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Neue Berliner Siemens/ Stadler S-Bahn im Dauertest

Der Sechswagenzug bestehend aus einem Zug der Baureihe 483 und einem Zug der Baureihe 484 auf der neuen S-Bahnstrecke zum Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) im Mai I © UTM

Der Countdown läuft! Nur noch wenige Monate, dann geht Berlins neue S-Bahn in Betrieb. Wer Glück hatte, hat die „Neue“ inzwischen schon gesehen, wie sie ihre Kurven durch die Hauptstadt zieht. Denn bereits Anfang September fuhr der erste Zug auf Testfahrt durchs Netz, zunächst nur nachts. Doch inzwischen sind die Fahrzeuge der Baureihe 483/484, wie die „Neue“ heißt, auch tagsüber unterwegs.

Seit Anfang Mai nun fährt ein Zug mit insgesamt sechs Wagen bunt beklebt durch Berlin und Brandenburg. In den Farben grün, gelb, blau und rosa stellt er sich seinen künftigen Fahrgästen vor:

  • „Ich bin’s – Deine Neue“
  • „Eine Innovation aus Berlin“
  • „Bin noch in der Probezeit“
  • „Und bald fahr‘ ich auch Dich“

So sieht sie aus – die neue S-Bahn mit neuem Look

Mit diesen Botschaften tourt der Zug seit April für den 40.000 Kilometer Dauertest auf Berliner und Brandenburger Schienen, u.a. auf der neuen S-Bahnstrecke zwischen Flughafen Schönefeld und dem zukünftigen BER-Flughafenbahnhof. Während des Dauertests wird vor allem gecheckt, ob der Zug den rauen Anforderungen an den S-Bahn Betrieb gewachsen ist. Anfahren – bremsen – Türen öffnen und wieder anfahren, 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche. Bei den täglich geplanten 800 bis 1.000 Kilometer Fahrleistung wird das voraussichtlich bis Anfang Juli dauern. Unterbrochen wird das Programm nur durch die regelmäßig durchzuführenden technischen Prüfungen und Inspektionen in der Werkstatt.

Inbetriebnahme im Dezember 2020

Insgesamt zehn Vorserienzüge werden an Neujahr in Betrieb gehen, zunächst auf der Linie S47 (Spindlersfeld – Hermannstraße), später auch auf den Linien S46 (Königs Wusterhausen – Westend), S8 (Zeuthen – Birkenwerder) und S41/42 (Ringbahn). Zuvor wurden die Fahrzeuge zwei Jahre lang getestet, um eventuelle Mängel rechtzeitig vor Inbetriebnahme zu beseitigen. Geprüft wurden sie unter anderem im weltweit größten Testzentrum für Schienenfahrzeuge, dem Prüf- und Validationscenter von Siemens Mobility in Wegberg-Wildenrath (NRW). Darüber hinaus wurde ein Zug bis nach Wien gebracht, um ihn im Klima-Wind-Kanal des Rail Tec Arsenal (RTA) extremen Wetterbedingungen auszusetzen. Hier wurde unter anderem getestet, ob auch bei starkem Schneefall und Vereisung der Stromabnehmer funktioniert und die Türen öffnen und schließen. Berlins Neue hat alle Tests mit Bravour bestanden. Einen kurzen Einblick gibt’s hier im Video, das jetzt auf dem YouTube-Kanal der S-Bahn Berlin erschienen ist:

Aufgrund ihres eckigen Kopfdesigns und der hervorgehobenen Nase hat die neue S-Bahn bei Eisenbahnfreunden bereits den Spitznamen „Lichtschalter“ geerntet I © UTM

382 neue S-Bahnwagen

Insgesamt hat die Deutsche Bahn 382 neue S-Bahn-Wagen beim Herstellerkonsortium Siemens/ Stadler bestellt. Hergestellt werden die Züge an den verschiedenen Stadler Standorten in der Region Berlin-Brandenburg. Dabei liefert Stadler den mechanischen und wagenbaulichen Teil und Siemens die elektrische Ausrüstung. Der erste Wagenkasten wurde im Oktober 2017 fertiggestellt und im Stadler Werk Pankow in die Endmontage überführt. Dem Fachpublikum wurde das erste Fahrzeug während der InnoTrans 2018 in Berlin erstmals gezeigt. Jetzt hat mittlerweile die Auslieferung begonnen.

