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Stadler Rail hat sich 2020 tapfer geschlagen

Das vor einem guten Jahr neu eröffnete Werk im schweizerischen St. Margrethen an der Grenze zu Österreich | © Stadler Rail AG

Als Peter Spuhler 1989 von Ernst Stadler’s Witwe das Werk im ostschweizerischen Bussnang übernahm, war es eine Kleinunternehmung mit 18 Mitarbeitern. Inzwischen hat er die Firma zielstrebig zu einem Namen auf dem Weltmarkt und zu Nummer 2 in Europa auf dem Markt für Schienenfahrzeuge (ohne Güterwagen und Höchstgeschwindigkeitszüge) ausgebaut. Heute fahren mehr als 8500 Stadler-Züge und Lokomotiven in 43 Ländern, im letzten Jahrzehnt konnte ein durchschnittliches Jahreswachstum (CAGR) von durchschnittlich 11 % verzeichnet werden.

Peter Spuhler | © Stadler Rail AG

Nun berichtet die Unternehmung über die Ergebnisse des vergangenen Jahres 2020. 2020 wurden 465 Fahrzeuge geliefert und 549 bestellt. Stadler macht mehr als drei Viertel seiner Umsätze in Westeuropa, davon mehr als die Hälfte in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Über 12 300 Mitarbeiter, davon über 1700 im Engineering arbeiten in den 12 Werken, von denen etwa die Hälfte in Hochlohnländern liegen. Das Produkteportfolio deckt die gesamte Bandbreite des Rollmaterials ausser Güterwagen und Hochgeschwindigkeitszüge über 251 km/h ab und beinhaltet insbesondere auch die Entwicklung und Herstellung von Sonderausführungen wie zum Beispiel Zahnradbahnen. In Europa ist Stadler bei Strassenbahnen und Triebzügen heute Nr. 2 mit 16 respektive 22 % Marktanteil und ein wichtiger Lieferant von U-Bahnen. Im Aufbau befinden sich das Servicegeschäft und die Signal- und Steuerungstechnik für Voll- und U-Bahnen.

Die Coronakrise hat Stadler vor allem in der ersten Jahreshälfte 2020 heftig gebremst. Mit lediglich 3,6 Prozent weniger als im Rekordjahr 2019 wurde im zweiten Halbjahr aufgeholt und im vergangenen Jahr trotzdem ein Umsatz von 3,08 Milliarden Franken erzielt. Im ersten Halbjahr war es aufgrund der Pandemie zu Unterbrüchen in den Lieferketten gekommen. Zudem waren aufgrund behördlicher Vorgaben einzelne Werke entweder zeitweilig geschlossen oder mussten vorübergehend ihre Produktionskapazität reduzieren und es gab Reiseeinschränkungen für Mitarbeiter, was Versuchsfahrten, Fahrzeugabnahmen und Zulassungen verzögerte. Damit verschoben sich Fortschritts- und Schlusszahlungen der Kunden. Zudem brachen durch die Ausdünnung der ÖV-Fahrpläne um bis zu 90 % im ersten Halbjahr die Einnahmen im Servicegeschäft, die von den gefahrenen Kilometern abhängen, ein. Insgesamt verringerte sich der operative Gewinn vor Steuern (EBIT) um 19 % auf 156,1 Millionen Franken, während der Reingewinn durch verschiedene Finanzeffekte trotzdem um 7,7 % auf 138,4 Millionen Franken stieg. Im laufenden Jahr will der Konzern den Rückstand wieder wettmachen und prognostiziert, über 500 Züge, Trams und Loks auszuliefern und einen Umsatz zwischen 3,5 und 3,8 Milliarden Franken zu erzielen sowie Aufträge zwischen 4 und 5 Milliarden zu gewinnen.

Nachdem sich Kawasaki und Nippon Sharyo aus den USA zurückgezogen haben, erwartet Stadler in diesem Land in Zukunft einen Ausbau seiner Marktstellung. In Asien hofft Stadler in Zukunft seine Marktstellung verbessern zu können. 34 Lokomotiven wurden von Taiwan bestellt. Nachdem in Indien der Aufbau eines eigenen Werkes nicht gelungen war, ist Stadler mit dem indonesischen Schienenfahrzeughersteller PT Inka ein Joint-Venture eingegangen. Voraussetzung für die Inbetriebnahme eines gemeinsames Werkes in Indonesien ist die Bestellung von S-Bahn-Wagen aus Indonesien..

