Urban Transport Magazine
Der Öffentliche Personen-Nahverkehr in Stadt und Region
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Zweiachsige Straßenbahnwagen aus Gotha

von Peter Kalbe und Volker Vondran

352 Seiten im Format 17,0 x 24,0 cm, gebunden

Herausgeber: Verlag Dirk Endisch

ISBN 978-3-947691-01-2

Preis: 37,50 €

Ein ganz besonderes Kapitel der Fahrzeuggeschichte von Straßenbahnbetrieben in Deutschland ist jenes der DDR in den Jahren ab 1950 bis Ende der 1970er Jahre. Zum einen, weil hier die Entwicklung mit dem Festhalten an und sogar der späten Rückbesinnung auf zweiachsige Wagen sich von den Wegen anderer Länder grundlegend unterscheidet, zum anderen aber weil die Informationslage in dem lange Zeit auf Abschottung bedachten „Arbeiter- und Bauernstaat“ teilweise recht dürftig war. Es ist bis 1990 zwar im Land selbst, aber auch im Westen viel berichtet und dokumentiert worden, dies beruhte aber in der Regel auf persönliche Beobachtungen und den intensiven Austausch von Verkehrsfreunden untereinander und nicht auf offizielle Unterlagen. Diese wurden erst nach dem Ende der DDR zugänglich und lieferten manche neuen Erkenntnisse.

So ist es nicht verwunderlich, aber umso mehr begrüßenswert, dass über die für die DDR produzierten Straßenbahnwagen in Werdau und Gotha, aber auch die Nachbauten in der CSSR und auch die Rolle des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes Berlin-Schöneweide bei der so genannten Rekonstruktion von Altfahrzeugen aber auch der Aufarbeitung und Modernisierung von LOWA und Gothawagen ab Mitte der 1990er Jahre zahlreiche Veröffentlichungen erschienen sind.

Was bisher noch fehlte war eine detaillierte Darstellung über die Zweiachser der Bauart Gotha, welche nun als dickes Buch im Spezialverlag von Dirk Endisch erschienen ist. Dort waren auch schon zuvor Bücher über die Tatra-Straßenbahnwagen des Typs T2D/B2D (1909), die LOWA-Wagen ET/EB 50 und ET/EB 54 (2012), die Gelenkwagen des Typs Gotha G4 (2014), herausgekommen, die auch noch lieferbar sind.

Schon 2006 gab es bei Endisch ein Buch über die Waggonfabriken in Gotha, welches aber bei den Fahrzeuglieferungen nur bedingt in die Einzelheiten ging. Die in der DDR gebauten vierachsigen Großraumwagen waren 2015 Thema einer Veröffentlichungen im Berliner Verlag Bernd Neddermeyer.

Einzig die Behandlung der Rekowagen aus Schöneweide sind über eine 1996 beim Berliner GVE-Verlag erschienene Broschüre nicht hinausgekommen, die in sich zwar sehr brauchbar und vollständig ist, ein Buch dazu aber wesentlich mehr Möglichkeiten der Illustration und der Darstellung der Hintergründe böte. Mal abwarten, vielleicht macht ja auch hier ein solches den Reigen noch vollständig.

Aber zurück zum neuen Werk über die Zweiachser aus Gotha: Mit diesem Buch ist eine Publikation entstanden, welcher man wohl das Attribut Standardwerk geben kann. Alle Aspekte, die mit Entwicklung, Bau, Einsatz und Verbleib zusammenhängen werden in elf Kapiteln plus Anhang ausführlich behandelt. Das beginnt mit einer Lagebeschreibung der Verkehrsbetriebe zu Beginn der 1950er Jahre, der Situation des Waggonbau Gotha und der ersten Entwicklung eines neuen Fahrzeugtyps nach den LOWA-Wagen. Diese fünf Triebwagen ET 55 entstanden in den Jahren 1954-55, deren Einsatz blieb aber auf den Betrieb am Produktionsstandort begrenzt. Es folgt dann eine ausführliche Beschreibung der Konstruktion und der mechanischen und elektrischen Ausrüstung, der sich die Fertigungslisten der einzelnen Varianten der Bauart 1957 anschließt. In jahrelanger Forschungsarbeit und Kontakt zu örtlichen Verkehrsfreunden ist es auch gelungen, die in die Sowjetunion gelieferten Trieb- und Beiwagen korrekt zu erfassen.

60 Seiten werden schließlich den Lebensläufen der einzelnen Fahrzeuge gewidmet, denn die „Umsetzungen“ waren ein besonderes Merkmal der DDR-Betriebe und in bescheidenerem Maße auch der Betriebe in der SU. Je nach Bedarf wurden die Fahrzeuge, staatlich gelenkt und überwacht, von Betrieb zu Betrieb weitergegeben, so dass sich bei einzelnen Einheiten bis zu fünf verschiedene Einsatzorte ergaben. Hier konnten gegenüber den vorhandenen Übersichten zahlreiche Unklarheiten, aber auch Fehler, die sich dann jahrelang durch die Literatur zogen, beseitigt werden. Für die SU-Fahrzeuge bleiben zwar immer noch wenige Fragen offen, aber vom Grundsatz her ist deren Geschichte und Verbleib erstmalig und weitgehend vollständig geklärt.

