nur in recht überschaubarem Umfang, und die zumindest teilweise Weiternutzung des Fahrleitungsnetzes für die mittlerweile erprobte und verbreitete In-Motion-Charging-Technik (IMC) in Form von Trolleybussen mit starkem Batteriezusatzantrieb für Strecken abseits des Oberleitungsnetzes wurde gar nicht in Betracht gezogen.



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Depotzusammenlegungen und -schließungen begannen, Teile der noch recht neuen und gut unterhaltenenen Flotte wurden verkauft und von anderen russischen Betrieben gern in ihren Fahrzeugpark aufgenommen. Die letzten Neubschaffungen ergänzten noch Ende 2016 den Bestand in Form von 46 Neuwagen (22 von BKM Belkommunmash und 24 von SWARZ). In 2018 hatte sich das Liniennetz bereits auf 44 Linien reduziert, und auch danach ging es in schnellem Rythmus weiter. Anfang August 2020 gab es noch neun Linien, am 2. August legte der Betreiber die Linien 22 und 70 und am 17. August die Linie 20 still. Zuletzt wurden noch die Linien M4, 28, 59, 60, 64 und 72 befahren. Symptomatisch für die Umstellungspolitik ist es wohl, dass auch davon fünf auf Dieselbusse und nur eine auf Batteriebusse umgestellt wurde. Aktuell gibt es in Moskau 450 Batterie-Elektrobusse, bis zum Jahresende sollen noch einmal 150 folgen. Mittelfristig ist die Aufstockung auf bis zu 2.600 Wagen vorgesehen, bei einem Gesamtbestand von rund 8.000 Stadtbussen. Damit stellen auch nach 2024 Dieselbusse noch immer zwei Drittel des Fuhrparks, da die Batteriebusse ja in erster Linie zum Ersatz der ebenfalls elektrischen Trolleybusse genutzt werden.

Einigermaßen überraschend kam die Nachricht, dass ein kleiner Rest des Netyes weiter bestehen soll: Auf dieser „Museumsstrecke“ wird seit 4.9.2020 der Abschnitt Komsomolskaya-Platz  – Novoryazanskaya-Straße als Ringlinie befahren, als Teil der zweiten Trolleybuslinie von 1937. An der Strecke soll auch das künftige Verkehrsmuseum liegen, der Einsatz von täglich zwei Wagen ist vorgesehen.  In den ersten Tagen waren dies zwei der zuletzt gelieferten SWARZ Niederflurwagen von 2016/17. Einsatzbereit sind aber noch weitere Obusse, u.a. zwei ZIU 5.

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14.09.2020

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