Regionalverkehr: Rückblick und Ausblick

2020 wurden gewichtige Ausschreibungen verschoben, so der erst Anfangs März 2021 kommunizierte Vergabeentscheid der spanischen Staatsbahn Renfe für 59 doppelstöckige Nahverkehrszüge über 1,1 Milliarden Franken, die im Werk Valencia gefertigt und über 15 Jahre von Stadler instandgehalten werden sollen. Die Vergabe hätte eigentlich schon 2020 erfolgen sollen und beinhaltet eine Option über 44 weitere Züge. Für den Bahnbetreiber des San Bernardino County in Kalifornien entwickelt Stadler seinen ersten Wasserstoff-Zug. Der Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein in Norddeutschland bestellte 55 Batterie-Züge, nachdem Stadler als Sieger aus der ersten Green-Technology-Ausschreibung Deutschlands hervorgegangen war. Neben dem gemeinsamen Projekt mit der österreichischen Zillertalbahn ist ein weiteres Wasserstoff-Konzept für den europäischen Markt ist in Arbeit. An Sonderfahrzeugen für den Regionalverkehr gingen Bestellungen von der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) für 12 von 27 neuen „ORION“-Züge für ca. 150 Mio. Franken ein. Die Rhätische Bahn (RhB) löste Optionen für 20 „Capricorn“-Züge im Wert von 170 Mio. Franken ein und die Centovalli-Bahn bestellte 8 Züge.

„Capricorn“-Triebzug der meterspurigen Rhätischen Bahn im schweizerischen Engadin | © Rhätische Bahn

Aus der Schweiz sollen 2021 oder 2022 grosse Aufträge kommen. Im vergangenen Mai haben die SBB sowie die Regionalbahnen Thurbo und Regionalps einen Auftrag für 194 einstöckige S-Bahn-Triebzüge ausgeschrieben. Die Bahnunternehmen rechnen mit einem Bestellvolumen von maximal 1,5 Milliarden Franken. Hinzu kommen Optionen für 316 Fahrzeuge. In der nun laufenden zweiten Ausschreibungsrunde sind Alstom, Siemens und Stadler aufgefordert, bis Mitte 2021 ihre Angebote abzugeben und 2022 soll der Zuschlag erfolgen.

Stadtverkehr

Mit der Entwicklung eines neuen, sehr kompakten Fahrwerks für niederflurige Strassenbahnen hat Stadler einen Sprung nach vorn gemacht und gibt alte Technologien auf. Der steigende Bedarf im Bereich des Stadtverkehrs war Anlass sich mit heutigen Technologien auf die Anforderungen der Verkehrsbetriebe zu besinnen und Lücken im Portfolio zu identifizieren und anzugehen. Das Ergebnis ist eine neue Fahrzeuggeneration unter dem Sammelnamen „TINA“, deren Herzstück das kompakte und sehr flexibel einsetzbare Fahrwerk ist. Die im Stammwerk Bussnang ansässige LRV-Produktentwicklung startete ihre Überlegungen beim Fahrgast und orientierte die Technik des Drehgestells an einem optimalen Innenraum mit maximalem Komfort, grosszügigen Durchgängen für optimalen Fahrgastfluss und je nach Kundenwunsch auch komplett barrierefrei. Das innovative Fahrwerk ist für alle gängigen Spurweiten von Meter- bis Breitspur geeignet. Da es keine Rolle spielt, ob es als Drehgestell konventionell ausdrehend oder mit dem Wagenkasten mitdrehend ausgeführt ist und sowohl angetrieben als auch nicht angetrieben sein kann, ist der Einsatz unter den verschiedensten Fahrzeugkonzepten möglich.

„TINA“-Tram für BLT mit Drehgestellen an den Fahrzeugenden und festen Fahrwerken im mittleren Bereich | © Stadler Rail AG

Der Kunde kann zwischen konventionellen Achsen und Losrädern wählen und muss dabei nicht auf gleisschonende grosse Räder verzichten. Dabei werden bei allen Varianten identische Komponenten verwendet und damit eine hohe Flexibilität bei hohem Standardisierungsgrad erreicht. Im Berichtsjahr konnte bereits für die HEAG in Darmstadt ein Auftrag über 14 fünfteilige Niederflur-Drehgestell-Fahrzeuge gebucht werden und im März 2021 bestellte die schweizerische Baselland Transport BLT 25 7-teilige Trams in der gleichen Konfiguration wie die bisherigen Tango-Trams von Stadler, bei denen jedoch von der ersten bis zur letzten Fahrgasttüre komplette Barrierefreiheit Einzug erhält. Weitere Strassenbahnen wurden unter anderem von Mailand und Jena geordert.

„TINA“-Strassenbahn für HEAG, Darmstadt mit Drehgestellen
| © Stadler Rail AG

An U-Bahn-Fahrzeugen kam aus dem Vereinigten Königreich ein Auftrag von Nexus über 42 Metro-Züge für die Tyne & Wear Metro mit neuem Instandhaltungswerk und 35 Jahren Wartung über insgesamt rund 700 Millionen britische Pfund, während die Berliner Verkehrsbetriebe die Lieferung von bis zu 1500 U-Bahn-Wagen mit Ersatzteilversorgung über einen Zeitraum von 32 Jahren in einem Rahmenvertrag mit einem Volumen von bis zu drei Milliarden Euro an Stadler vergaben. Stadler wird die 127 METRO-Züge des 2019 unterschriebenen Vertrags mit der Metropolitan Atlanta Rapid Transit Authority (MARTA) mit dem von Stadler neu entwickelten CBTC-System ausstatten und kann damit zum ersten Mal das hauseigene Zugsicherungssystem in einem Metro-Projekt verwenden.

23.03.2021

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