Dieser grundlegenden Darstellung schließen sich zwei, jeweils aber auch über 30 Seiten lange Abschnitte über im Laufe der Jahre vorgenommenen Veränderungen und Umbauten und die für Sonderzwecke umgebauten Fahrzeuge an. Bei den Umbauten war speziell das RAW Schönweide zu DDR-Zeiten federführend.

Wurden in der zuvor entstandenen Literatur zum Thema Gothawagen meist alle Lieferungen zwischen 1957 und 1969 in einen Topf geworfen, so trennen die Autoren die Bauart 57 von den in den Jahren 1961,1962 und 1969 entstandenen Fahrzeugen und behandeln sie in eigenen Abschnitten des Buches, was angesichts der technischen Weiterentwicklung und zum Teil recht erheblichen Unterschiede ein sinnvoller Schritt sein dürfte. Die Lieferlisten, Lebensläufe und Umbauten finden sich hier dann ebenfalls für jede Bauart separat.

Nach den Festlegungen im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) über den Bau von Fahrzeugen waren für Straßenbahnen ab 1968 ausschließlich die CKD/Tatra-Werke in Prag zuständig, was zum Ende der Produktion in Gotha im Jahre 1967 führte. Wegen des weiterhin bestehenden Bedarfs an Fahrzeugen in der DDR, bauten die Tschechen den Gothawagen im letzten Entwicklungszustand bis 1968 unter der Bezeichnung T2D/B2D nach Plänen aus Gotha weiter. Dieser Bauart ist ein eigenes Buch gewidmet. Da es im Werk in Gotha aber aus der Zeit des Straßenbahnbaus noch recht viel Material vorhanden war, CKD keine Zweiachser mehr bauen wolle, konnte oder durfte, der Bedarf besonders bei den kleineren Betrieben in der DDR aber unverändert groß war, entstanden in Gotha 1969 noch einmal 65 Beiwagen als Neubauten. Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte, waren sie als „Grundinstandsetzung“ vorhandener älterer Wagen deklariert. Diesem interessanten Thema wird das letzte Kapitel gewidmet. Daran schließt sich der Anhang mit einer Übersicht der verwendeten Abkürzungen und ein Quellen- und Literaturverzeichnis an, welche von der äußerst gründlichen Arbeit der Autoren Zeugnis ablegen.

Text und Tabellen sind durch etlichen hundert Fotos in ausreichender Größe in schwarz-weiß und teilweise auch in Farbe ergänzt, deren ausführlichen Unterschriften ebenfalls noch viele Informationen liefern. Die Qualität der Abbildungen ist sehr gut und es überrascht, welche Schätze hier vom Einsatz in der SU, teilweise sogar in Farbe, gefunden werden konnten! Zeichnungen der Fahrzeuge und Abbildungen von Katalogblättern fehlen nicht.

Irritierend ist zunächst, dass besonders die langen Tabellen der Lieferlisten der Bauart 57 nicht zusammenhängend abgedruckt sein, sondern von eingestreuten Fotos unterbrochen werden. Wenn man sich daran gewöhnt hat, wirkt diese Form der Darstellung aber durchaus sinnvoll, da seitenlange „Zahlenwüsten“ nur für hartgesottene Statistikfreunde attraktiv sind und der das gesamte Werk durchziehende Wechsel von Bild, Text und Tabelle das Lesevergnügen deutlich erhöht.

Auch heute noch „lebt“ der Gotha-Zweiachser, denn nahezu jeder Einsatzbetrieb besitzt zumeist betriebsfähige Museumsfahrzeuge, die zum Teil auch in den Lieferzustand zurück- versetzt worden sind. Über 60 Jahre nach der ersten Indienststellung gibt es aber in Deutschland drei und auf der ukrainischen aber russisch besetzten Krim einen Betrieb, wo diese Fahrzeuge tagtäglich planmäßig im Liniendienst fahren, bei der Kirnitzschtalbahn und in Woltersdorf ausschließlich, in Evpatoria gemeinsam mit Tatra-Gelenkwagen und dem ersten Neubau aus russischer Produktion und in Naumburg zusammen mit LOWA und REKO-Wagen. Hier sind dann alle drei Generationen des Einheitswagenbaus in der DDR im Linienbetrieb vereint!   

Alles in allem eine Veröffentlichung, die Maßstäbe setzt und einen Aspekt deutscher Fahrzeuggeschichte umfassend darstellt. Dies in guter Qualität und einem für das Gebotene moderaten Preis. Absolut empfehlenswert!

25.01.2020

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