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Corona: Neue Corona-Regeln im deutschen ÖPNV – Mallorca verbietet Fahrgästen das Reden

S-Bahn-Fahrgäste mit Mundschutzmasken im Citytunnel in Hamburg. Foto: Christian Hinkelmann

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf NAHVERKEHR HAMBURG veröffentlicht.

Lange hat die ÖPNV-Branche behauptet, dass ihre Fahrzeuge Corona-sicher seien. Inzwischen stellen das offenbar immer mehr Städte und Länder infrage und reagieren mit Warnungen, gesperrten Sitzplätzen, Zugangskontrollen und sogar Redeverboten. Gestern (am 19.01.2021) hat zudem die deutsche Bundesregierung die Corona-Maßnahmen verschärft und entschieden, dass ab sofort im ÖPNV medizinische Masken (OP-Masken oder die noch effektiveren FF2-Masken) getragen werden müssen. Zu dem soll der Fahrgastandrang insbesondere in der Hauptverkerszeit dadurch verringert werden, dass Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben und möglichst flächendeckend Home Office eingeführt wird, sofern dies betrieblich in den Unternehmen möglich ist. Bund und Länder möchten dadurch insbesondere das weitere Infektionsgeschehen neuer Covid-19 Mutationen verhindern. Auch Verkehrsbetriebe schicken ihre Verwaltungen jetzt ins Homeoffice.

Seit Monaten beteuern die Betreiber von Bahnen und Bussen in Deutschland, dass ihre Fahrzeuge keine Corona-Treiber seien. Noch im vergangenen Herbst, als die Infektionszahlen in Deutschland kräftig stiegen, behauptete der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen VDV in einer groß angelegten Imagekampagne: „Auch in Zeiten von Corona gibt es zum Wiedereinstieg in Bus und Bahn viele gute Gründe und objektiv betrachtet auch keinen Anlass zur Sorge.“ (siehe hier). 

Ab sofort dürfen im ÖPNV deutschlandweit nur noch medizinische Masken getragen werden und das Verkehrsaufkommen soll durch Home Office zusätzlich verringert werden I © Stefan von Mach

Die Deutsche Bahn legte vor wenigen Wochen eine Studie vor, die beweisen sollte, dass Bahnfahren sicher sei (allerdings musste sie sich anschließend den Vorwurf von Journalist:innen gefallen lassen, zweifelhafte Aussagen getroffen und methodisch unsauber gearbeitet zu haben (siehe hier). Und auch der Hamburger Verkehrsverbund betonte noch kurz vor Weihnachten, dass die eigenen Verkehrsmittel „eigentlich verhältnismäßig sicher“ seien (siehe hier).

Sind Bus und Bahn doch nicht so Corona-sicher?

Doch angesichts der unverändert hohen Corona-Infektionszahlen dreht sich die Stimmung inzwischen. Immer mehr Städte und Länder reagieren mit Warnungen, gesperrten Sitzplätzen, Zugangskontrollen und sogar Redeverboten im ÖPNV. Wir fassen die aktuellsten Beispiele aus dem In- und Ausland zusammen.

Bundesweit am deutlichsten widerspricht der Freistaat Sachsen der Annahme, dass der ÖPNV infektionssicher sei. Die sächsische Regierung hat angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen dringend dazu geraten, nur noch zwingend nötige Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr zu machen, um die Auslastung auf ein Minimum zu senken. Laut einem Bericht der FAZ (siehe hier) will der Freistaat die durchschnittliche Auslastung im öffentlichen Nahverkehr von derzeit 40 Prozent auf nur noch 25 Prozent senken und hofft, dass die nun ausgesprochene Warnung zu diesem Ziel führt.

Die meisten ÖPNV Betriebe lassen seit März 2020 die Fahrgäste in Bussen ab der zweiten Tür einsteigen I © UTM

Zum Vergleich: Im HVV in Hamburg liegen die Fahrgastzahlen derzeit ungefähr bei 50 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Niveau (siehe hier). Hier in der Hansestadt gibt es solche politischen Warnungen bislang nicht. Allerdings ist die Zahl der Neuinfektionen in der Hansestadt auch deutlich niedriger als in Sachsen.

Verkehrsforscher erwartet weiter sinkende Fahrgastzahlen

Der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie erwartet unterdessen, dass die Fahrgastzahlen in Bahnen und Bussen bundesweit noch deutlich weiter zurückgehen werden. „In den Bahnen sitzen nur noch die unteren Einkommensgruppen“, sagte er der FAZ. „Wer eine Alternative hat, nutzt diese.”

