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Neue Hoffnung für den Überland-Trolleybus in Sanremo

Trolleybus 1700 direkt an der Riviera - Endstelle La Brezza | © D. Budach

Die Stadtverwaltung von Sanremo hat beim italienischen Ministerium für Infrastruktur und Verkehr (MIT) den Antrag auf Finanzierung eines umfangreichen Sanierungs- und Modernisierungsprogramms für das Überland-Obus-System entlang der sogenannten Blumenriviera, „Riviera dei Fiori“, eingereicht.

Das seit 1942 bestehende Trolleybus-System in und um das Seebad Sanremo herum zeigt schon seit Jahren merklichen Erneuerungsrückstand, Teile der Infrastruktur, aber auch der Fahrzeugpark müssen grundlegend modernisiert werden – so sind die eingesetzten Wagen sind fast alle bereits 30 Jahre alt. Im Stadtgebiet von Sanremo selbst kommen auf der kurzen innerstädtischen Linie zwischen Villa Helios und La Brezza täglich nur maximal zwei Fahrzeuge zum Einsatz, während die 18 km lange Überlandlinie zwischen Sanremo westwärts über Ospedaletti und Bordighera nach Ventimiglia an der französischen Grenze nur sporadisch von Obussen bedient wird. Die 12 km lange Strecke in Richtung Osten nach Taggia ist seit mehr als 20 Jahren außer Betrieb, obwohl Teile der Oberleitung vor Jahren neugebaut wurden. Auch die Flotte der einsatzfähigen Trolleybusse ist sehr begrenzt, nur fünf Breda Menarini aus dem Jahr 1991 sind aktuell einsatzfähig, auch die beiden einzigen Niederflurfahrzeuge Solaris Trollino 12 aus dem Jahr 2008 sind dringend reparaturbedürftig abgestellt.

Nur zwei Niederflur-Obusse hat der Betrieb, vom Typ Solaris Trollino 12, beide sind derzeit außer Betrieb | © D. Budach
Defekter Obus in der Endschleife Ventimiglia 2016 | © D. Budach
Reilweise ausgeschlachteter Breda Menarini Trolleybus vom Baujahr 1991| © D. Budach
Dieselbus-Ersatzverkehr auf der Linie T nach Taggia | © D. Budach

Das weitere Schicksal der Anlage stand immer mal wieder zur Diskussion: Einerseits wurde in der Vergangenheit mehrfach die Stilllegung des gesamten Netzes erörtert, insbesondere die regionale Verkehrsgesellschaft RT als Betreiber unterstützt solche Pläne seit längerem. Andererseits wurden vor gut 15 Jahren detaillierte Pläne ausgearbeitet und offiziell vorgestellt, die eine neue, parallele Strecke mit weitgehender Eigentrasse auf der stillgelegeten, küstenparallelen Eisenbahntrasse durch Sanremo, zu betreiben mit neuen Designer-Trolleybussen vorsahen. Zu einer definitiven Entscheidung in die eine oder andere Richtung kam es jedoch über Jahre nicht.

Umfang der Erneuerungen

Die aktuelle Initiative zur Erneuerung des gesamten Systems umfasst die Anschaffung von 23 neuen Batterie-Trolleybussen mit „In-motion Charging“-Technik (IMC). Diese Technologie ermöglicht längere Fahrten abseits des Fahrleitungsnetzes mit Fahrgästen, auch dort also, wo keine Oberleitungen verlegt sind, mittels leistungsfähiger Traktionsbatterien. Diese werden wieder aufgeladen, sobald der Bus Streckenabschnitten unter Oberleitungen befährt. 10 dieser Wagen sollen Gelenkobusse sein. Das Stromversorgungssystem wird auf 750 V (heute 600 V) umgerüstet und auch die Unterwerke werden komplett erneuert. Teile der Oberleitung müssen ebenfalls saniert oder ersetzt werden, und auch ein neuer Depotgelände ist in Planung. Der Projektentwurf sieht aßerdem zusätzliche Busspuren und Ampelpriorität vor, um die Reisegeschwindigkeit zu erhöhen und die Fahrzeit auf den vor allem im Sommer stark stauanfälligen Straßen zu reduzieren. Umsteigestatione zu anderen Linien und zur Bahn werden in Ventimiglia, Vallecrosia, Bordighera, Sanremo und Taggia geschaffen.

Die künftig runderneuerte, 30 km lange Linie von Ventimiglia über Sanremo nach Taggia verläuft fast vollständig entlang der reizvollen Küstenlinie der Riviera dei Fiori. Sie wird durch andere Linien ergänzt werden, die zum Teil ebenfalls von den neuen Batterie-Trolleybusse befahren werden können und dabei die bestehende Oberleitung auf den Abschnitten nutzen können, die gemeinsam mit der Hauptlinie verlaufen. Die Gesamtinvestitionskosten werden sich voraussichtlich auf ca. 50 Mio. EUR belaufen.

Kurzfristig umzusetzende Maßnahmen

Als Ausgangspunkt hat die Stadtverwaltung auch beschlossen, einige der derzeit außer Betrieb befindlichen Obusse zu sanieren, darunter der 1957 gebaute Wagen Nr. 29, der in der Vergangenheit schon als historisches Fahrzeug für besondere Anlässe eingesetzt wurde, nun aber seit Jahren abgestellt ist.

Abgestellter historischer Obus Nr. 29 | © D. Budach

Bleibt zu hoffen, dass für all diese Pläne die nötige Finanzierung auch gewährt wird, damit der elektrische „Filobus“ – wie er auf Italienisch genannt wird – wieder sein Potenzial voll ausschöpfen und seine Vorteile als modernes und umweltfreundliches, öffentliches Verkehrsmittel unter Beweis stellen kann.

Fahrzeugpark:

Historische Bildergalerie (Klick zum Öffnen):
Literatur Sanremo:

Budach, D.: Die Lage der Obusbetriebe in Italien, in: „stadtverkehr“ Nr. 5/2003, S. 33 ff.

Budach, D.: Der Trolleybus an der Riviera, in: “stadtverkehr” Nr. 3/2016, S. 36-39

Gregoris, P., Rizzoli, F., Serra, C.: Giro d’Italia in filobus, Cortona 2003, S. 59-63

Johansson, T.: Die Entwicklung im italienischen Obuswesen, in: Der Stadtverkehr Nr. 4/1982, S. 144 ff., und 5-6/1982, S. 214 ff. mit Ergänzungen in Nr. 8/1982, S. 326 ff.

Murray, A.: World Trolleybus Encyclopaedia, Reading/GB 2000

Prévot, D.: Der Obus in Italien, in: Der Stadtverkehr Nr. 4/1972, S. 119 ff.

Roggenkamp, H.: Verkehrseindrücke aus San Remo, in: „stadtverkehr“ Nr. 11-12/89, S. 12 ff.

12.03.2021

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