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Keine Tram: Wenig Fortschritt beim ÖPNV-Ausbau in Perpignan

Design study | © Program Pujol

Frankreich ist definitiv das führende Land in Europa, wenn es um die (Wieder-)Einführung moderner Straßenbahnsysteme geht: Heute fahren Trams in 28 französischen Städten, und einige weitere dürften in Zukunft folgen. Die meisten der typischen Mittelstädte werden jedoch bereits von Straßenbahnsystemen bedient.

Perpignan – mit 120.000 Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet und 267.000 im Großraum – liegt in Frankreichs südlichstem Département Pyrénées-Orientales in der Region Occitanie. Die meisten größeren Städte des Landes verfügen bereits über ein schienengebundenes Nahverkehrssystem, und Perpignan selbst untersucht und plant die Einführung einer modernen Niederflurtram schon seit fast 20 Jahren. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Streckenoptionen untersucht, und 2016 war sogar eine stadtweite Seilbahn „téléphérique urbain“ als Systemalternative geplant, die aber schließlichlich nicht zur Ausführung kam.

Zuletzt stand die Einführung der Tram auf einer der hauptbelasteten Strecken als erster wichtiger Schritt zur Umsetzung eines solchen Projekts auf der Agenda der Stadtregierung. Das 180-Millionen-Euro-Gesamtprojekt war Teil des politischen Programms des früheren Bürgermeisters Jean-Marc Pujol, der versprach, bis 2026 ein modernes Straßenbahnsystem einzuführen. Die politische Konstellation in der Stadtverwaltung änderte sich jedoch nach den Kommunalwahlen im September 2020, als Louis Aliot vom rechtsgerichteten Rassemblement National zum neuen Bürgermeister gewählt wurde. Er sagte das Projekt ab, aber seine Partei hat nur im Stadtparlament die politische Mehrheit, nicht aber in der rund 267.000 Einwohner zählenden Agglomeration Perpignan. Für die Wiedereinführung der Straßenbahn in der Stadt gibt es dennoch vorerst wenig Hoffnung.

Designentwurf aus dem Programm des vorherigen Bürgermeisters | © Programm Pujol
Die alte Straßenbahn in Perpignan Anfang der fünfziger Jahre, mit Tw 6 | © Memoire2Ville @Memoire2cite

Etwas zur Geschichte des elektrischen Verkehrs in der Stadt

Früher fuhren Straßenbahnen in Perpignan zwischen 1900 und 1955, bevor die landesweite Anti-Straßenbahn-Politik auch hier zur endgültigen Aufgabe des alten Systems führte. Der elektrische Nahverkehr wurde noch einige Zeit in Form des Trolleybusses fortgesetzt, aber das System erreichte keine nennenswerte Größe – insgesamt 16 Fahrzeuge bedienten in den letzten vier Jahren maximal 7,8 km Streckenkilometer. Der Betrieb existierte nur von 1952 bis 1968. Die Entscheidung, den Obusverkehr am 1. Juni 1968 einzustellen, kam so überraschend, dass zwei der Obusse gerade im Rahmen eines Modernisierungsprogramms einer umfassenden Renovierung unterzogen wurden, aber direkt im Anschluss beim Schrotthändler landeten, ohne noch einmal in den Linienverkehr zurückgekehrt zu sein !

Trolleybus 124 vom Typ Vetra VA3 ex-Marseille am Endpunkt Garrigole am 23.09.1966 | © Christian Buisson
Trolleybus 106 vom Typ Vetra VBRh, Baujahr 1954, auf der nur vier Jahre betriebenen Verlängerung der Linie 2 nach Garrigole am 24.9.1966 | © Christian Buisson
Trolleybus 110 vom Typ Vetra VBRh, Baujahr 1949, ex Marseille 223, am Bahnhof am 24.9.1966 | © Christian Buisson
Neuere Entwicklung beim Busnetz

Als Alternative zu einer Straßenbahn zog man eine „Umgestaltung“ des bestehenden Autobusnetzes in Erwägung, und im Laufe der Jahre konnten tatsächlich einige Verbesserungen am bestehenden reinen Busnetzes umgesetzt werden. Im September 2018 wurden die drei neuen Hauptlinien A, B und C eingeführt und der Rest des Netzes neu strukturiert. Die „Lignes armatures “ A, B, C machen 40 % der Fahrgastnachfrage aus, sie bieten einen 10-Minuten-Takt (A) und einen 15-Minuten-Takt (B und C), und es gibt vier spezielle Umsteigepunkte in Languedoc, Massilia, Lycée Maillol und TGV-Bahnhof zu den restlichen 25 Buslinien („Lignes complémentaires“) sowie zusätzlichen Sonderlinien. Alle Linien nutzen den Markennamen Sankéo für den Stadtbusverkehr. Zusätzlich wurde ein Bus-on-demand-Service eingeführt, der bestimmte Bereiche der Stadt bedient.

Ein kurzes Stück Eigentrasse im Zentrum | © D. Budach
Irisbus Crossway LE (Low Entry) „schwimmt“ im allgemeinen Verkehr mit | © D. Budach
Hauptlinie C mit MAN Lion’s City: So wird kein BRT-Standard erreicht | © D. Budach

An einigen Stellen konnten vom Individualverkehr getrennte Busspuren realisiert werden, die auf mehreren Streckenabschnitten höhere Fahrgeschwindigkeiten erlauben. Allerdings benutzen auch die Hauptlinien A, B, C in der Praxis noch immer hauptsächlich öffentliche Straßen mit und bleiben dadurch zumindest während der Hauptverkehrszeiten im allgemeinen Verkehr stecken. Der derzeitige Busbetrieb in Perpignan ist so doch ziemlich weit entfernt von einem echten Bus Rapid Transit (BRT) System, oder „Bus a haut niveau de service“ (BHNS), wie es auf Französisch heißt. Auch die Gesamtzahl von ca. 10 Millionen Fahrgästen auf dem Netz im Jahr 2019 lässt im Vergleich zu den Zahlen anderer französischer Ballungsräume noch einiges an Spielraum für Verbesserungen erkennen, 38 Fahrten pro Jahr unternehmen die Bürger der Stadt – gerade mal die Hälfte des landesweiten Durchschnitts.

Die Flotte

Die Busflotte besteht aus 12 Gelenkbussen, 51 Standard-12-Meter-Bussen, 8 Midibussen, 12 Minibussen und weiteren 37 Fahrzeugen für den Überland- oder Sonderverkehr. Unter den 12-Meter-Standardfahrzeugen befinden sich 17 Hybridbusse – reine Elektrobusse sind noch nicht Teil des Fahrzeugparks. Auch hier ist also Potential unübersehbar.

MAN / Caetano Midibus City | © D. Budach
Irisbus Citelis, Baujahr 2006 | © D. Budach
MAN Lion’s City im BHNS-Design verlässt die Eigentrasse im Zentrum | © D. Budach
IVECO Daily / Vehixel Cytios Kleinbus | © D. Budach
Einer der sieben MAN Lion’s City G-BHNS auf der Hauptlinie A auf reservierter Spur im Zentrum | © D. Budach
01.04.2021
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