Bayern führt FFP2-Maskenpflicht im Nahverkehr ein

In Bayern hat das Kabinett derweil Anfang Januar einen Beschluss gefasst, der die bisher behauptete Corona-Sicherheit im ÖPNV ebenfalls infrage stellt. Ab dem 18.01.2021 dürfen dort landesweit in allen Bahnen und Bussen nur noch FFP2-Masken getragen werden (siehe hier). Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, die „normalen Community-Masken“ seien in der Corona-Pandemie zum Schutz der anderen. FFP2-Masken schützen auch den Träger selbst. Ziel sei es, die Sicherheit im öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern. Ein Schritt, der die Nutzung des bayerischen ÖPNV nicht unbedingt attraktiver macht und die Fahrgastzahlen voraussichtlich weiter senken wird. 

Eine Straßenbahn am Berliner Hauptbahnhof I © Christian Hinkelmann

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Auch Sachsen denkt inzwischen über eine FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr nach (siehe hier). In Niedersachsen ist so eine Pflicht derweil kein Thema, wie RTL Anfang Januar berichtete (siehe hier). Auch aus Hamburg sind solche Gedankenspiele (noch) nicht zu hören. “Eine FFP2-Tragepflicht steht aktuell nicht auf der Tagesordnung”, erklärte HVV-Pressesprecher Rainer Vohl auf NAHVERKEHR HAMBURG-Nachfrage.

BVG-Personal fühlt sich nicht genug geschützt

In Berlin wird dem städtischen Verkehrsbetrieb BVG derweil von besorgten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgeworfen, zu wenig für deren Sicherheit zu tun. Laut einem Bericht der Berliner Zeitung fordern sie von ihrem Arbeitgeber mehr Anstrengungen, um Ansteckungen zu verhindern (siehe hier). Eine der dort genannten Forderung ist beispielsweise, dass in Straßenbahnen bei jedem Personalwechsel der Fahrerbereich desinfiziert werden müsse. Dies würde in vielen Fällen nicht passieren. Außerdem gebe es weiterhin Schichtpläne, die vorsehen, dass Fahrer:innen ihre rollenden Arbeitsplätze mehrmals wechseln. „Solche Schichten müssten minimiert werden“, so der Vorwurf.

Eine Metro in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen I © Christian Hinkelmann

Vor zwei Wochen musste die BVG ihren ersten Corona-Toten in den eigenen Reihen verzeichnen. Ein 49 Jahre alter Straßenbahnfahrer war an dem Virus gestorben. Nach Angaben des Verkehrsbetriebs soll sich der Mann allerdings nicht am Arbeitsplatz sondern im häuslichen Umfeld infiziert haben.

Auch im Ausland gibt es immer mehr Beispiele, die an einer Corona-Infektionssicherheit im öffentlichen Nahverkehr zweifeln lassen und weit über die in Hamburg geltenden Maßnahmen hinausgehen.

Dänemark reguliert Fahrgastzahl in Bus und Bahn

So hat Dänemark beispielsweise die Sicherheitsmaßnahmen im öffentlichen Nahverkehr deutlich verschärft. Die Verkehrsunternehmen sind vom zuständigen Ministerium dazu aufgefordert worden, nur noch so viele Fahrgäste in Bahnen und Bussen mitzunehmen, dass mindestens ein Abstand von zwei Metern zwischen den Passagieren eingehalten werden kann. Demnach sollen die Verkehrsmittel auf keinen Fall mehr als halb voll sein. Die Bürgerinnen und Bürger wurden dazu aufgerufen, außerhalb des Berufsverkehrs zu fahren oder alternativ mit dem Fahrrad zu fahren und zu Fuß zu gehen.

Londoner Verkehrsbetrieb rät zum Fahrrad

In der britischen Hauptstadt London raten die städtischen Verkehrsbetriebe ebenfalls davon ab, zu den Hauptverkehrszeiten mit Bahnen und Bussen zu fahren und verweisen auch dort alternativ auf das Fahrrad (siehe hier).

Sydney reduziert Plätze in Fahrzeugen drastisch

Und in der australischen Metropole Sydney sind die Sitz- und Stehplatzkapazitäten in U-Bahnen, Straßenbahnen, S-Bahnen, Regionalzügen und den Fähren ebenfalls drastisch auf ein Sechstel der maximalen Fahrzeugkapazität reduziert worden. Zugangskontrollen in den Stationen sorgen dafür, dass nicht zu viele Menschen auf einmal in die Fahrzeuge drängen (siehe hier).

Ein S-Bahn-Zug in der australischen Metropole Sydney I © Christian Hinkelmann

Mallorca verbietet Fahrgästen das Reden

Einen ganz anderen Weg zum Schutz vor Corona geht unterdessen die spanische Urlauberinsel Mallorca, die ebenfalls unter hohen Corona-Fallzahlen leidet. Dort dürfen Fahrgäste in Bahnen und Bussen ab heute nicht mehr reden – zur Sicherheit (siehe hier).

Dieser Artikel ist zuerst bei unserem Kooperationspartner NahverkehrHAMBURG.de erschienen. Weitere Mobilitätsnachrichten aus dem Großraum Hamburg lesen Sie hier:https://www.nahverkehrhamburg.de

20.01.2021

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