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Dunkle Wolken für die Pferdebahn Spiekeroog

Der geschlossene Pferdebahnwagen 1 | © D. Budach

Tamme und Eddie – so heißen die zwei treibenden Kräfte der Inselbahn auf der Insel Spiekeroog, in Ostfriesland im Nordwesten Deutschlands gelegen. Es handelt sich dabei in Wirklichkeit um zwei genügsame und zugleich kräftige Pferde der Tinker Rasse, die abwechselnd über den Tag für den Vortrieb des Personenwagens über die 1,6 km lange Strecke sorgen. Wenn die Inselbahn denn fährt.

Die Spiekerooger Inselbahn ist ein einmaliges Überbleibsel unter Deutschlands Kleinbahnen, denn hier wird noch immer auf originaler Trasse von Ostern bis Oktober Fahrbetrieb für die Insulaner und ihre Besucher fast genauso wie vor 135 Jahren abgewickelt. Zumindest bis zur vergangenen Saison, denn im laufenden Jahr konnte der Betrieb nicht wieder aufgenommen werden. Die Corona-Krise war daran nur zum kleineren Teil Schuld, vielmehr fand vor geraumer Zeit eine erneute Überprüfung der Deichschart statt, die der Bahn die Durchfahrt durch den Deich erlaubt und im Winter regelmäßig verschlossen wird. Sie zeigte sich aber schon längere Zeit nicht mehr im besten, sicheren Zustand. Im vergangenen Winter wurde deshalb eine große Menge Sandsäcke zur Verstärkung aufgeschüttet. Diese provisorische Lösung wäre zwar auch wieder rückgängig zu machen, die Sandsäcke könnten entfernt und im nächsten Winter wieder aufgeschüttet werden, aber eine wirklich dauerte Lösung ist dies alles natürlich ohnehin nicht. Zudem weigerte sich die Gemeinde, für die verkürzte Saison 2020 dafür die Kosten zu übernehmen, die Sandsäcke liegen also noch immer und verhinderte die Durchfahrt der Inselbahn. Eine Kostenübernahme für eine komplette Erneuerung des Deichtors durch Gemeinde und Land Niedersachsen ist aktuell Gegenstand der Diskussion, doch ist ein klares Votum zugunsten der Pferdebahn noch nicht absehbar. Das mag überraschen, ist doch der touristische Wert der kleinen Bahnen von allen Seiten unbestritten und anerkannt.

Die Deichschart muss dringend erneuert werden und ist gegenwärtig verschlossen – die Pferdebahn kann nicht fahren | © Dirk Budach (2019)
Ein Blick zurück

Bis 1981 diente die Strecke und weitere, heute abgebaute Gleise der gut 3 km langen Verbindung des Dorfs in Inselmitte mit ihrem weit draußen im Wattenmeer gelegenen, alten Anleger. Über ihn wurde der gesamte Schiffsverkehr und die Versorgung der Gemeinde mit allem Lebens- und Überlebensnotwendigen abgewickelt, bis ein neuer, ortsnaher Hafen die alten Anlagen und auch die Inselbahn überflüssig machte. Am 30. Mai 1981 endete der Personenverkehr und Mitte 1983 auch der restlich, gelegentliche Güterverkehr. Bis auf einen bis 2000 ausgestellten Zug bestehend aus der Diesellok 4 und zwei Personenwagen verließen alle anderen Fahrzeuge kurz danach die Insel.

So sah die erste Pferdebahn im 19. Jahrhundert aus – hier im engen Dorfkern | © Sammlung Jördens

Eine Mischung aus Draisine und Triebwagen war dieses erste motorisierte Gefährt auf der Insel, hier im Dezember 1957 im alten, beengten Dorfbahnhof am heutigen Rathaus u.a. mit einem angehängten ex-Pferdebahn-Wagen | © Reinhard Todt, Sammlung Jördens

Weitere Bilder dieses Fotoautors von der Inselbahn werden in einem Buch von „Ludger Kenning: „Reinhard Todt bei den Straßen- und Privatbahnen – Band 2“ zu sehen sein

Personenzug mit Triebwagen 5 kurz vor der Stillegung im April 1981 | @ Eckehard Frenz
Der Hauptpersonenzug mit T5 mit Dorfbahnhof im Juni 1976 | © Klaus Jördens
Die 1965 gebaute Schöma-Diesellok 6 fährt heute auf Langeoog – hier im Juni 1976 | © Klaus Jördens
Triebwagen 5 im Juni 1976 im Dorfbahnhof | © Klaus Jördens
Und so sieht es heute aus: Die Pferdebahn nutzt ein neues Gebäude (rechts), der alte Bahnhof dient anderen Zwecken | © Dirk Budach (2019)

Und doch verschwand die Inselbahn nicht ganz: Es mutet heute fast wie ein kleines Wunder an, dass es gelang, mit zwei Wagen aus dem Stuttgarter Straßenbahnmuseum einen Pferdebahnbetrieb auf Spiekeroog in Gang zu setzen, der nach verschiedenem Auf und Ab bis heute überlebt und sich fest etabliert hat. Er hält die Erinnerung an die lange Zeit des Pferdeantriebs auf der Bahn wach, die immerhin von 1885 bis 1949 dauerte. Erst danach übernahmen Dieselfahrzeuge für die nächsten 32 Jahre den Betrieb. Seit 1981 fährt die Pferdebahn zwischen dem alten Dorfbahnhof fast schnurgerade zuerst durch das verschließbare Deichtor und dann über die geschützten Hellerwiesen bis an den Dünenübergang zum früheren Strandbad im Westen der Insel. Die übrigen Gleise wurden abgebaut, zuletzt der alte Anleger erst in 2009. Einzelne Gleisreste sind aber noch immer zu sehen.