Mit 21 Zwei-Wagen-Triebzügen (Baureihe 483) und 85 Vier-Wagen-Triebzügen (Baureihe 484) sollen die Zuverlässigkeit und Qualität der Verkehrsleistung auf der Ringbahn und den südöstlichen Zulaufstrecken deutlich erhöht werden. Die Hersteller garantieren eine über 30 Jahre währende hohe Einsatzqualität. Der Liefervertrag aus dem Jahr 2015 beinhaltet einen Rahmenvertrag über bis zu 1.380 Wagen, die zukünftig insbesondere für die ausstehende S-Bahnausschreibung Nord-Süd genutzt werden könnte. Wir berichteten hier:

Design und Technik

Auf den ersten Blick sieht man den neuen Zügen ihren zukünftigen Einsatzort, die S-Bahn Berlin an. Denn die Farbgebung der Züge orientiert sich an den traditionellen Farben der S-Bahn Berlin, wurde jedoch leicht abgewandelt. Das Kopfdesign, welches unter Eisenbahnfans schon den Spitznamen „Lichtschalter“ trägt, ist für den einen oder anderen etwas gewöhnungsbedürftig sein, wirkt aber insgesamt modern.

Im Gegensatz zu den Vorgängerfahrzeugen sind beide Baureihen durchgängig begehbar und – erstmals bei Zügen der S-Bahn Berlin – mit einer Klimaanlage ausgestattet. Neue Farben und Muster sind vor allem im Innenraum zu finden. Die Sitze wurden im DB-typischen Blautönen gehalten. Die Stellflächen im Mehrzweckbereich wurden auf dem Boden mit Logos markiert, um die Zuordnung zu vereinfachen.

Übersichtszeichnung der BR 483 (Viertelzug) I © S-Bahn Berlin

Die Züge haben eine Breite von 3,14 m. Im 36,8 m langen Viertelzug stehen 94 Stehplätze und 80 Sitzplätze zur Verfügung, davon 20 Klappsitze. Der 73,6 m lange Halbzug verfügt über 202 Stehplätze sowie 184 Sitzplätze, davon 40 Klappsitze. Jeder Wagen verfügt beidseits über jeweils drei 1300 mm breite Türen für Fahrgäste, die Endwagen zusätzlich über jeweils eine Tür zum Führerstand. Kameras unterstützen die Überwachung des Fahrgastwechsels, sodass auf Außenspiegel verzichtet werden konnte.

Übersichtszeichnung der BR 484 (Halbzug) I © S-Bahn Berlin

Redundanter Antrieb

Hohes Augenmerk wurde auf die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Fahrzeuge gelegt. Schon innerhalb eines Viertelzuges sind alle antriebsrelevanten Komponenten zweifach vorhanden. Sechs der acht Achsen sind mit jeweils 140 kW Motoren ausgestattet, insgesamt also 840 kW. So fällt bei einer Antriebsstörung nur ein Wagen aus. Der andere Wagen des Viertelzuges bleibt voll angetrieben. Der Halbzug verfügt über 12 Antriebsmotoren je 140 kW, insgesamt als 1.680 kW Antriebsleistung.

Jeder Viertelzug verfügt über eine Magnetschienenbremse, jeder Halbzug über zwei. Damit kann auch bei ungünstigen Wetterlagen eine sichere Bremsung gewährleistet werden – ohne Einschränkungen (z.B. Geschwindigkeitsreduzierungen) hinnehmen zu müssen. Die maximale Höchstgeschwindigkeit beträgt 100 km/h. Die Stromübertragung findet wie bei der S-Bahn Berlin üblich über die dritte Schiene mit 750V DC statt.

Quellen: S-Bahn Berlin, Siemens/ Stadler, eigene Recherche

28.06.2020

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