Letzte Reste der Gleisetrasse zum alten, erst 2009 abgebauten früheren Anleger | © Dirk Budach (2019)

Die Museumpferdebahn ist in den vergangenen 39 Jahren zu einer echten Institution geworden, sie taucht bei allen Darstellungen über die Insel auf und ist natürlich eine Touristenattraktion von hohem Wert. Wie so häufig ist das Zustandekommen des Betriebs dem Engagement ganz weniger zu verdanken: Auf Spiekeroog in erster Linie dem Stuttgarter Hans Roll, der 1981 die Wagen hierher brachte und die Gemeinde überredete, die Gleise nicht auf ganzer Länge abzubauen, sondern die heutige Strecke bestehen zu lassen. Er besorgte in den ersten Jahren sogar selbst den Verkehr. Der anfangs geplante Betrieb bis zum Zeltplatz ließ sich allerdings nicht verwirklichen, aber immerhin deckt die heutige Fahrtstrecke einen guten Teil der allerersten Linie aus dem Jahr 1885 ab.

Der Betrieb

Und in einer weiteren vielleicht überraschenden, auf jeden Fall aber erfreulichen Wendung der Geschichte ist heute sein Sohn Christian der Betreiber der Bahn. Ihn zog es seit 2015 regelmäßig aus Berlin hierher an die Nordsee, und sein Engagement und sein Spaß am Betrieb der Bahn ist nicht zu übersehen. Er sorgt sich auch um die beiden Pferde Eddie und Tamme – sie haben sich als besonders gut geeignet für das Ziehen des leichten Wagens auf den meterspurigen Gleisen erwiesen. Nur wenig Kraft müssen sie für das Anfahren aufwenden, der geringe Reibungswiderstand auf den Gleisen lässt keine echte Anstrengung für die Tiere aufkommen. Sie sind die „Stars“ besonders bei den zahlreichen kleinen Mitfahrern, den Kindern der Sommerferiengäste auf der Entspannungsinsel Spiekeroog.

In den Sommermonaten sind normalerweise täglich zwischen drei und acht Fahrten über die Strecke vorgesehen, abhängig von der Wetterlage und der Nachfrage. Ruhetage gönnt sich Christian Roll nur nur bei Sturm und starkem Wind, wenn die Mitfahrt ohnehin kein wirkliches Vergnügen für die Gäste wäre. Aufgrund der derzeitigen Situation und des ohnehin eingestellten Betriebs ist er allerdings im Augenblick nicht auf der Insel. Hoffentlich ändert sich dies spätestens zur Saison 2021 wieder – viele, sehr viele Touristen und natürlich auch Bahnliebhaber hoffen auf eine möglichst rasche Wiederaufnahme des Betriebs.

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Die Pferdebahnwagen

Der Verkehr wird übrigens mit einem von den Stuttgartern nach historischen Vorbildern einst selbst gebauten, offenen Sommerwagen (Nr. 21) abgewickelt. Ein zweiter Wagen (ex Reutlingen) erwies sich Anfang der achtziger Jahre als zu schwer und kehrte bald auf’s Festland zurück, doch seit 2014 steht ein weiterer, leichter, aber geschlossener Wagen zur Verfügung. Er lief ursprünglich auf Regelspurgleisen als Replika eines Berliner Pferdebahnmodels im Europapark Rust. Mit Hilfe der Mitglieder des Museumsvereins Spiekeroog gelang der Umbau auf Meterspur. Er trägt die Nummer 1 und rollt dabei auf den Originalachsen eines früheren Spiekerooger Pferdebahnwagen, und zwar des früheren Wagens 13, der 1930 von der letzten deutschen städtischen Pferdebahn in Stadthagen übernommen worden war. Eine zweifellos gelungene Reminiszenz an den früheren Betrieb auf der Insel.

Hoffentlich hören wir alle schon bald wieder das Klingeln und Rattern der Pferdebahn auf der Nordseeinsel – an Mitfahrern wird’s nicht fehlen!

Die beiden Wagen vor dem Gebäude an der Endstelle am Dorfrand, das auch als Remise dient | © Dirk Budach (2019)

Links:
https://www.spiekeroog.de/inselerlebnis/kinder-familie/museums-pferdebahn/
http://www.pferdebahn-spiekeroog.de/
https://www.inselbahn.de/index.php?nav=1401116&lang=1

Literaturhinweis:
Nolte, Egbert: Die Spiekerooger Inselbahn, Verlag Kenning, Nordhorn 2000

28.08.2020

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